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Labortechnik hilft Vergewaltigungsopfern

Der 22. März ist der Tag der Kriminalitätsopfer. Zu ihnen zählen auch die Opfer sexuell motivierter Gewalt. Hier eine 40-jährige Frau, die auf offener Straße von einem wildfremden Mann gegen ihren Willen angefasst wird, da ein neunjähriges Mädchen, das von seinem Täter im Aufzug unter Top und Hose am Körper berührt wird, dort zahllose Mädchen und Frauen, die vergewaltigt werden.
Täter DNA Foto: Charité Berlin Selbst bei geringen Mengen DNA kann die Y-Chromosomenanalyse helfen, dem Täter auf die Spur zu kommen.

Die aktuelle Kriminalstatistik der hessischen Polizei führt für das Jahr 2012 insgesamt 2.105 Fälle von Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexuellem Kindesmissbrauch auf. Opfer sind vor allem Mädchen und Frauen bis 60 Jahre, aber auch Jungen im Kindesalter.
 
Tätersuche im Labor
Die gute Nachricht: Die Polizei konnte 85 Prozent dieser Straftaten aufklären. Hierzu leisten moderne molekulargenetische Nachweismethoden wie die Y-Chromosomen-Analyse einen Beitrag. Dies bringt den Wissenschaftler und Spurenexperten Lutz Roewer ins Spiel. Er ist Professor und Leiter der Abteilung Forensische Genetik an der Berliner Charité und im Auftrag des Landeskriminalamtes Berlin tätig. Vor 25 Jahren hat er die Y-Chromosomen-Analyse entwickelt, die durch immer spezifischere Detektionssysteme sehr genaue Aussagen zum genetischen Profil des Täters liefern kann.
 
Viele rechtsmedizinische Institute und Landeskriminalämter in Deutschland wenden sie an, wenn der Täter männlich ist, und seine DNA-Spur am weiblichen Opfer nur aus wenigen Molekülen besteht. Dies ist oftmals bei Sexualdelikten der Fall, wo der Täter eine geplante Vergewaltigung abbrechen musste. Hier bleiben nur Kontakt­spuren, die so genannte Touch-DNA, von den Händen des Täters an der Haut oder Kleidung des Opfers zurück. „Mit den konventionellen DNA-Untersuchungsmetho­den, die nicht zwischen Mann und Frau unterscheiden, geht statistisch gesehen min­des­tens ein Drittel  dieser Beweise verloren“, erläutert Roewer. Sein größtes Anliegen an die Opfer: „Gehen Sie zur Polizei und erstatten Sie Anzeige. Bringen Sie Ihre Kleidung mit, die Sie zum Tatzeitpunkt getragen haben.“
 
Wie funktioniert die Y-Chromosomen-Analyse?
Bestimmte DNA-Abschnitte des Y-Chromosoms vom vermeintlichen männlichen Täter werden auf ihre Länge untersucht. Zum besseren Verständnis: Unsere DNA besteht unter anderem aus den vier Molekülen Adenin (A), Thymin (T), Cytosin (C) und Guanin (G). Das Besondere an den untersuchten DNA-Abschnitten ist, dass sie aus kurzen Abfolgen dieser Moleküle bestehen und diese sich mehrfach hintereinander wiederholen (zum Beispiel GATAGATAGATA). In der Fachsprache werden sie als Short Tandem Repeats (STR) bezeichnet. Die Anzahl ihrer Wiederholungen – ob fünf, zehn oder zwanzig – und damit die Länge des DNA-Abschnitts variiert. Derzeit werden standardmäßig 23 solcher STR-Marker auf dem Y-Chromosom gleichzeitig untersucht, voraussichtlich ab Mai 2014 werden es 27 sein. So lassen sich nahezu alle Männer aus der Bevölkerung, die nicht miteinander verwandt sind, anhand ihres spezifischen Merkmalprofils unterscheiden. Müssen die DNA-Profile von Vater und Sohn oder von Brüdern auseinander gehalten werden, untersuchen die Experten weitere STR, von denen sie wissen, dass sich die Anzahl ihrer Wiederholungen bereits von einer auf die nächste Generation verändert.
 
