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Die ewige Müdigkeit

Angefangen hatte es mit Müdigkeit und Antriebsschwäche, mit nachlassender Lebensfreude und Konzentrationsschwierigkeiten. Björn Weissbecker* fühlte sich ständig erschöpft, Schwindel, Hitzewallungen und eine erhebliche Missmutigkeit kamen hinzu. Er fühlte sich morgens wie gerädert, er schwitzte leicht, hatte starke Blähungen und Muskelkater.
Die ewige Müdigkeit

Anfangs glaubte er, seine Beschwerden hingen mit der Unzufriedenheit über seine Lebenssituation und die Beziehung mit seiner Freundin zusammen. Also trennte er sich und zog um. Doch die Symptome nahmen nicht ab. Vielleicht, vermutete er, könnten seine Beschwerden mit Umweltgiften zusammenhängen. Er nahm mehrere Monate Zahnbehandlung auf sich, um alle Amalgamfüllungen zuerst durch Kunststoff und schließlich durch Biogold ersetzen lassen. Nichts davon half. Eigentlich fühlte er sich glücklich und verstand nicht, warum es ihm schlecht ging.
 
So oder ähnlich klingen viele Vorgeschichten von Patienten, die am Chronique-Fatigue-Syndrom (CFS) leiden, streng abzugrenzen vom sogenannten Fatigue-Syndrom, das Müdigkeitszustände als Folge- oder Begleitkrankheit von Krebs oder Multipler Sklerose bezeichnet. Das Krankheitsbild CFS hingegen wirft mehr Fragen auf, als wir Antworten haben. Ist es tatsächlich ein eigenes Krankheitsbild oder nur ein weiteres Symptom einer Erschöpfungsdepression? Warum tritt es Beschwerden oft losgelöst von aktuellen Belastungen oder chronischen Konflikten auf? Warum scheint es weder medikamentös noch psychotherapeutisch behandelbar zu sein? Könnten Virusinfektionen, Entzündungen durch andere Erreger oder neuroimmunologische Zusammenhänge CFS auslösen?
 
Über 300000 Betroffene
Mehr als 300000 Menschen leiden in Deutschland unter CFS. Gemeinsam sind allen CFS-Patienten die verzweifelte Suche nach Hilfe und die multiplen medizinischen Abklärungen. Die meisten haben eine Odyssee hinter sich, die von der Suche nach Umweltgiften über Ernährungsumstellungen und Nahrungsergänzungsmitteln bis zu unspezifischen entzündungshemmenden Medikamenten, Immunglobulinen, Cortison oder Interferon reicht. Sie haben eindeutige körperliche Symptome, trotzdem hören sie von vielen Ärzten: „Sie haben nichts, Sie sind gesund.“
 
Obwohl auch psychotherapeutisch sehr hartnäckig, ist die intensive multimodale psychosomatische Therapie ein wichtiger Schritt in der Behandlung des CFS. Gerade die Möglichkeit, mit Körpertherapien, intensiven kreativen oder Entspannungsverfahren in Verbindung mit physikalischer Behandlung einen Zugang zu dahinterliegenden lebenslangen Beziehungsproblemen zu finden, macht diesen Weg lohnend, wenn auch langwierig. Auch Björn Weissbecker ist ihn gegangen: In Gesprächen wurde deutlich, dass seine Störung mit der unglücklichen Ehe seiner Eltern und dem frühen Selbstmord der Mutter zusammenhing. Mit fünf Jahren war er zunächst zu den Großeltern gebracht und dann von seinem Vater und dessen neuer, philippinischer Frau aufgezogen worden. Über den Tod der Mutter war nie viel gesprochen worden. Weissbecker wurde zunehmend unfähig, passive Wünsche und Bedürfnisse bei sich zuzulassen. Je mehr er sie abwehrte, desto müder wurde er. Mit diesen ersten Erkenntnissen begann seine langfristige psychotherapeutische Behandlung. Für BjörnWeissbecker und viele Betroffene ist sie der einzige Ausweg aus der „ewigen Müdigkeit“. 

* Name von der Redaktion geändert

Autor:
Dr. Merkle

 

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