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Hören ist Kopfsache

Terzo Tag des Hörens 2013
Am 9. März fand in der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität der Terzo Tag des Hörens 2013 statt. Vier ausführliche Fachvorträge beschäftigten sich mit unterschiedlichen Themen rund ums Hören und Verstehen.

 

Terzo Tag des Hörens 2013

Am 9. März fand in der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität der Terzo Tag des Hörens 2013 statt. Vier ausführliche Fachvorträge beschäftigten sich mit unterschiedlichen Themen rund ums Hören und Verstehen.


Nachdem sich am Samstag, dem 9. März, kurz nach neun Uhr die Türen zum Konferenzsaal 311 auf dem Westendcampus der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität geöffnet haben, sind die allermeisten der rund einhundert Plätze schnell besetzt. Zum Terzo Tag des Hörens 2013 haben sich vier profunde Redner angekündigt, die sich in den kommenden viereinhalb Stunden mit unterschiedlichen Aspekten des Hörens, des Hörverlusts, verschiedener Gehörerkrankungen sowie möglicher Therapien beschäftigen werden. Den Anfang mach der Universitäts-Professor für Audiologie am Fachbereich Medizin der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, Dr.-Ing. Uwe Baumann.

 

Hören mit normalem Gehör

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Sein Thema ist das Hören mit normalem und geschädigtem Gehör. Zunächst erläutert Baumann den interessierten Zuhörern die Abläufe der Wahrnehmung von Schall, der durch das Transportmedium Luft die Ohrmuschel erreicht. Baumann: „Über den Gehörgang werden diese Schwingungen an das Mittelohr übertragen, um eine effiziente Flüssigkeitsschwingung in der Cochlea zu erreichen. Dort werden die in der Flüssigkeitsbewegung kodierten Schallsignale aufbereitet und als elektrische Impulse in Form eines Reizmusters an den Hörnerv weitergeleitet. Das Reizmuster wird bereits im Stammhirn in komplexer Weise verarbeitet und zum auditorischen Kortex weitergeleitet, um am Ende zu einer bewussten Wahrnehmung zu führen. Das menschliche Hörorgan kann Schwingungen beginnend bei Frequenzen zwischen 16-20 Hz, und endend bei etwa 20 kHz in einem weiten Intensitätsbereich erfassen.“

 

Schallleitungs- und -empfindungsstörungen

Nach seiner ausführlichen Beschreibung des Hörvorgangs geht Prof. Baumann auf unterschiedliche Ursachen für Hörschäden ein, etwa die Schallleitungsstörung durch „eine Verlegung des Gehörgangs durch Fremdkörper oder Exostosen, Fehlbildungen des Gehörgangs oder des Mittelohrapparates, entzündliche oder degenerative Prozesse im Mittelohr, schwere Schädeltraumata oder andere Pathologien.“ Eine weitere Ursache für Hörbeeinträchtigungen beschreibt Baumann anhand der als Schallempfindungsstörung bezeichneten sensorischen Schwerhörigkeit. Sie werde durch einen Schaden der Funktion der inneren oder äußeren Haarzellen verursacht: „Sind zunächst nur äußere Haarzellen von einer Schädigung betroffen, äußert sich diese Störung in einem reinen Empfindlichkeitsverlust, während eine Schädigung einer größeren Anzahl innerer Haarzellen zu einem Lautheitsverlust führt.“

 

Vermindertes Sprachverstehen

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Auch auf nichtorganische Phänomene von Hörstörungen wie eingeschränktes Sprachverstehen, Tinnitus und Hyperakusis geht Prof Baumann ausführlich ein, um schließlich die Problematik kombinierter Hörschädigungen zu beleuchten. Hier sind mehrere unterschiedliche Diagnosen gleichzeitig für die Hörproblematik verantwortlich, was eine wirksame Therapie und Versorgung mit Hörhilfen erschwert.