Laut Roewer ist die Wahrscheinlichkeit geringer als 1 zu 100.000, dass zwei Menschen mit genetisch männlichem Geschlecht dieselben Sequenzlängen an allen 23 standardmäßig untersuchten STR-Orten haben: „Das klingt wenig, dient aber der Vorsicht, denn wir können die Häufigkeit nur anhand einer Datenbank schätzen.“ Diese weltweit zugängliche Datenbank, die  Y Chromosome Haplotype Reference Database (YHRD), wurde vor 13 Jahren von Lutz Roewer und dem Bioinformatiker Sascha Willuweit eingerichtet und enthält heute über 125.000 anonymisierte Vergleichs­­-Datensätze zum Y-Chromosom aus 115 Ländern. 252 forensische Institute haben daran mitgewirkt, und es werden jedes Jahr mehr.
 
Wichtiges Beweis im Strafprozess
„Unsere Analysen müssen so präzise sein, dass sie sicher zum Ausschluss eines Unschuldigen führen. Andererseits muss ein Nichtausschluss einen hohen Beweiswert für die Ermittler haben“, erklärt Roewer. Da das DNA-Muster auf dem Y-Chromo­som des Mannes stark mit dessen geographischem und kulturellem Hintergrund verbunden ist, gleichen die Experten das gewonnene DNA-Profil mit den hinterlegten Profilen der Datenbank ab. So können sie eine Häufigkeit ermitteln, wie oft  das untersuchte Profil zum Beispiel in der Bevölkerung eines Landes vorkommt. Ist die Häufigkeit sehr gering, lohnt es sich für die Kriminalbeamten, den Verdächtigen genauer zu betrachten, da in diesem Fall ein spezifisches Profil ermittelt wurde. Die abschließende Bewertung der Spurenexperten erfolgt in einem Gutachten, das dem Richter vorgelegt wird. Es ist eines von vielen Beweisstücken, die letztendlich zur Freilassung oder zur Verurteilung des Tatverdächtigen führen.

Was tun bei sexueller Belästigung?
 
Vertrauen Sie sich einer nahestehenden Person oder einer Beratungsstelle an. Gehen Sie zur Polizei und erstatten Sie Anzeige: Schildern Sie die Tat. (Machen Sie sich vorher Notizen als Gedächtnisstütze.) Die Polizei wird Sofortmaßnahmen zur Täterfeststellung einleiten. Bringen Sie, ohne diese vorher zu reinigen, alle Beweisstücke mit, die der Täter berührt hat. Auch wenn es unangenehm ist: Waschen Sie sich nicht. Selbst wenn Sie vorerst keine Anzeige erstatten möchten, suchen Sie bitte einen Arzt auf! Die Polizei fährt Sie zur ärztlichen Untersuchung ins Krankenhaus. Bei einer Vergewaltigung untersucht Sie ein Gynäkologe. Der ärztliche Befund kann ein wichtiger Beweis vor Gericht sein. Lassen Sie sich die „Pille danach“ verschreiben. Notieren Sie Ihre Aussagen für den späteren Gerichtsprozess. Informieren Sie sich über Ihre Rechte als Opfer (Anwalt, Nebenklage, Opferentschädigung).
 
Weitere Informationen finden Sie unter:
 
http://www.polizei-beratung.de/themen-und-tipps/gewalt/sexuelle-noetigung-vergewaltigung.html
Speziell für Kinder und Jugendliche:
http://www.bzga.de/infomaterialien/praevention-sexueller-kindesmissbrauch/trau-dich-initiativen-faltblatt/
 
Mögliche Ansprechpartner:
 
Bundesweiter Polizei-Notruf: 110
www.polizei.hessen.de
 
WEISSER RING e.V.
Opfertelefon (kostenfrei): 116 006
www.weisser-ring.de
 
Opferhilfe Südhessen e.V.
Telefon: 06162 – 912 100
www.opferhilfe.de
 
Frauennotruf Frankfurt
Telefon: 069 – 709 494
www.frauennotrufe-hessen.de
 
Deutscher Kinderschutzbund Landesverband Hessen e.V.
Kinder- und Jugendtelefon (kostenfrei): 0800 111 033 3
www.kinderschutzbund-hessen.de

 

Autor:

Dr. rer. physiol. Judith Schmitz

Diplom-Humanbiologin und

Wissenschaftsjournalistin

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