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In der Rettungsstelle des Klinikums Frankfurt Höchst: Eine Nacht in der Notaufnahme

„Die Notaufnahme (auch Rettungsstelle, Notfallaufnahme, Notfallambulanz, Notfallstation oder Erste-Hilfe-Station) ist eine Anlaufstelle im Krankenhaus zur Akutversorgung und ist Teil der Notfallmedizin.“ In dieser Erklärung des Begriffs Notaufnahme von Wikipedia kommt das Wörtchen „Not“ bereits fünfmal vor.
Notaufnahme Foto: Carolina Ramirez Fotografie
Was wenig verwundert, schließlich handelt es sich bei einer Notaufnahme um einen Rund-um-die-Service zur medizinischen Versorgung von – wohlbemerkt – Not-Fällen. Wir wollten wissen, ob das tatsächlich so ist, wollten mit eigenen Augen sehen, wer sich mitternachts oder morgens um drei auf den Weg ins Krankenhaus macht, und herausfinden, ob Notärzte tatsächlich nur Notfälle behandeln.
 
„Kein Problem,“ meint Dr. Peter Petersen, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme im Klinikum Frankfurt Höchst, als wir ihn Ende Januar anrufen, „kommen Sie nur. Aber man weiß nie, wie eine Nachtschicht verläuft. Manchmal ist über Stunden fast nichts los, und an anderen Tagen wissen wir nicht, wo wir anfangen sollen.“ Wir schlagen den 2. März vor. Am Fastnachtssonntag, wenn sich der Umzug durch die Frankfurter Innenstadt wälzt und Narren alkoholische Ausscheidungswettkämpfe feiern, werden wir bestimmt etwas zu berichten haben.
 
Die Höchster Notaufnahme liegt im modernsten Teil des weitläufigen Klinikareals, einem dreigeschossigen, ockerfarben verkleideten Gebäuderiegel. Auf dem Dach des gläsernen Vorbaus, dessen automatische Tore sich zur Gotenstraße öffnen, steht in großen Lettern „Notfallvorfahrt“. Gegen 17 Uhr kommen wir dort an. In seinem Büro gibt uns Dr. Petersen zunächst einen Überblick über die Situation. Auf dem Bildschirm seines Computers ruft er eine chronologische Übersicht aller Fälle auf, die sich augenblicklich in der Notaufnahme aufhalten oder in den zurückliegenden Stunden dort eingetroffen sind: „Ein ganz normaler Sonntag. Alkoholleichen gibt es bis jetzt keine.“ Die Narretei hinterlässt dennoch erste Spuren im Protokoll, 17:35 Uhr kommen Eltern, die sich mit ihrem knapp einjährigen Baby mitten ins Getümmel des Umzugs gestellt hatten. Nun befürchten sie, der Säugling könnte Konfetti in der Nase haben.
 
Ansonsten ist alles ruhig, das lässt Zeit für einen Kaffee, bei dem uns Petersen eine weitere Software auf seinem Rechner erklärt: „IVENA, das steht für Interdisziplinärer Versorgungs-Nachweis und ist eine Entwicklung des Frankfurter Amtes für Gesundheit für die Rettungsleitstelle. Hier sehen Sie jeden Fall, mit dem ein Rettungs- oder Notarztwagen in Frankfurt unterwegs ist und wohin er fährt.“ IVENA zeigt noch mehr, beispielsweise wenn in einem Krankenhaus die Intensivstation belegt ist. Das erlaubt der Rettungsleitstelle, die Fahrten nach Kapazität und geographischer Nähe eines Krankenhauses zu dirigieren. „Aber der Patientenwunsch hat Vorrang,“ schränkt Petersen ein. „Wenn ein Patient unbedingt nach Höchst will, dann kommt er zu uns, auch wenn draußen schon drei Notarztwagen vor der Tür stehen. Das verlängert dann gege­ben­enfalls seine Wartezeit.“
 