 

Hören wieder erlernen

Am Ende seines Vortrags steht aber die positive Botschaft, dass Hören unter bestimmten Bedingungen wiedererlernbar ist: „Die Erfahrungen in der Cochlea-Implantat-Versorgung und der nachfolgenden Rehabilitation von langjährig oder von Geburt an tauben Patienten zeigen den großen Einfluss der „Hörerfahrung“ und der „Hörerinnerung“. Patientengruppen mit bereits bei der Sprachentwicklung vorhandener Hörstörung zeigen einen langsameren Fortschritt bei der Entwicklung des Sprachverstehens mit Implantat verglichen mit spätertaubten Patientengruppen. Diese Ergebnisse belegen den großen Anteil der zentralen Hörverarbeitung am Ergebnis einer möglichst erfolgreichen Rehabilitation des Gehörs.“

 

Verstärkung durch ein Hörgerät reicht oft nicht aus

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Zweite Rednerin des Tages ist die stellvertretende Leiterin des Terzo-Instituts in Stuttgart, Dr. Juliane Dettling. Ebenfalls ausgehend von den Funktionen des menschlichen Gehörs beschäftigt sie sich vor allem mit der Verarbeitung des Gehörten im Gehirn. Hierbei spielen die sogenannten „Hörfilter“, also die Fähigkeit des Gehirns, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, eine große Rolle. Erst die Hörfilter ermöglichen es, sich beispielsweise mit anderen zu unterhalten, obwohl es zahllose Umweltgeräusche wie Autolärm, Musik oder Stimmenwirrwarr gibt. Im Gefolge einer Schwerhörigkeit werden nicht nur die unmittelbaren Hörorgane beeinträchtig, sondern auch die Hörfilter im Gehirn büßen ihre Leistungsfähigkeit zunehmend ein. Ein Hörgerät wird in dieser Situation zwar alle Geräusche verstärken, die durch den Hörverlust zuvor immer weniger wahrgenommen wurden. Die mangelnde Filterfunktion hätte aber lediglich eine schwer verständliche Kakophonie von Tönen zur Folge. Das Sprachverständnis ließe sich auf diesem Wege nicht verbessern.

 

Terzo-Gehörtherapie

An dieser Stelle greift die Terzo-Gehörtherapie, deren Grundprinzipien Dettling beschreibt: „Die Terzo-Gehörtherapie konzentriert sich auf das bessere Sprachverstehen in geräuschvoller Umgebung durch die Reaktivierung der Hörfilter. Die Terzo-Gehörtherapie beginnt zunächst mit eine Gehöranalyse. Die Therapie selbst umfasst dann „ein 14tägiges Intensivtraining zuhause, nach individuellen Schwierigkeitsstufen, das etwa 30 bis 60 Minuten pro Tag beansprucht. Dafür werden ein CD-Spieler und ein Übungshandbuch zur Verfügung gestellt. Trainiert werden unter anderem das Wortgedächtnis, die Konzentrations- und die akustische Merkfähigkeit. Alle Übungen werden durch Termine im örtlichen Terzo-Zentrum, in Frankfurt auf der Zeil 65-69 im Haus Bienenkorb.“ Zum besseren Verständnis demonstrierte Dr. Dettling die Terzo-Gehörtherapie an der Hand spezieller Audiobeispiele, welche die Schwierigkeiten des Sprachverständnisses beispielsweise bei konkurrierender Sprache verdeutlichten. Dettling: „ Die terzo-Gehörtherapie ist durch mittlerweile über 15.000 Anwendungen empirisch abgesichert. Sie erlaubt die Reaktivierung der natürlichen Hörfilter im Gehirn und verbessert dadurch deutlich das Sprachverstehen bei lauten Nebengeräuschen.“ Das Interesse der Zuhörer war bei beiden Rednern groß, Prof. Baumann und Dr. Dettling mussten eine Vielzahl an Fragen aus dem Auditorium beantworten. Dennoch ging es pünktlich kurz nach zwölf Uhr in die halbstündige Mittagspause, für die kleine Erfrischungen und ein Imbiss bereitstanden.

 

Nach der Pause

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Nach der Stärkung der Redner und Zuhörer eröffnete Dr. med. Roy Süssmann, Facharzt für Hals-Nasen-Ohren in Frankfurt am Main, mit einem ausführlichen Exkurs über Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten von Tinnitus und Hyperakusis die Reihe der Nachmittagsvorträge: „In Deutschland leiden derzeit etwa eine halbe Million Menschen unter Hyperakusis, behandlungsbedürftig – und behandelbar. Bei bestimmten Tönen oder Frequenzen fühlen sie ein körperliches Unbehagen, ähnlich jenem, das entsteht, wenn Kreide auf einer Schultafel quietscht. Vor Schreck jagt der Blutdruck in die Höhe oder fällt abrupt ab, das Herz rast, Schweiß bricht aus, der Mund wird trocken. Reflexhaft ziehen die Patienten ihren Kopf zur Seite, sie verdrehen die Augen, versuchen, dem Reiz durch eine Wendung des Kopfes oder Oberkörpers zu entgehen. Muskelverspannungen, Nacken-, Kopf- und Ohrenschmerzen sind die Folge. Mehr und mehr sinkt mit der Zeit die Schwelle des Erschreckens, werden die Geräusche, die es auslösen, leiser. Um den zunehmend angstbesetzten Schrecken möglichst zu vermeiden, ziehen sich die Betroffenen zurück, verbarrikadieren sich und ihr Leben gegen jedes Geräusch, reagieren auf andere Menschen häufig aggressiv, werden arbeits- und schließlich kontaktunfähig bis zur vollständigen Vereinsamung in den eigenen vier Wänden.“ So beschrieb Süssman das weniger bekannte Phänomen der Hyperakusis

