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Ich höre was, was Du nicht hörst

Tinnitus, Hyperakusis und Phonophobie
Schwerhörigkeit kann sich jeder vorstellen: Die Geräusche der Welt verschwinden schleichend hinter einer Wand aus Watte. Doch es gibt auch das Gegenteil. Töne, die Sie zwar hören können, für die es aber keine natürliche Schallquelle gibt. Oder bestimmte Töne, auf die Sie gereizt reagieren. Schließlich gibt es sogar die Angst vor dem Hören selbst. Das erste Phänomen ist der Tinnitus. Das zweite, weit weniger bekannte, heißt Hyperakusis – Überhörigkeit, und das dritte nennt man Phonophobie – Klangangst. Ich beschäftige mich seit langem intensiv mit der Entstehung, den Verlaufsformen, eventuellen Auswirkungen und Therapiemöglichkeiten dieser drei Gehörerkrankungen. Sie sind Inhalt dieses Artikels.

Tinnitus


Beginnen wir mit dem Dauerton, den nur Sie selbst hören können, dem Tinnitus. In der Bundesrepublik leiden rund zwei Millionen Menschen unter einem dauerhaften Ohrgeräusch. Bei ihnen kehrt der Tinnitus immer und immer wieder zurück, wie der Sprung in der Schallplatte. Dieser Ton verursacht nicht selten massive Probleme wie Konzentrationsschwäche, Schlaf- und Einschlafstörungen, erhöhte Reizbarkeit im Umgang mit anderen Menschen. Aus Sicht des Mediziners besteht die Problematik des Tinnitus in der Vielzahl seiner möglichen Ursachen: Es gibt 427 mögliche Auslöser, was es nach aktuellem Forschungsstand praktisch unmöglich macht, das Auftreten eines Tinnitus zuverlässig zu verhindern. Zu den möglichen Ursachen zählen Infektions­krankheiten wie Herpes oder Borreliose, Traumata, Stress, Lärm oder eine Kombination verschiedener Auslöser. Mehr als 400 mögliche Ursachen machen eine Diagnose buchstäblich zur Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen, aber ohne Kenntnis der Ursache gibt es in der Medizin keine gezielte Heilung.

Der Tinnitus, wie wohl er nicht durch eine reale Schallquelle verursacht wird, ist absolut real. Mit modernen bildgebenden Verfahren läßt sich sein Vorhandensein im Gehirn sichtbar machen. Wenn ich das meinen Patienten erkläre, ist das für viele eine enorme Erleichterung. Aus einer diffusen, als unheimlich empfundenen Bedrohung, die manche an ihrem Verstand zweifeln läßt, wird eine manifeste organische Störung – etwas Konkretes, mit dem man dann arbeiten kann. Das derzeit einzige wirksame Therapeutikum ist die Habituation, das schrittweise Gewöhnen und Heranführen an das Ohrgeräusch, so dass man es loslassen kann. Die Tinnitus Retraining Therapie (TRT) setzt darauf, den störenden Tinnitus durch Habituation aus der Wahrnehmung verschwinden zu lassen oder in ein unbedeutendes Hintergrundgeräusch zu verwandeln.

Diese Therapie wird in speziellen Tinnitus-Praxen wie Akustika spezial in Frankfurt ambulant durchgeführt, ein Klinikaufenthalt ist nicht erforderlich. Zunächst erkläre ich dem Patienten ganz genau und ausführlich die Ursachen und Symptome des Tinnitus, mögliche Gegenmaßnahmen und die Funktionsweise des Noisers. Der Noiser ist die zentrale Komponente der Therapie. Er sieht aus wie ein Hinterohr-Hörgerät, besitzt jedoch kein Mikrophon. Noiser lassen außerdem den Gehörgang frei, damit das normale Hören nicht beeinträchtigt wird. Die Elektronik des Noisers erzeugt ein beständiges, in seiner Lautstärke regelbares rosa Rauschen. Damit bezeichnet man Geräusche, die alle hörbaren Frequenzen in gleicher Lautstärke erfassen. Das Gerät sollte über einen Zeitraum von zwei bis vierzehn Monaten täglich und über möglichst viele Stunden hinweg getragen werden. Eine erfolgreiche TRT lässt den Tinnitus subjektiv leiser werden, die Präsenz und die Wahrnehmung des Geräusches gehen sukzessiv zurück.

Hyperakusis


Bestimmte Töne oder Frequenzen führen zu körperlichem Unbehagen ähnlich jenem, das entsteht, wenn Kreide auf einer Schultafel quietscht. Vor Schreck jagt der Blutdruck in die Höhe oder fällt abrupt ab, das Herz rast, Schweiß bricht aus, der Mund wird trocken. Reflexhaft versuchen Betroffene, dem Reiz durch eine Wendung des Kopfes oder Oberkörpers zu entgehen. Muskelverspannungen, Nacken-, Kopf- und Ohrenschmerzen sind die Folge. Mehr und mehr sinkt mit der Zeit die Schwelle des Erschreckens, werden die Geräusche, die es auslösen, leiser. Um den zunehmend angstbesetzten Schrecken möglichst zu vermeiden, ziehen sich die Patienten zurück, verbarrikadieren sich und ihr Leben gegen jedes Geräusch. Meist sind sie überzeugt, es handele sich dabei ausschließlich um ein psychisches Problem und wenden sich hilfesuchend an einen Psychotherapeuten.

Doch die Ursachen der Hyperakusis liegen andernorts und sind vielfältig: Dauerhafte Einwirkung von Umgebungslärm, Infektionserkrankungen wie Borreliose, die Nebenwirkungen einiger Medikamente oder eine Schädigung des großen Gesichtsnervs kommen in Betracht. Eine eindeutige Diagnose der Hyperakusis ist mithilfe besonderer audiologischer Untersuchungsverfahren möglich, über die jedoch nicht jeder HNO-Arzt verfügt. Aber mit der Diagnose allein ist den Patienten noch nicht geholfen. Für sie ist entscheidend, die belastenden Mißtöne loszuwerden. Dabei kommt wiederum der Noiser zum Einsatz, den ich bereits im Tinnitus-Kapitel beschrieben habe.
 

Phonophobie

Wenn sich Klänge gleich welcher Art mit einer alarmierenden Bedeutung aufladen, die nichts mit ihrer physischen Entstehung zu tun hat, wird das für die Betroffenen zu einem Problem. Eine derartige psychisch bedingte Geräuschüberempfindlichkeit nennt man Phonophobie – Angst vor dem Klang. Diese Erkrankung ist weder vom Frequenz­spektrum noch von der Lautstärke der Töne und Geräusche abhängig, sondern allein von ihrer Bedeutung für die Betroffenen. Dementsprechend sind es weniger die Geräusche selbst, als vielmehr die damit verbundenen Bedeutungen. Sie werden zu Klangsymbolen. Wiederholte Erlebnisse von Angst, Scham oder Peinlichkeit haben sich mit bestimmten Tönen verbunden. Nicht sie selbst sind das Quälende, sondern die unbewusste Erinnerung an die damit verbundene Ursituation. Anders als bei der Hyperakusis also ein rein psychisches Phänomen, bei dem eine psychotherapeutische Behandlung im Vordergrund steht. Im besten Fall gelingt es, die Verknüpfung eines Tons mit einer Erfahrung zu durchtrennen.


Dr. Roy SüssmannHNO-Arzt
Frankfurt am Main
069/133 830 95
kontakt@hno-fressgass.de
http://www.dr-suessmann.com
 
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