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HIV in Südkorea

Neun Jahre ist es her, dass ich zuletzt koreanischen Boden betreten habe. Sehnsucht, Neugierde und Erwartungen haben mich zu einer siebenwöchigen Entdeckungstour in das Land meiner Eltern getrieben. Erste Station Seoul. Dort möchte ich erfahren wie mit dem Thema HIV umgegangen wird und befrage Freunde, Bekannte und Unbekannte.
HIV in Korea

Schnell kommt heraus, dass HIV im Alltagsleben und im öffentlichen Bewusstsein kaum eine Rolle spielt, da die Erkrankung ziemlich selten ist. Eine Freundin, die wie die meisten ausländischen jungen Erwachsenen als Englischlehrerin arbeitet und seit zwei Jahren in Korea lebt, erzählt von einem obligatorischen HIV Test, dem sich alle Englischlehrer jährlich unterziehen müssen. Eine koreanische Freundin erzählt vom Sexualkunde-Unterricht in der Schule, wo die Lehrerin von Bienen und Blumen sprach und die Mädchen sie auslachten, weil sie schon alles wussten.
 
Mich interessiert, wie in Korea über Homosexualität gedacht wird. Meine Freundin hat in Korea noch nie einen Schwulen persönlich kennengelernt, auch ihr Freund kenne keinen. Ob ich Choi Hyun-Seok kennen würde – Schauspieler, Model und Restaurantinhaber in Itaewon, einem Stadtteil mit hohem Ausländeranteil in Seoul. Der ist schwul. Dass das gut so ist, findet nicht nur er, auch die Zuschauer möchten ihn gern weiterhin in den Kochsendungen oder Realityshows sehen, die das koreanische Fernsehen prägen. Leicht hatte er es im konservativen Korea dennoch nicht. Viele reagierten mit Ablehnung, kurz nach seinem öffentlichen Coming Out im Jahre 2000 war zunächst nicht mehr im koreanischen Fernsehen zu sehen.
 
Inzwischen hat sich was getan in Korea, zumindest in Sachen Aufklärung. Verschiedene Zentren organisieren seit 2008 unter staatlicher Aufsicht anonyme HIV.Tests und Schulungsprogramme. 80000 Automaten für Kondome will die Regierung an Brennpunkten wie Hotels oder Discotheken aufstellen. Kritische Stimmen bezweifeln, ob das reichen wird. Insbesondere die Diskriminierung und Ausgrenzung HIV-Infizierter in der koreanischen Gesellschaft führen dazu, dass kaum Menschen bereit sind, sich freiwillig testen zu lassen. „ Wir behandeln fünfhundert bis sechshundert Patienten,“ erzählt Jun-Yeong Choi, Direktor der Klinik für Infektiologie der Yonsei Universitätsklinik in Seoul. „Gefühlt sind 70 bis 80 Prozent der Patienten Männer, die Sex mit Männern haben. Unter vier Augen geben das meine Patienten an. Homosexualität, HIV und AIDS werden in der koreanischen Gesellschaft stark stigmatisiert. Wenn in der Firma bekannt würde, dass jemand an HIV erkrankt ist, würde das zur Entlassung führen.“
 
Familienmitglieder gehen unterschiedlich mit der Erkrankung um. Die Reaktionen reichen von völliger Ablehnung und Isolation bis hin zu Akzeptanz und Unterstützung. In der offiziellen Statistik des Instituts für Prävention von Infektionserkrankungen (KCDC), wird der Anteil an homosexuellen Kontakten von 1985 bis heute mit konstant weniger als 50 Prozent angegeben. In einer koreanischen Studie, die das Sexualverhalten und die Aufklärung schwuler Männer untersucht, wird eingeräumt, dass aufgrund der vorhandenen Zahlen „die Anzahl der homosexuellen Kontakte viel höher liegt, als vermutet“. Dies liege daran, dass viele Männer aus Scham nicht angeben, schwul zu sein.
 
