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„Ein starker Rücken kennt keine Schmerzen“

Im Gesundheits-Journal-Interview erklärt Dr. med. Gabriela Kieser, wie sich Rückenbeschwerden durch Krafttraining vermeiden lassen.
Dr. med. Gabriela Kieser Dr. med. Gabriela Kieser
GJ: Frau Dr. Kieser, seit rund 25 Jahren behandeln Sie Rückenbeschwerden allein durch Krafttraining. Geht das überhaupt?

Gabriela Kieser: Ja, sehr gut sogar. In 80 bis 90 Prozent der Fälle können wir das Problem ohne Medikamente allein über die gezielte Kräftigung der Rückenstreckmuskulaturlösen. Wir wissen seit den Forschungsarbeiten an der Universität von Florida in Gainesville in den Achtzigerjahren, dass 80 Prozent der Menschen mit chronischen Rücken-und Nackenbeschwerden eine unterdurchschnittlich schwache autochthone Rückenstreck-Muskulatur haben.

Das ist die Tiefenmuskulatur?
Genau. Diese sogenannten Lumbal-Extensoren bilden die tiefste von drei Rückenmuskel-
Schichten. Das sind kurze Muskeln, die von Wirbel zu Wirbel ziehen und damit die Wirbelsäule stabilisieren. Sie sind nur schwer anzusteuern. Doch der Amerikaner Arthur Jones entwickelte 1986 im Rahmen des eben erwähnten Forschungsprojektes die Lumbar-Extension- Therapiemaschine – kurz LE. Mit ihrer Hilfe gelingt es, die Kraft dieser tiefen Muskelpartie isoliert zu testen und zu trainieren. Diese Maschine kommt bei Kieser Training seit 1990 erfolgreich zur Behandlung von Rückenschmerzen zum Einsatz.

In Deutschland steigt die Zahl der Menschen, die mindestens einmal im Jahr unter Rückenschmerzen leiden. Woran, glauben Sie, liegt das?
Wir entwickeln unseren Bewegungsapparat einfach nicht mehr so, wie es nötig wäre. Wir haben den Bewegungsapparat eines Steinzeitmenschen, der auf Jagd und Wechselbelastungen ausgerichtet ist, sitzen oder stehen aber den ganzen Tag herum. Das beginnt schon in der Jugend. So wird die Muskulatur erst gar nicht richtig ausgebildet. Mit 25 ist das Kraftmaximum dann erreicht, danach
geht es kräftemäßig wieder bergab. Ein Achtzigjähriger hat etwa 50 Prozent seiner ursprünglichen Maximalkraft verloren. Unsere Muskulatur verkümmert und wir mit ihr.

So kommt es zu Beschwerden?
Ja. Zu schwache Rückenstrecker können die Wirbelsäule nicht mehr richtig stabilisieren.
So kommt es zur Überlastung der kleinen Wirbelgelenke und Bandscheiben, die schneller degenerieren. Abnutzungserscheinungen, schmerzhafte Blockaden, Arthrosen, Entzündungen
der Wirbelgelenke und Bandscheibenvorfälle sind die Folge. Mit Hilfe der LE gelingt es, die tiefen Rückenstrecker isoliert aufzubauen und chronische Rückenschmerzen mit wenig Trainingsaufwand schnell zu lindern oder zu beseitigen. Sogar Operationen können wir damit in neun von zehn Fällen vermeiden. Nachweislich!

Was ist das Besondere an der LE-Maschine?
Das Becken wird über Gurte, Polster und Fußrasten so fixiert, dass bei der Rückenstreckung nur die tiefen Rückenstrecker arbeiten. Ohne die Fixierung des Beckens würden die Gesäß- und Oberschenkel-Muskeln den Hauptteil der Last übernehmen. Damit blieben aber die Rückenstrecker schwach, weil sie nicht bis zur lokalen Erschöpfung belastet werden.

Bis zur lokalen Erschöpfung? Was bedeutet das?
Nur, wenn der Muskel innerhalb von 60 bis120 Sekunden so stark belastet wurde, dass er keine weitere Bewegung mehrausführen kann, erhält der Muskel das Signal, Reservefasern zu mobilisieren, Proteine einzulagern und zu wachsen.

Gymnastik oder Rückentraining hätten doch die gleiche Folge.
Nein, ganz im Gegenteil. Erst die Fixierung des Beckens erzeugt eine gezielte Kräftigung
der Rückenstrecker. Wichtig ist außerdem, dass ein Muskel über den gesamten möglichen schmerzfreien Bewegungsumfang gleichmäßig belastet wird. 2011 hat eine britische Forschungsgruppe bestätigt, wie wichtig die Beckenfixierung für den Behandlungserfolg
ist. Während die Schmerzintensität in der Gruppe, die an der LE trainierten, um 50 Prozent zurückging, gab es sowohl in der Gruppe, die ohne Beckenfixierung trainierte, als auch in der Kontrollgruppe, die eine normale physiotherapeutische Behandlung erhielt, keine Veränderung.

Kann die intensive Belastung eines Krafttrainings nicht auch Schäden verursachen?
Die Sorge ist unbegründet. Im Alltag kann viel mehr passieren, etwa wenn Sie Ihre Badewanne putzen, das Bett machen oder ein Kind hochheben. Das sind tatsächlich gefährlichere Belastungen als an der LE, bei der die Bewegungen geführt und sehr langsam sind. Es gibt nur sehr wenige
Kontraindikationen, und die werden im Rahmen der medizinischen Vorabklärung vor Ort ausgeschlossen, gegebenenfalls in Kooperation mit dem behandelnden Orthopäden.


Werden die Trainierenden auch weiterführend begleitet?
Natürlich, Sie werden von einem Therapeuten begleitet. In der ersten Sitzung wird nicht nur die Maschine auf den Menschen eingestellt, sondern auch der Mensch an die Fixierung und den leichten Widerstand gewöhnt. Nach dem ersten Training kann es durchaus zu leichten Reizungen kommen,
die verschwinden aber nach ein bis zwei Tagen wieder.


Worauf sollten Betroffene sonst noch achten?
Das hängt ganz von ihrem jeweiligen Rückenproblem ab. Um eventuelle Blockaden zu lösen, können vorab Massagen sinnvoll sein. Auch bei einem akuten Ereignis wie einem Hexenschuss sollten die Schmerzen zunächst abflauen. Sie können manualmedizinisch oder mit Medikamenten abgedämpft
werden, bis man ins Training einsteigen kann. In 90 Prozent der Fälle reichen aber zwölf bis 18 Sitzungen an der LE, kombiniert mit einem Ganzkörpertraining. Der Zeitaufwand liegt bei etwa 30 bis 45 Minuten, ein- bis zweimal pro Woche. Um die Kraft der Rückenstrecker zu erhalten, reicht monatlich eine Sitzung an der LE.


Bietet Kieser nur Rückentraining an?
Nein. In unseren Studios trainieren Sie immer den ganzen Körper. Der Nutzen ist riesig und das Wissen darum nimmt durch die neue Forschung stetig zu. Wir brauchen unsere Muskulatur nicht nur zum Stützen und Bewegen, sie ist auch unser größtes Stoffwechselorgan.


Hilft Kieser Training auch bei der Reduktion von Übergewicht?
Aber natürlich. Krafttraining spielt hier eine sehr wichtige Rolle. Neuere Studien belegen außerdem, dass Muskeln Botenstoffe mit hormonähnlicher Wirkung ausschütten.


Starke Muskeln machen glücklich?
So könnte man sagen.


Die Fragen stellte Tania Schneider, Freie Autorin.
Dr. med. Gabriela Kieser
 
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