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„Frauen sollen fit werden fürs Leben“

Seit 1976 betreut der Verein ‚Frauen helfen Frauen’ Opfer Häuslicher Gewalt. Die Vorsitzende Christa Wellershaus und Sozialarbeiterin Sigrid Oerder berichten im Interview von ihrer Arbeit und vom Alltag im Frauenhaus.

Seit 1976 betreut der Verein ‚Frauen helfen Frauen’ Opfer Häuslicher Gewalt. Die Vorsitzende Christa Wellershaus und Sozialarbeiterin Sigrid Oerder berichten im Interview von ihrer Arbeit und vom Alltag im Frauenhaus.


Wenn eine Frau, die unter Häuslicher Gewalt leidet, dieses Leben nicht länger aushält oder wenn ihr akut Gewalt widerfährt, wie bekommt sie zu Ihnen Kontakt?
Christa Wellershaus (CW): Es gibt eine Telefonnummer, die Frau ruft an und wir geben ihr einen Beratungstermin. Will sie ins Frauenhaus, kann sie anrufen und, wenn wir Platz haben, direkt dorthin  kommen. Ansonsten bemühen wir uns um Platz in einem anderen Frauenhaus.

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Welche Fragen werden in der Beratungsstelle hauptsächlich besprochen?
Sigrid Oerder (SO): Wovon lebe ich? Wie finde ich eine Wohnung? Was passiert mit den Kindern? Und die juristischen Formalien: Kontakt- und Annäherungsverbot, Gewaltschutzgesetz-Maßnahmen, Strafanzeige, Probleme mit Gericht und Amtsanwaltschaft, Vermittlung von Rechtsanwälten. Wir haben Listen von Anwältinnen speziell für Themen  wie Ausländerrecht, Familienrecht et cetera.

Welche Frauen kommen ins Frauenhaus?
CW: Alle Kulturkreise, alle Bildungsschichten. Ins Frauenhaus kommen vor allem die, die entweder kein Geld haben oder so dringend Schutz brauchen, dass sie woanders gefährdet sind.

SO: Bei den Frauen, die in die Beratung kommen, spielt die psychische Gewalt eine ­ größere Rolle. Gerade in den sogenannten besseren Familien sind in der Regel keine Schläger, da wird die Frau erniedrigt. Gewalt ist ein System, das sich aus vielen Facetten zusammensetzt; körperliche Gewalt ist nur eine davon.

Wie lang dürfen die Frauen im Frauenhaus bleiben?
CW: Bis maximal 15 Monate. Manchmal machen wir auch Ausnahmen. Eine Frau mit ­vier Kindern findet in Frankfurt nicht so schnell eine Wohnung. Wir verlängern dann, aber die Frauen müssen sich weiter um eine eigene Wohnung bemühen.

Was dürfen die Frauen an persönlichen Gegenständen in Frauenhaus mitbringen, und was müssen, was sollen sie mitbringen, an persönlichen Unterlagen zum Beispiel?
CW: Spielzeug für die Kinder, was zum Anziehen, Geld, Krankenkassenkarte, Arbeitslosengeldbescheinigung, der Pass und die Aufenthaltserlaubnis. Keine Möbel, keine ­Töpfe bitte.

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Wieviele Plätze gibt es in Ihrem Frauenhaus?
CW: 60 Plätze insgesamt. Alles ist möbliert inklusive Bettwäsche, Handtüchern, Töpfen, Geschirr und Besteck.

Und was ist mit dem Essen?
CW: Die Frauen kaufen selbst ein und ­kochen selbst.

Wie kann ich mir einen Tag im Frauenhaus vorstellen?
CW: Wenn ihre Kinder zur Schule gehen, muss die Mutter sie ganz normal zur Schule bringen. Ist sie nicht berufstätig, hat sie bestimmte Gemeinschaftsaufgaben. Es gibt Putzpläne, manchmal gibt es Termine mit der Hauswirtschafterin, Einführungen, Hausversammlungen. Dann gibt es Gesprächstermine mit uns und manchmal machen wir Angebote wie Ernährung für Kinder zum Beispiel, pädagogische Erziehungsberatung und so weiter.

Werden die Frauen therapiert, falls erforderlich?
SO: Wir vermitteln Therapien, aber dafür ist es meist noch zu früh. Es geht zunächst um Stabilisierung. Die Frauen haben viel zu tun und zu organisieren, ihr Leben neu aufzubauen. Es gibt ja nichts mehr, keine Wohnung, keinen Haushalt, oft kein Einkommen. Das ist der Fokus, da helfen wir, so gut wir können. Aber wir appellieren immer an die Selbsthilfe der Frauen. Wir sind keine Übermütter, sondern die Frauen sollen fit werden fürs Leben.

Bekommen die Kinder­ psychologische Unterstützung?
CW: Das ist unterschiedlich. Viele müssen gar nicht therapiert werden. Die müssen einfach wieder unbeschwert sein, Spaß haben, Kind sein dürfen. Das Gute am Frauenhaus ist, man findet immer jemanden zum Spielen. Für Kinder ist das toll.

Wie sind die Sicherheitsmaßnahmen, wenn Männer ihre Frauen verfolgen?
CW: Es gibt ein Kontakt- und Näherungsverbot, das Hoftor muss deshalb immer abgeschlossen sein. Es steht natürlich auch nicht Frauenhaus am Klingelschild. Außerdem haben wir eine gute Verbindung zu unserem zuständigen Polizeirevier.

Wie geht das Leben der Frauen weiter, wenn sie diesen Aufenthalt hinter sich haben?
SO: Das ist sehr unterschiedlich, aber dazu fällt mir eine Geschichte ein: Ich hatte eine Frau zufällig auf der Straße getroffen, die dann zu Besuch kam. Sie überbrachte Grüße von mehreren Frauen, die mal hier mit ihr zusammen gewohnt hatten. Und die hatten alle irgendwas gemacht – Ausbildung, Weiterbildung, neu geheiratet ... Das waren alles Erfolgsgeschichten, die hatten alle nach ihren Maßstäben ihr Leben wieder in den Griff gekriegt.
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