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„Nicht der Mann, den ich geheiratet habe“

Wie Loredana C. geht es vielen Opfern häuslicher Gewalt. Was als Liebe fürs Leben begann, wird zur Hölle auf Erden. Es herrschte eine große Stille in der Wohnung, nachdem er weg war. Zitternd lag ihr Körper auf dem Boden, an derselben Stelle, wo er ihn hinterlassen hatte.

Wie Loredana C. geht es vielen Opfern häuslicher Gewalt. Was als Liebe fürs Leben begann, wird zur Hölle auf Erden. Ein Bericht


Es herrschte eine große Stille in der Wohnung, nachdem er weg war. Zitternd lag ihr Körper auf dem Boden, an derselben Stelle, wo er ihn hinterlassen hatte. Die Kinder schwiegen hinter der Tür, und sie war völlig sicher, dass sie diesmal alles gesehen hatten. Leise Schritte kamen zu ihr, und zwei kleine Händen schlängelten sanft in ihren Haaren herum. Traurig schloss sie ihre Augen, um in ihren Gedanken nach jener Zeit zu suchen, als sein Charme und seine Liebe ihr Herz zum ersten Mal berührt hatten.

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Es war das Jahr 2000, als Loredana C.* Zamir M.*. kennenlernte, damals arbeitete sie als Dolmetscherin und studierte. Aus beruflichen Gründen pendelte er seit Jahren zwischen Deutschland und der gemeinsamen Heimat, und gleich nach der Hochzeit schlug er ihr vor, mit ihm nach Deutschland zu ziehen. Zwei Monaten später landeten sie in ­ Frankfurt, um das neue Leben zu beginnen. Für Loredana war alles unbekannt, sie fühlte sich unwohl, verloren und von ihrem Mann kaum verstanden. Ihr fröhliches Temperament schien ihn plötzlich zu stören. Vor ihm durfte Loredana nicht zu laut reden und auch nicht laut lachen, und weil sie ihn so sehr liebte, schwieg sie mit der Zeit immer mehr und mehr.

Vier Wochen nach ihrer Ankunft in Frankfurt wurde Loredana von ihrem Mann zum ersten Mal in der Wohnung verprügelt. Gleich nach dem Angriff und als ob nichts passiert wäre zwang er sie, mit ihm einkaufen zu gehen. Sie stieg verzweifelt ins Auto und stand Minuten später völlig allein mit ihren Schmerzen zwischen fremden Menschen, bunten Regalen und Einkaufswagen. Wie betäubt folgte sie seinen Schritten, nach einer Erklärung suchend, nach einem Ausgang aus diesem Alptraum und einem Weg zurück in ihr ­vertrautes Leben. Aber kein Wort kam aus ­ seinem Mund, keine Entschuldigung war zu hören, weder damals noch in der Zeit später. Vergessen sollte sie von nun an lernen – und ihm zu gehorchen auch.

Die Zeit verging schweigend, und die Normalität kehrte verletzt zurück in ihr Leben. Loredana unterdrückte ihre seelischen Schmerzen und gemischten Gefühle. Sie konzentrierte sich darauf, eine bessere Frau für ihren Mann zu werden und ihm Dankbarkeit zu zeigen, da er ihre Familie finanziell unterstützte, ihr sogar einen Deutschkurs und eine Ausbildung ermöglichen wollte und für sie den Führerschein bezahlte.

Drei Monate nach jenem ersten Schlag wurde Loredana schwanger, und eine weitere Form der Gewaltbeziehung wurde damit geboren. Es waren nicht mehr so oft seine Fäuste, sondern seine Worte und sein Benehmen, die sie schlugen. Er beleidigte und erniedrigte sie mit verletzenden Kommentaren, weil sie während der Schwangerschaft zu viel zugenommen hatte. Nannte sie krank und depressiv, wenn ihm etwas nicht passte und pflegte Beziehungen zu anderen Frauen bereits während ihrer Schwangerschaft. In ihrem Unglück und ihrer inneren Zerrissenheit bemühte sich Loredana weiter, die perfekte Frau und liebevolle Mutter für ihre Familie zu sein.

Mit der Geburt ihres zweiten Kindes wurden die Schläge ihres Mannes seltener, jedoch heftiger und seine verbalen Angriffe und Verbote immer häufiger. Bei jedem Wort wurde ihre Seele ängstlicher und ihr Körper ­ schwächer. Verzweifelt suchte sie nach der starken, fröhlichen Frau, die sie einmal ge­wesen war und fand an ihrer Stelle nur die verzerrte Gestalt, die ihr Mann in fast zehn Jahren Ehe aus ihr gemacht hatte. Die letzte Hoffnung verlor Loredana, als ihr drittes Kind zur Welt kam und die grausamste Seite ihres Mannes zum Vorschein kam.