Von Petersens Büro im Erdgeschoß der Bettenhauses gehen wir hinüber in die Notaufnahme, wo der Chef uns seinen Mitarbeitern vorstellen will, damit sich niemand über zwei neugierige Fremde mit Fotokamera wundert. Kaum haben wir die Anmeldung erreicht, stellt sich uns ein junger, sichtlich erregter Mann in den Weg. Laut Protokoll war seine 63jährige Mutter mit „Schmerzen in der linken Thoraxhälfte, im Rücken und der Halswirbelsäule“ eingeliefert worden und befindet sich nun in der internistischen Notaufnahme in Behandlung. Der Sohn ist aggressiv, bedroht lauthals das Personal am Annahmeschalter und will unbedingt zu seiner Mutter, weil die kein Deutsch verstehe. Petersen kann ihn jedoch überzeugen, dass er dem medizinischen Personal im Moment nur im Weg stehen und seiner Mutter mehr schaden als helfen würde. Sobald wie möglich werde er ihn aber zu ihr lassen. Später wird die Frau stationär aufgenommen, ein wirklicher Notfall.
 
In den folgenden drei Stunden kommt durchschnittlich alle sechs bis neun Minuten ein Patient in die Notaufnahme. Einige kommen auf den eigenen Beinen, andere im Rettungs- oder Notarztwagen. Auch ein arabischer Diplomat ist darunter, dessen landestypische Kleidung mit Kaftan, Kopftuch und Kordel wir zunächst für ein Karnevalskostüm halten. Er hat zwar nur eine Erkältung und Bauchschmerzen, erwartet aber Vorzugsbehandlung und möchte nicht warten. Das kann er trotz seiner Hals­schmer­­zen sehr deutlich zum Ausdruck bringen. Besorgte Eltern wollen ihr Baby „durchchecken lassen“, das vom Sofa gerutscht ist, eine Zwölfjährige hat sich den Daumen in der Autotür eingeklemmt und ein Siebenjähriger ein Bonbon im Hals. Eine 36jährige Frau klagt über Blutungen und Unterbauchschmerzen – sie hat die Periode. Der Fersensporn einer 50jährigen Frau, der seit Wochen entzündet ist, kann ebenso wenig bis zum kommenden Morgen warten, wie der Husten, der eine 34jährige seit zwei  Tagen plagt.
 
Dazwischen bringen Rettungswagen echte Notfälle: Einen 21jährigen Motorradfahrer, der nach einem Unfall über Schmerzen auf der rechten Körperseite klagt, eine 42jährige Frau mit „Kopfplatzwunde und Augenbeteiligung“, und einen 40jährigen ziemlich mitgenommenen Mann mit großen Zahnlücken und Herzschmerzen. In der Notaufnahme kennt man ihn, er ist Alkoholiker, starker Raucher und leidet an Mitralklappen­-Insuffizienz. Den Alkoholtest mit Röhrchen schafft er nicht, die Blutprobe ergibt einen Alkoholgehalt von 2,7 Promille. Daraufhin verbringt er die Nacht im Ausnüchterungsraum, am nächsten Morgen wird man ihn wegen Lungen­entzündung stationär aufnehmen.
 
Eine 28-Jährige erinnert uns daran, dass immer noch Fastnachtssonntag ist. Sie ist stark alkoholisiert und hat sich an einem Bierglas den Handrücken verletzt. Obwohl ihr Dr. Petersen erklärt, dass Tetanus bei unzureichendem Impfschutz tödlich ist, lehnt sie eine Impfung entschieden ab und zieht wenig später mit Verband, leicht schwankendem Gang aber bester Stimmung von dannen. Um halb zehn bringt die Polizei einen fröhlichen 54jährigen mit Platzwunde am Kopf und Schürfwunden am linken Bein nach einem Fahrradsturz. Der Alkoholtest ergibt 1,8 Promille. Gut gelaunt ist auch der 22-Jährige, der sich über „Druck auf den Ohren von zu lauter Musik im Auto“ beklagt.
 
Nach 23 Uhr wird es ruhiger in der Zentralen Notaufnahme des Klinikums Frankfurt Höchst; bis drei Uhr kommen durchschnittlich drei Fälle pro Stunde. Ein 80-Jähriger im Bademantel wird vom Notarzt eingeliefert. Seine Frau begleitet ihn und berichtet über Erbrechen und Schwindel. Der Mann wird stationär aufgenommen. Ein 20jähriger Mann hat sich beide Füße mit Grillreiniger schwer verätzt. Der Mann stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien und ist nicht krankenversichert. Mit verbundenen Füßen verlässt er an der Seite eines Freundes die Klinik.
 