In der übrigen Bevölkerung ist allgemein bekannt, dass man am HI-Virus nicht unbedingt sterben muss und dass er sexuell übertragen wird. Doch längst nicht alle Koreaner wissen auch, dass gemeinsame Benutzung von Handtüchern, ein Kuss oder ein Mückenstich nicht zu einer Infektion führen. „HIV ist je für viele eine verabscheuungswürdige Erkrankung. Sie wollen nicht mit HIV Erkrankten zusammenleben,“ sagt Jun-Yeong Choi und ergänzt: „Daran hat sich leider nicht viel geändert“. Die Zahl der Gesamterkrankungen ist sehr niedrig in Süd-Korea. Doch aufgrund unzureichender Aufklärung, weitverbreiteter Vorurteile, sozialer Ausgrenzung und Stigmatisierung steigen die Zahlen. Und viele Erkrankte erfahren von ihrer Erkrankung erst in einem späten Stadium, was eine erfolgreiche Behandlung erschwert.
 
Samstagvormittags, blauer Himmel, strahlende Wintersonne. Ich habe einen Termin in einer der Beratungsstellen der KFAP, einer Gesellschaft, die mit staatlicher Unterstützung Aufklärung und kostenlose anonyome HIV-Tests für Ausländer anbietet. Außer mir ist keiner da, mir wird nach einer freundlichen Begrüßung von einer jungen Ärztin Blut abgenommen. Ein Interview möchte sie erst nach Terminabsprache mit mir führen. Danach nimmt sich die Psychologin Jinny Yoo meiner an, die seit vier Jahren in 2006 gegründeten Beratungsstelle arbeitet. Sie beantwortet meine Fragen gern. Es kämen vor allem Männer, erklärt sie, die meisten seien Englischlehrer – also Ausländer. Über Sexualität wird in der koreanischen Gesellschaft nicht gern geredet. Es klopft an der Tür, mein Testergebnis ist fertig. Ein Blick fällt auf mein Notizbuch. Die Ärztin möchte wissen ob ich gerade ein Interview führe. Sanft aber bestimmt weist sie mich abermals darauf hin, dass für Interviews Termine nach Rücksprache mit ihren Vorgesetzten ausgemacht werden müssten, aus Rücksicht und zum Schutz der Betroffenen. HIV sei ein sensibles Thema.
 
Das habe ich mittlerweile auch erkannt. Bei meinen Recherchen konnte ich nur an der Oberfläche kratzen. Schwule Männer kommen mir in Korea vor wie ein ferner Mythos. Gesichtet werden sie nur in den Schwulenbars im hippen Itaewon. Ansonsten sind sie Stoff für Legenden. Auch über eine weitere Personengruppe hat es schwer in der koreanischen Gesellschaft: Die Sexworker, ungefähr 270000 gibt es in Korea, viele kommen aus Südostasien. Nach einer Woche verlasse ich Seoul mit gemischten Gefühlen, kehre der Metropole den Rücken und reise weiter durch mein nahes fernes Land. 

Südkorea  
Gesamtbevölkerung 50 Mio.
Zahl der HIV Infizierten (2012) 7.788
Zahl der infizierten Männer 7.164 (92%)
Zahl der infizierten Frauen 624 (8%)
Höchstbetroffene Altersgruppe (2012) 20-30 Jahre (30%)
Neuinfektionen  (2012) 868
Neuinfizierte Männer 808
Neuinfizierte Frauen 60
Neuinfektionen Ausländer  (2012)   85
Neuinfizierte Männer 56
Neuinfizierte Frauen 29
Zahl der Ausländer die in Korea leben (2013) 1.126.000 Mio
Verstorbene durch AIDS (1985 – 2010) 1.364  (17.8 %)
   
Hauptansteckungsweg nach Häufigkeit  
Sexuell > 95 %
homosexueller Kontakt 40%
heterosexueller Kontakt  60%
Zahl intravenöser Drogenanwender 600-1200 pro Jahr
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