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Schlechtes Rating

Mein Vater ist 88 Jahre alt, meine Mutter 85. Die beiden wohnen im eigenen Haus, in der Nähe von Bad Wörrishofen. Am 2. November 2013 waren die beiden morgens zur Fußpflege. Mittags haben sie gegessen, saßen danach im Wohnzimmer, beim Kaffee, und mein Vater hat Zeitung gelesen. Plötzlich brach er zusammen, hat gezittert, war nicht mehr ansprechbar. Der Notarzt kam, und die haben ihn ins Zentralklinikum in Augsburg gebracht, in die Stroke Unit.
Er hatte einen Schlaganfall.
 
Das wissen wir nicht genau. Einige Ärzte sagen ja, andere nein. Jedenfalls wurde er auf Schlaganfall behandelt. Er lag dann lang im Tiefschlaf, organisch war alles ok, und wurde über Infusionen ernährt. Als es nach drei Wochen immer noch keine Entwicklung gab, haben wir ihn näher an Zuhause geholt, ins Krankenhaus in Schwabmünchen. Dort kam er stundenweise zu sich, wurde dann auch therapiert, bekam Logopädie und die Ernährung wurde von Infusionen auf Nasensonde umgestellt.
 
Wer hat für ihn die Entscheidungen getroffen?
 
Das war ich, vom Gericht war ich offiziell als sein Betreuer bestellt worden. Meine Mutte wurde dann von der Leitungsschwester beträngt, den ‚den armen Mann doch nachhause zu holen um ihn dort sterben zu lassen.’ Das ging bis hin zur Frühsterbebegleitung. Ich hab dann interveniert, mein Vater sei dort, damit die ihn wieder fit machen, nicht um ihn sterben zu lassen. Darauf entgegnete mir der Chefarzt: ‚Ihr Vater hat mit seinen 88 Jahren ein so ungünstiges Rating, Sie müssen das einsehen, mit Ihrem Vater geht es zuende. Ich möchte die Familie schonen, deshalb werden wir ihn nur noch palliativ behandeln.’ Wörtlich.“
 
Wie haben Sie darauf reagiert?
 
Ich hab gesagt, das bestimmen immer noch wir. Ich vertrete die Interessen meines Vaters. Der wird hier versorgt, und wir lassen sein Leben hier nicht palliativ ausklingen. Statt meiner haben Chefarzt und Pflegepersonal meine Mutter bedrängt, die daraufhin einen Nervenzusammenbruch hatte. Dann ist mir der Kragen geplatzt, das Ganze war sehr emotional aufgeladen. Ich wollte meinen Vater retten, und ein Arzt erklärt mir, für die Familie sei es das beste, wenn mein Vater sterben würde. Er meinte ganz offensichtlich, dass seine Position ihm das Recht gebe, darüber zu entscheiden.
 
Das hat er genauso kundgetan?
 
Genauso: Er als hauptverantwortlicher Arzt habe eine Pflicht, nicht nur Leben zu erhalten, sondern – wie sagte er? – ‚sondern auch Leben menschlich zu beenden.’ Was immer das heißt. Das war für mich der Inbegriff des Halbgotts in Weiß, der selbstherr­lich über Leben und Tod entscheidet. Ich wollte dann, dass mein Vater möglichst rasch in eine Reha käme, raus aus diesem Haus. Auch das hat mir der Chefarzt verweigert.
 
Mit welcher Begründung?
 
Er sagte, ‚Sie können Ihren Vater nachhause holen und dann hier neu einliefern, das interessiert mich dann nicht. Aber ich werde keine Überweisung zur Reha unterschreiben.’ Als Begründung nannte er wieder das angeblich so schlechte Rating meines Vaters. Er sei gesetzlich verpflichtet, medizinische Ressourcen für junge Menschen freizuhalten und nicht für alte, ‚die im Prinzip ihr Leben gelebt haben,’ – Originalton. Ich hab darauf die Krankenkasse eingeschaltet, die mir sagten, die Entscheidung Reha ja oder nein liege beim leitenden Arzt. Wenn der sage, das sei von Erfolg gekrönt, würden sie es bezahlen. Aber Chefarzt hat eben nein gesagt.
 
Wie gings weiter?
 
Daraufhin bin ich zur Rehaklinik in Burgau gefahren und hab dort mit den leitenden Leuten gesprochen. Die sagten mir dann, ‚sobald ein Platz frei wird, holen wir Ihren Vater. Wir dürfen ihn aber nicht anfordern, der Chefarzt muss ihn anmelden.’ Als der einmal nicht in der Klinik war, hab ich seine Stellvertreterin gebeten, in Burgau anzurufen. Sie hat das dann auch gemacht, weil, so ihre Begründung, weil sie sehe, welch engagierten familiären Hintergrund mein Vater habe. Wenn wir uns nicht so massiv für ihn einsetzen würden, würd sie’s auch nicht machen. In der Zwischenzeit wurde mein Vater aber immer schwächer und schwächer. Dann hab ich dem Krankenhaus offen und schriftlich gedroht: Wenn mein Vater stirbt, dann habt ihr ein Problem.  
 
Hat dieser Brief etwas bewirkt?
 
Und ob. Die haben den plötzlich vollgepumpt mit Flüssigkeit und hochdosierter Flüssignahrung. Buchstäblich über Nacht war mein Vater nicht mehr wiederzuerkennen. Er fing an zu sprechen und drei Tage später wurde er nach Burgau verlegt. Dort gab’s ganz tolle Gespräche: Was sind die Ziele der Familie? Wie soll der Vater die Reha wieder verlassen? Und was sind die aus Sicht der Ärzte realistischen Ziele nach einem Aufenthalt von sechs bis acht Wochen? Das wurde protokolliert und es ist wirklich so gekommen: Mein Vater ist wieder voll den ganzen Tag präsent, er kann wieder sprechen, er kann den rechten Arm und beide Beine bewegen.
 
Wo ist ihr Vater jetzt?
 
Weil ihn meine Mutter mit 85 nicht voll versorgen kann, haben wir unsern Vater in eine Kurzzeitpflege gegeben. Er bekommt Bewegungstherapie, Physiotherapie, Logopädie. Dort untertstützt uns auch sein langjähriger Hausarzt. Jetzt ist er drei Wochen dort, macht Riesenfortschritte und unser Ziel ist es, ihn in zirka drei Wochen nachhause zu holen. 
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