Je später die Nacht, desto weniger Patienten kommen. Nach drei Uhr sind es nur noch zwei pro Stunde. „Aber das sind dann in der Regel die wirklich schweren Fälle, die nicht bis zum Morgen warten können,“ weiß Dr. Petersen. Wie die 31jährige Frau, die in der sechsten Schwangerschaftswoche starke vaginale Blutungen hat. Oder die 43-Jährige, ebenfalls schwanger, die über Harnverhalt klagt. Beide werden stationär aufgenommen. Auch ein Beteiligter an einer Schlägerei wird vorstellig; der 22-Jährige beklagt Schmer­zen in der Oberlippe und der rechten Hand. Schließlich bringt der Notarzt noch einen 82jährigen Mann mit Herzinsuffizienz zur stationären Aufnahme.
 
Insgesamt sind es 67 Menschen allen Alters und Geschlechts, die vom 2. auf den 3. März 2014 in die Notaufnahme des Klinikums Frankfurt Höchst kommen. „Eine ganz normale Nacht,“ resümiert Chefarzt Dr. Petersen seine Nachtschicht. „Ungefähr ein Drittel kam ganz eindeutig überflüssigerweise.“ Seit Jahren klagen Mediziner, die Notaufnahmen der Krankenhäuser würden allzu oft missbraucht: Von Hypochondern und Übereltern, von Patienten, die nicht auf einen Hausarzttermin warten wollen, als Ort der Zuwendung in einer zunehmend sich vereinzelnden Gesellschaft oder schlicht als warmes Plätzchen, wo man seinen Rausch ausschlafen kann. Kurzum: als Reparaturwerkstatt für Probleme, die anderswo sinnvoller, kostengünstiger und nachhaltiger gelöst werden könnten.
 
Der 50-jährige Petersen ist erfahrener Notfallmediziner. Als Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) reicht sein Blick über den Frankfurter Tellerrand hinaus. Bevor wir die Notaufnahme in jener Nacht verlassen, wollen wir von ihm wissen, wie dieser Mißstand aus seiner Sicht zu beheben sei. „Zunächst muss eins ganz klar sein,“ betont Petersen, „wir wollen nieman­den, der zu uns kommt, einfach wegschicken.  Aber ebenso klar ist auch, jemand, der seit drei Tagen Halsschmerzen hat und ausgerechnet am Sonntag oder nachts um halb eins in die Notaufnahme geht, verzögert damit womöglich die Behandlung eines wirklichen Notfalls. Und ein Kind, das vom Sofa rutscht, braucht deshalb nicht gleich ein CT. All das bindet Personal und verursacht Kosten, ohne den geringsten Nutzen zu stif­ten. Sind es aber Beschwerden, die ein Laie nicht klar zuordnen kann, etwa Schmer­zen in der Brust, im Kopf oder Lähmungserscheinungen, dann sollte man nicht warten, ob sie von selbst nachlassen, sondern gleich zu uns kommen. Was wir aber brauchen, ist ein vernünftiges Triagesystem, wie es in angelsächsischen Ländern üblich ist. Also entsprechend geschul­tes Pflegepersonal, das zunächst entscheiden kann, wie dringlich ein Fall ist. Das beur­tei­len kann, ob jemand sofort behandelt werden muss, oder ob er ohne Gefahr auch eine halbe Stunde oder notfalls länger warten kann. Der einzige Haken an der Sache: Das kostet.“
 
Da beißt sich der Hund in den Schwanz: Ein Krankenhaus, das viele Leichtkranke ambulant versorgen muss, macht finanziell Defizit und kann sich die Triage, die es bräuchte, eventuell gar nicht leisten. „Stimmt,“ Petersen nickt und lächelt etwas müde. „Da hilft dann nur die erfahrene Kraft an der Anmeldung. Und Aufklärung, Stories wie Ihre – ich hoffe, dass viele die lesen werden.“ Das hoffen wir auch. Als wir durch die Glastür zum Taxi gehen, ist es kurz vor vier. In Höchst ist es ruhig, die Straßen sind menschenleer. Peter Petersen und sein Team haben noch drei Stunden vor sich.
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