 

Hyperakusis hat viele Ursachen

„Viele Betroffene kennen ihre Krankheit und damit die eigentliche Ursache ihres Problems nicht, wissen nicht, an wen sie sich wenden können und bekommen so keine wirkliche Hilfe,“ fährt Süssman fort. Was aber löst diese Überempfindlichkeit des Gehörs aus? „Die Ursachen von Hyperakusis sind sehr vielfältig, tendenziell ist fast alles möglich. Eine dauerhafte Einwirkung von Umgebungslärm ist häufig die Hauptursache. Infektionserkrankungen wie Borreliose können Hyperakusis jedoch ebenso auslösen. Bei einigen Medikamente zählt sie zu den möglichen Nebenwirkungen. Auch die Schädigung, Verletzung oder der Ausfall des großen Gesichtsnervs kommt als Ursache in Betracht. Eine eindeutige Diagnose von Hyperakusis ist durchaus möglich. Mithilfe mehrerer audiologischer Untersuchungsverfahren, über die nicht jeder HNO-Arzt verfügt, kann sie objektiv gemessen werden.“ Süssmann, der sich auf die Therapie von Tinnitus und Hyperakusis spezialisiert hat, verfügt in seiner HNO-Praxis auf der Frankfurter Fressgass über das erforderliche Instrumentarium, auch bei Tinnitus, auf den er ebenfalls ausführlich eingeht.

 

Entstehung bekannt, Ursache unbekannt

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„Unser Bewußtsein wird zum Teil durch das Limbische System, eine zentral liegende Funktionseinheit des Gehirns, gesteuert und durch die Formatio Reticularis, ein ausgedehntes Neuronennetzwerk im Kleinhirn. Dort kann es zu unglücklichen Verschaltungen kommen, in denen der Tinnitus immer wieder als Alarmgeräusch interpretiert wird, auf das Bewußtseinszentrum überspringt und lauter wird. Dieser Prozess kann bei einigen Menschen in Ruhephasen, wenn sonst nichts passiert, stattfinden. Bei anderen passiert es unter Stress, bei wiederum anderen als Begleiterschienung einer anderen Erkrankung. Warum es jedoch dazu kommt, ist bislang noch unbekannt.“

 

Wie die Börse: Mal schwächer, mal stärker

Viele Patienten, so Süssmann, fürchten, das Ohrgeräusch ohne äußere Schallquelle werde sich permanent verstärken. Süssmann: „Das ist jedoch definitiv nicht der Fall. Der Tinnitus verhält sich wie der Handel an der Börse: Mal etwas schwächer, mal etwas stärker, aber niemals immer stärker und stärker.“ Eine weitere Befürchtung ist die Vorstellung, es könnte als Ursache etwas anderes, Schlimmeres im Hintergrund sein. Süssmann: „Archaisch gesehen ist das Gehör unser wichtigstes Warnsystem in der Nacht. Auch während wir schlafen, ist unser Gehirn nicht abgeschaltet, und so gibt es Warnsysteme wie Gehör und Geruchssinn, die weiterhin aktiv sind. Wenn man den Tinnitus also auch im Schlaf hört, kann das vom Gehirn fälschlicherweise als Warngeräusch verstanden werden. Besonders für angstbereite Menschen wird dieses Warngeräusch dann zur Projektionsfläche aller nur denkbaren Vorstellungen von Gefahr oder Krankheit.“

 