Das Kind schrie die ganze Zeit und fand keine Ruhe. Ab und zu bekam es Durchfall und kleine Verletzungen waren an seinem Po zu sehen. Loredana cremte es fürsorglich ein, bis die Wunden verschwanden, aber sie tauchten unerklärlich, begleitet von Durchfall, in unregelmäßigen Abständen immer wieder neu auf. Außer laut wurde es mit der Zeit auch aggressiv und klemmte ständig an ihr. Ratlos fragte Loredana die Kinderärztin, doch die meinte nur, das Kind sei stark und laut von Natur aus.

Zum ersten Mal stellte Loredana eine direkte Verbindung zwischen dem Verhalten ­ ihres Sohnes und der Anwesenheit ihres Mannes fest, als die ganze Familie Urlaub bei seinen Eltern machte. Bereits mehrmals war ihr aufgefallen, dass ihr Kind in der Nähe seines Vaters unruhig und laut war; sie dachte, es sei eine Reaktion auf die Schläge, die es manchmal von ihm bekam. An jenem Abend aber schrie das Kind ununterbrochen weiter, als es von ihm ins Bett gebracht wurde. Loredana, die sich um den gesamten Haushalt der Familie ihres Mannes kümmerte, trat ins Zimmer, und als sie die Windel ihres Sohnes entfernte, sah sie panisch den starken Durchfall und die roten Genitalien ihres Kindes. An die abgenutzte Erklärung ihres Mannes, sein Sohn hätte eine harmlose Allergie von seiner Familie geerbt, glaubte Loredana schon längst nicht mehr. Sprachlos sammelte ihre Mutterinstinkt die verlorenen Kräfte nach jahrelanger Erniedrigung und Gewalt gegen sie ein. Fest entschlossen riss sie das Kind aus seinen Händen und konfrontierte ihren Mann mit ihrem Verdacht.

Zurück im Nachbarzimmer, allein mit ihrem Kind im Arm zerbröckelte ihre Kraft wieder. Mit wem könnte sie ihren schlimmen Verdacht teilen? Wer würde ihr glauben, wenn sie selbst es noch kaum glauben konnte? Welche Geschichte aus den Tränen und Schreien Ihres Babys könnte Sie jemals erzählen? Einen unverzeihlichen Fehler in dem Chaos von Gefühlen und Gedanken beging sie auch noch: Sie fuhr mit ihrem Sohn zur Kinderärztin, als es keine Wunden mehr zu sehen gab. Den Beweis hatte sie liebevoll mit zitternden Händen gleich nach der Tat ein- und weggecremt, ohne dabei an das Urteil eines Gerichts oder die Anzeige bei der Polizei zu denken. Dann breitete sich eine verblasste Erinnerung wie eine schwarze Wolke in ihrem Kopf aus: Auch ihr zweites Kind hatte vor Jahren unter Durchfall und Schmerzen gelitten, war ständig erschöpft und in sich zurückgezogen. Damals, als Loredana noch keinen Verdacht gegen ihren Mann hatte, konnte sie den forschenden Blick der Kinderärztin nicht verstehen, als diese die Infektion des Kindes als eine Krankheit, üblich bei Erwachsenen bezeichnet hatte. Doch die Ärztin hatte nichts weiteres unternommen oder gefragt. Diesmal aber bekam Loredana Kontakt zum Jugend- amt und ging den ersten Schritt – weg aus diesem Alptraum.

Der Mitarbeiter des Jugendamtes hörte ihr aufmerksam zu. Für ihn ein neuer Fall häuslicher Gewalt, für sie war er ein möglicher Lebensretter. Sie solle die Kinder und sich selbst in Sicherheit bringen, damit das Jugendamt ihren Fall weiter nachforschen könne, und ein Frauenhaus wäre der richtige ­ Ort, diesen Schutz zu finden. Loredana wusste davon bis dahin nichts und ja, das wäre eine Möglichkeit, die sie im Kopf behalten würde. Zuerst aber müsste sie sich weiter um den geplanten Umzug ins frischgekaufte Haus für die Familie kümmern, ohne die Kinder aus den Augen zu lassen.

Im Oktober 2011 liefen die Renovierungsarbeiten. Ihr Mann arbeitete in der ersten Etage, während Loredana ihrem zweiten Sohn mit den Hausaufgaben half. Die Stille im Haus verwandelte sich plötzlich in lautes Geschrei, das von oben kam. Beängstigt stieg Loredana die unendliche Treppe hoch. Das kleine Kind nahm sie weg von ihrem Mann, der ihr be­leidigt die Treppe nach unten hinterher lief. Endlich, unten erreichte sie einer seiner Schläge. Mit etwas Mühe fokussierte Loredana sein drohendes Gesicht, während das Kind in ihren Armen vor lauter Angst untröstlich weiterschrie. „Pass auf was du tust”, sagte er, „ich weiß, was du in Deinem Kopf hast, pass auf was du tust.” Dann wendete er sich von ihr ab und stieg die Treppe wieder hoch. Loredana überwand ihre Angst, nahm das Telefon und wählte die Nummer der Polizei.

