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Die minimalinvasive OP einer verletzten Schulter: Instrumentenflug durchs Gelenk

Dienstag, 5. August 2014 – Lokaltermin des Gesundheits-Journals im Heilig-Geist-Hospital in Frankfurt am Main. Der Operationssaal Nummer drei, in dem wir stehen, befindet sich im ersten Obergeschoss des Neubaus; der Blick fällt auf die Rückseite des Literaturhauses und den Main.
Herresthal
Doch von dieser Aussicht haben wir nicht viel, denn die Lamellen vor den Fenstern werden geschlossen, kaum dass der Operateur den Raum betreten hat. Sportorthopäde Dr. Jens Herresthal hat uns eingeladen, ihm bei der Operation einer Schulter über die nämliche zu blicken.

Mirko S. (Name durch die Redaktion geändert), ein kräftiger und muskulöser Mann von etwa vierzig Jahren, ist bereits narkotisiert, seine Augen sind abgedeckt, Kopf und Körper mit sterilen grünen Abdecktüchern verhüllt. Nur die linke Schulter liegt frei. 23 Minuten, nachdem der Patient in den OP gerollt wurde, sind alle Vorbereitungen abgeschlossen. Mit dem Ruf „Schnitt!“ beginnt der Eingriff. Das Saallicht geht aus, mit Blick auf den Monitor führt Herresthal das Endoskop mit der Glasfaseroptik durch einen etwa fünf Millimeter langen Schnitt. „Jetzt sind wir schon in der Schulter. Links sieht man den Schulterkopf, rechts die Pfanne. Da sehen Sie einen leichten Knorpelschaden. Vorn die Gelenklippe, das ist eine Gelenkflächenver größerung. – Und hier sieht man die Verletzung der Rotatorenmanschette.“

Herresthal arbeitet sich weiter durch die Schulter, die auf dem Bildschirm aussieht wie die Höhlenlandschaft eines Horrorfilms. „Das ist eine pathologisch deutlich veränderte Schulter. Hier, diese Rötungen, das ist eine entzündete Bizepssehne. Im gesunden Zustand sähe das alles anders aus.“ Durch den Riss der Rotatorenmanschette, einer Muskelgruppe, die das Schultergelenk umfasst und in der richtigen Position hält, komme es zu einer Dezentrierung der Bizepssehne, erklärt Herresthal. „Jedesmal, wenn der Arm nach hinten bewegt wird, gibt es Reibung im Gelenk.

Folge ist die Entzündung, die Sie jetzt auf dem Monitor als Rötung erkennen können.“ Das ist, als würde man sich ständig an derselben Stelle kratzen. Zuerst beginnt die Haut, sich zu röten, dann entzündet sie sich und tut weh. Mirko S. hat das gleiche, nur innen im Körper.

An einer anderen Stelle der Schulter wird eine Nadel eingeführt. Kurz darauf sehen wir auf dem Monitor, wie ihre Spitze von links oben ins Gelenk hineinragt. Die Optik hat sie auf Stricknadelformat vergrößert „Diese Nadel brauchen wir, bevor wir den nächsten Schnitt setzen. So finden wir den bestmöglichen Zugang für die Arbeitsinstrumente.

Jetzt schneiden wir zunächst die verletzte Stelle frei, um das genaue Ausmaß der Verletzung besser festlegen zu können.“ Dort, wo wir eben noch die Nadelspitze sehen konnten, erscheint nun ein Instrument, mit dem man wahrscheinlich auch Nasenhaare entfernen könnte. Unter seiner runden Spitze befindet sich ein rotierendes Messer. Herresthal schneidet damit die Gewebefransen der eingerissenen Rotatorenmanschette ab und saugt sie nach außen ab.

„Gottseidank ein kleiner Riss. Aber er geht ganz durch, hier sehen Sie das Loch.“
Um die Entzündung der Bizepssehne zu behandeln, wird der winzige Rasenmäher gegen eine Elektrosonde ausgetauscht. Sie verödet die entzündeten Stellen mit elektrischen Strom und hoher Temperatur. Vor der Kamera sehen wir die  Flüssigkeit kurz brodeln, danach sind die behandelten Stellen leicht bräunlich verfärbt. „Jetzt erkennt man langsam das Ausmaß der Verletzung.“

Bevor Herresthal die angerissene Rotatorenmanschette nähen kann, muss er das rückständige Gewebe am Knochen entfernen. Muskelgewebe wächst nur an, wenn es direkt auf Knochen fixiert wird. „Außerdem liegt ein Schulterengpass-Syndrom vor; darüber habe ich im Gesundheits-Journal schon geschrieben. Diese Enge des Raums ist maßgeblich für die Entzündung und begünstigt den Riss der Muskulatur. Hier, dieser Sporn, das ist der Knochen, den ich abschleifen muss, um den Raum für die Muskulatur zu vergrößern.“ Auf dem Monitor sehen wir, wie die beschliffene Knochenfläche sich langsam glättet.

Durch den dünnen Kanal seines Endoskops führt Herresthal nun eine Nahtzange ein und zieht Fäden durch das Muskelgewebe der Rotatorenmanschette. Mit einem Stößel wird ein Loch in den Oberarmknochen geschlagen. Herresthal zieht die Fäden und damit das Muskelgewebe zum Knochen und befestigt sie mit einer Schraube im gerade geschlagenen Loch. In den folgenden Wochen werden Knochen- und Muskelgewebe miteinander verwachsen; Schraube und Fäden verbleiben als Sicherung im Körper.

„In vier Minuten ist die OP beendet. Saallicht an!“ Der Monitor geht aus, die Endoskope werden herausgezogen. Herresthal vernäht die Öffnungen der Haut und legt den Arm in eine Manschette, die ihn zuverlässig am Körper fixiert. Sechs Wochen lang, bis Muskel und Knochen fest verwachsen sind, wird sie verhindern, dass Mirko S. durch eine unbedachte Bewegung alles wieder zunichte machen könnte. Bereits sieben Tage später sehen wir ihn wieder, diesmal hellwach in einem Sprechzimmer der Orthopädischen Gemeinschaftspraxis im Frankfurter Westend. Heute werden die Fäden der Einstichstellen gezogen; die kurzen Narben werden nach zwei bis drei Jahren kaum noch zu sehen sein. „Vor Erfindung der  Arthroskopie (Gelenkspiegelung) wurden solche Operationen an der offenen Schulter durchgeführt, mit großen Schnitten, entsprechend langer Heilung und großen Narben“, erzählt Herresthal, während er die schwarzen Nylonfäden mit einem Skalpell durchtrennt. „Die minimalinvasive Technik setzt zwar beim Operateur
viel mehr Erfahrung und Training voraus, denn sie gleicht einem Instrumentenflug im dreidimensionalen Raum, aber für die Patienten ist sie eine erhebliche Verbesserung.“
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