Loslassen als Therapie

„An diesem Punkt setzt unsere Therapie an,“ erläutert Gabriele Lux-Wellenhof, Hörkaustik-Meisterin und Begründerin der Gabriele-Lux-Stiftung, und setzt damit als vierte Rednerin des Terzo Tag des Hörens die Reihe der Vorträge fort. „Wir versuchen, eine Entkoppelung zwischen Geräusch und Warnmeldung zu erreichen, damit der Patient nicht permanent das unterschwellige Gefühl einer Gefahr mit sich trägt.“ Habituation ist das Zauberwort und meint eine unbewußt erlernte Unterdrückung der Wahrnehmung eines Reizes. Sie wird dann möglich, wenn der Patient erkennt, dass ein – im Falle des Tinnitus akustischer – Reiz für ihn bedeutungslos ist. Dieser wird in der Folge immer weniger und seltener wahrgenommen, zum Schluß bestenfalls gar nicht mehr. Hier helfen sogenannte Noiser als die derzeit einzige anerkannte Therapieform.

 

Tinnitus abtrainieren

Lux-Wellenhof: „Die Tinnitus Retraining Therapie, die in den USA und England entwickelt wurde, setzt darauf, den störenden Tinnitus durch Habituation aus der Wahrnehmung verschwinden zu lassen oder in ein unbedeutendes Hintergrundgeräusch zu verwandeln. Damit geht eine Gewöhnung an das Ohrgeräusch einher, die ihm seinen Schrecken nimmt. Diese Therapie wird bei speziellen Tinnituspraxen wie Akustika spezial in Frankfurt ambulant durchgeführt, ein Klinikaufenthalt ist nicht erforderlich. Die Patienten können während der gesamten Behandlung ihrem normalen Familien- und Berufsleben nachgehen.“ Der erste Baustein der Tinnitus Retraining Therapie ist, so Lux-Wellenhof, die einleitende Beratung der Patienten durch den HNO-Arzt.

 

Rosa Rauschen

Die Noiser sind die zweite und zentrale Komponente der Therapie. Diese Klangerzeuger sehen aus wie Hinterohr-Hörgeräte, besitzen jedoch kein Mikrophon, mit dem die Umgebungsgeräusche aufgenommen werden, um sie verstärkt an das Ohr weiterzugeben. Die Noiser lassen außerdem den Gehörgang frei, damit das normale Hören nicht beeinträchtigt wird. Lux-Wellenhof: „Die Elektronik der Noiser erzeugt ein beständiges, in seiner Lautstärke regelbares rosa Rauschen.“ Als rosa Rauschen bezeichnet man Geräusche, die alle hörbaren Frequenzen in gleicher Lautstärke erfassen. Dieses Rauschen wirkt völlig neutral, während der Tinnitus Spitzen in bestimmten Frequenzbereichen hat und somit wie ein Alarmgeräusch wirkt. Durch die Elemente der Tinnitus Retraining Therapie werden im Laufe der Zeit die negativen körperlichen und seelischen Reaktionen auf den Tinnitus beseitigt, zuletzt auch die Empfindung des Ohrgeräusches selber. Diese Desensibilisierung führt zu einer verminderten emotionalen Reaktion, zu einem Verlust der Ängste. Eine erfolgreiche Tinnitus Retraining Therapie lässt den Tinnitus subjektiv leiser werden, die Präsenz und die Wahrnehmung des Geräusches gehen sukzessiv zurück.

 

Erst verpacken, dann vergessen

Ähnlich verläuft die Therapie der Hyperakusis, beschreibt Gabriele Lux Wellenhof: „Das Prinzip der bislang erfolgreichsten Therapie von Hyperakusis mutet für jeden Außenstehenden zunächst paradox an. Die Überempfindlichkeit gegen Geräusche wird nämlich ausgerechnet mit Geräuschen behandelt. Dabei kommt wiederum der Noiser zum Einsatz.“ Gabriele Lux-Wellenhof: „Das Rauschen des Noiser packt jene Frequenzen, die der Hyperakusis-Patient als störend empfindet, wie in Klangwatte ein. Damit verlieren sie, sinnbildlich und real, ihre verletzende akustische Schärfe und mit der Zeit ihre störende Wirkung.“ Gegen 14 Uhr endet auch der vierte Vortrag, doch bis die letzten Zuhörer den Konferenzsaal 311 verlassen haben, vergeht noch eine halbe Stunde. Am Informationsgehalt und dem regen Interesse des Publikums gemessen war der Terzo Tag des Hörens 2013 eine lohnenswerte Veranstaltung für alle Beteiligten.
 

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