„Sie lügt”, antwortete ihr Mann mit sicherer Stimme dem Polizisten, der ihn befragte. Schweigend stand Loredana neben ihm, ohne schwarze Flecken auf dem Gesicht – leider war diesmal der Schlag nicht heftig genug gewesen, um Beweise zu hinterlassen. „Doch!” erhob sich eine zweite Stimme in der Luft, „Du hast sie geschlagen, du schlägst uns alle, du machst das immer!” Im Gegensatz zum Vater klang die Kinderstimme etwas gebrochen im Raum. Die Mutter wusste, wer das war; der Vater wollte es nicht wissen und schickte mit einem Blick seinen Sohn zurück in die Ecke. Mann und Frau wurden von­ einander getrennt weiter befragt. Loredana bat die Polizistin um einen möglichen Platz im Frauenhaus, wie ihr das Jugendamt geraten hatte. Leider aber gab es keinen freien Platz und – weil sie immerhin so lang ­ mit dem Mann zusammen war – wurde ihr empfohlen zu versuchen, das Problem durch ein Gespräch zu lösen.

Die Lösung ihres Mannes war, ihr das Taschengeld, die Bankkarte und ihr Handy ­ wegzunehmen. Ihre Lösung war das Jugendamt. Sie rief an und erzählte, was passiert war. Drei Tage später, mit winzigem Gepäck und zusammen mit ihren Jungs, stieg sie ins Auto einer anderen Mutter, um sich zu viert auf den Weg ins neue Leben zu machen. Eine Mitarbeiterin des Frauenhauses führte sie zur Tür ihres Zimmers, erklärte ihr die Regeln des Hauses und hörte dann auf­ merksam der Geschichte ihrer Ehe zu. Loredana C. – noch etwas vorsichtig – spürte, wie die Wärme der Sicherheit ihre Seele langsam wieder umarmte.

Gedacht waren ein paar Wochen Aufenthalt. Zwischen Gerichtsterminen zum immer noch umstrittenen Sorge- und Umgangsrecht der Kinder, Jugendamts- und Anwaltsbesuchen, Formularen des Jobcenters und der im Laufe der Zeit mehr und mehr ersehnten, aber immer noch nicht gefundenen eigenen Wohnung hat sich ihre Zeit im Frauenhaus inzwischen bereits auf 15 Monate ausgedehnt. Frauen aus vielen Teilen der Welt, die dieselben Gewaltgeschichten in unterschiedlichen Variationen erlebt hatten, sind in dieser Zeit gekommen und gegangen. Als einziger Kern, der Loredana die Chance zur eigenen Stabilität und Ruhe ermöglicht, stand immer das Team von Mitarbeiterinnen und Betreuerinnen des Frauenhauses an ihrer und an der Seite ihrer Kinder – von Anfang an, in guten und in schwierigen Zeiten.

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Ihr Mann wurde vom Verdacht der sexuellen Belästigung aufgrund mangelnder Beweise freigesprochen, wegen häuslicher Gewalt ohne Zeugenaussagen und Urkundenfälschung wurde eine Geldstrafe verhängt. Er hat sich inzwischen selbstständig gemacht und lebt und arbeitet weiterhin in Frankfurt. Er hofft auf die Wiedergewinnung des Umgangsrechtes mit den Kindern, obwohl keiner der beiden ältes­ ten ihn sehen will und trotz Verbots eines zweiten Treffens mit dem kleinen Sohn. Der hatte sich beim ersten Versuch mit Betreuerin und ohne Mutter in Anwesenheit seines Vaters unbeweglich in eine Ecke des Zimmers gesetzt und war schließlich erschöpft eingeschlafen. Er ist jetzt drei Jahre alt und braucht laut psychologischer Begutachtung keine Therapie, wird aber von einer Kinderbetreuerin im Frauenhaus zweimal die Woche einzeln betreut und ist schon nicht mehr so laut wie früher. Der zweite Sohn, acht Jahre alt, wird einmal die Woche von einem Psychologen beim Kinderschutzbund therapiert. Der älteste, zehn Jahre alt, nahm an einer Gruppentherapie teil. Auch Loredana C. ist nach 15 Monaten ohne Demütigungen und Gewalt ruhiger geworden. Wenn sie heute eines ihrer Kinder im Arm hält und seine Hände in ihren Haaren spielen, fragt sie sich oft, ob sie ohne ihre Söhne die Kraft gefunden hätte, ihren Mann zu verlassen.

* Namen wurden von der Redaktion geändert.

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