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HIV/AIDS in Nordamerika

Die Nachricht, dass ein Freund von mir an einer unerklärlichen Krankheit leide, kam überraschend. Seine Symptome waren äußerst ungewöhnlich. Die Ärzte waren ratlos, ähnliches hatte noch keiner gesehen. Was schlimmer war: keine der bekannten Behandlungen sprach an. Mein Freund verstarb nach unsäglichem Leiden.

Es dauerte nicht lange, bis es allen klar wurde, dass er, wie so viele andere Anfang der 80er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, an den Folgen des Acquired Immune Deficiency Syndrome (AIDS) verstarb. Der Schock saß tief, sehr tief.

Den Tod, selbst wenn er direkte Angehörige dahingerafft hat, kann ich ohne viel Mühe rationalisieren. Der Schlag, der mich getroffen hatte, war also keinesfalls todesbedingt, sondern hatte viel mehr mit der Erkenntnis zu tun, dass auch ich direkt gefährdet war. Stand auch mir ein solches Dahinsiechen bevor?
Ohne Scham muss ich zugeben, dass ich zu dieser Zeit ein sehr promiskuitives Leben geführt hatte. In der „Vor-Aids Zeit“ waren riskante Sexualpraktiken unter Männern gang und gäbe, Kondome wurden nur sehr selten benutzt (warum auch, Schwangerschaften waren ja ausgeschlossen), und die paar Krankheiten, die auf dem Wege der Penetration weitergegeben wurden, konnten mit einigen „Penizillin-Bomben“ wieder geheilt werden.

Nun zeigte diese neue Krankheit ihr hässliches Gesicht. Sie betraf, so wie es aussah und von den Medien verbreitet wurde, in der Regel schwule Männer. Unsere Priester nannten sie den „Fluch Gottes“, der auf uns Schwule (ich hasse das Wort homosexuell, weil es unser Leben ausschließlich auf den sexuellen Aspekt reduziert) herunterkam, um uns auszurotten. Einige Magazine und Zeitungen spekulierten, ob die neue Seuche von unserem Militär oder der CIA als biologisches Kampfmittel erfunden worden war.
Eines wurde jedoch sehr schnell klar: Mit einem Schlag hatte sich das Leben eines jeden schwulen Mannes massiv verändert. Damit hätten sich auch meine Lebensumstände verschoben, wenn ich nicht glücklicherweise gerade meinen heutigen Lebenspartner kennengelernt hätte (wir feierten gerade unser 31. Jubiläum). Er machte es einfach, ein monogames (und damit relativ sicheres) Leben zu führen. Meine Angst war jedoch, dass ich bereits Träger des Erregers war. Tests existierten noch nicht…

Vieles hat sich seither verändert. Man muss heute nicht mehr in Angst (vor der Infektion) leben. Das Stigma, schwul zu sein, ist weitestgehend verschwunden (16 Bundesstaaten erkennen nun die gleichgeschlechtliche Ehe an). Natürlich wettert die religiöse Rechte immer noch gegen Schwule, aber, um ehrlich zu sein, habe ich in all den Jahren nicht viele Menschen kennengelernt, die sich offen gegen meinen Partner und mich aussprachen, obwohl wir seit jeher ein offenes Leben führten und keinesfalls immer in Schwulenhochburgen lebten.

In Hinsicht auf HIV-AIDS hat sich die Situation für Gays hat sich glücklicherweise auch erheblich verbessert. Tests sind gang und gäbe. Es gibt in vielen Städten Stellen, die kostenlose anonyme HIV Tests vornehmen. Behandlungen sind möglich, und es gibt Organisationen, die auch den sozial schwächeren HIV-Infizierten in unserem Land helfen.

HIV und damit AIDS hat seine Abschreckungskraft verloren. Gays hier in den USA (genauso wie überall auf der Welt) fürchten sich nicht mehr so sehr vor einer Infektion (die Zahl der Neuerkrankungen unter gay Männern stieg im Zeitraum zwischen 2008 bis 2010 um 12%). Die Dunkelräume und Saunen sind wieder frequentiert. HIV wurde zur unangenehmen, chronischen Krankheit, die man mit Medikamenten recht gut in Schach halten kann.

Meine Furcht von damals, infiziert zu sein, war unbegründet. Ich bin seither viele Male getestet worden (als Teil von Vorsorgeuntersuchungen). Mein monogamer Lebensstil hat sich trotz fortgeschrittener Behandlungsmethoden nicht verändert. Aber glauben Sie mir, der Lebensstil alleine schützt vor Ansteckung nicht, denn schließlich müssen beide Seiten monogam sein. Aber das ist eine andere Geschichte…
 

HIV/AIDS in Zahlen - USA, Nordamerika  
Gesamtbevölkerung: 314 Mio.
Zahl der HIV-Infizierten 1.1 Mio.
Anteil der Infizierten die nicht wissen, dass Sie HIV positiv sind 18.1%
Neuinfektionen pro Jahr (geschätzt) 50.000
   
Neuinfizierte Männer 2008 bis 2010 + 12%
Anteil schwuler Männer an der Gesamtbevölkerung 4%
Anteil schwuler Männer an der Gesamtzahl aller Infizierten 52%
Anteil schwuler Männer an Neuinfektionen unter Männern 78%
Anteil schwuler Männer an Neuinfektionen gesamt 63%
Prozentual höchste Neuinfektionsrate (45%) im Alter von 13-24
Anteil der Heterosexuellen unter HIV-Neuinfizierten 25 %
   
Neuinfizierte Frauen – 21%
Ursache für Neuinfektionen von Frauen:  
heterosexueller Geschlechtsverkehr 84%
intravenöse Drogenabhängigkeit 16%
   
Anteil der Afroamerikaner an der Gesamtbevölkerung 12%
Anteil der Afroamerikaner an den Neuinfizierten 44%
Anteil der Latinos an der Gesamtbevölkerung 16%
Anteil der Latinos an den Neuinfizierten 21%
 
Der Autor:
Jörg Gobel-Staib

Freier Journalist, Florida, USA
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