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Ein Gesundheits-Journal-Interview mit Chefarzt Prof. Dr. med. Matthias Schwarzbach: „Tumorchirurgie ist wie Wellenreiten“

Nach Erhebungen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden sind Krebserkrankungen die zweithäufigste Todesursache in Deutschland nach den vaskulären Erkrankungen rund um Herz und Kreislauf. 2012 verstarben im Bundesgebiet insgesamt 55.425 Menschen, mehr als ein Viertel (25,5 Prozent) davon an Krebs.
Tumorchirurgie ist wie Wellenreiten

Nach Erhebungen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden sind Krebserkrankungen die zweithäufigste Todesursache in Deutschland nach den vaskulären Erkrankungen rund um Herz und Kreislauf. 2012 verstarben im Bundesgebiet insgesamt 55.425 Menschen, mehr als ein Viertel (25,5 Prozent) davon an Krebs.
Vor allem die soliden Krebsarten, also jene mit einem festen, örtlich umschriebenen Tumor, schlagen dabei besonders hoch zu Buche: Lungenkrebs mit 19,4, Leberkrebs mit 9,1 Prozent und Magenkarzinome mit 8,8 Prozent. Zu deren Therapie gibt es mittlerweile multimodale Therapiekonzepte, innerhalb derer die Chirurgie einen hohen Stellenwert einnimmt.

Das Gesundheits-Journal besuchte deshalb den renommierten Tumorchirurgen Prof. Dr. med. Matthias Schwarzbach, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß- und Thoraxchirurgie am Klinikum Frankfurt Höchst, und führte mit ihm ein mehrstündiges Gespräch.


GJ: Herr Prof. Schwarzbach, 2012 sind in Deutschlandmehr als 14.000 Menschen an Krebs gestorben. Gibt es auch gute Nachrichten?

Schwarzbach: Zum Glück ja! Sie haben recht, es sterben immer noch viel zu viele Menschen an Krebs, aber gleichzeitig können wir Patienten, die früher nicht mehr operiert werden konnten, heute über Jahre zum Teil mehrfach operieren. Die metastasierten (Metastase = Tochtergeschwulst eines Tumors; Red.) Karzinome beispielsweise waren vor Jahren noch unheilbar. Heute ist vielfach auch hier eine Heilung möglich durch die Kombination von Chemotherapie und Chirurgie. Die Chirurgie hat dabei eine immer größere Bedeutung bekommen.


Was hat diesen Bedeutungszuwachs bewirkt?

Spezialisierung und neue Techniken. Erfolgreiche Tumorchirurgie – diesen Vergleich wähle ich gern, weil ich beides seit vielen Jahren betreibe – ist ein bisschen wie Wellenreiten. Wenn ein Surfer eine acht, neun Meter hohe Welle entlangfährt, setzt das ein enormes Training und eine extreme Spezialisierung voraus. Nur so kann man Extremsituationen meistern, ganz egal ob im Sport oder bei der Tumorchirurgie.


Aber bei den letzten Höchster Kamingesprächen im März dieses Jahres haben Sie eine Tendenz zur ­Segmentierung der Medizin beklagt, die kein organübergreifendes Operieren aus einer Hand mehr zulasse. Ist das kein Widerspruch?

Nein, ganz im Gegenteil. Was ich mit extremer Spezialisierung meine, ist nicht die Segmentierung der Chirurgie entlang von Organgrenzen. Tumore, die metastasieren, halten sich nämlich nicht an Organgrenzen – da können Weichteile, Gefäße und Knochen gleichzeitig betroffen sein. Lassen Sie mich das an einem konkreten Beispiel erklären: Wir hatten hier einen 47jährigen Patienten, verheiratet, ein Kind von elf Jahren. Der Mann war sportlich, kein Gramm Fett zuviel, immer gesund – und plötzlich wurde er gelb. Er geht zum Arzt, der untersucht ihn, läßt eine MRT-Aufnahme machen und kommt zum Ergebnis: Der Patient hat einen Lebertumor, der weit fortgeschritten ist und bereits die Gallengänge abschnürt. Deshalb staut sich die Galle in seine Leber. Metastasen gibt es keine, der Internist rät zur Operation. Der Mann kommt zu uns, wir eröffnen den Bauchraum und erwarten zunächst eine ganz normale Entnahme. Nach wenigen Operationsschritten stellen wir jedoch fest, dass der Tumor bereits die gesamte Hohlvene bis zum linken Vorhof des Herzens erfasst hat. Mein Oberarzt, als er das sah, sagte: Der Mann ist inoperabel.


War er’s?

Prinzipiell ja; die Infiltration der Hohlvene war ein klares Inoperabilitäts-Kriterium. Die Gefahr, dass uns der Patient während oder unmittelbar nach der Operation sterben würde, war hoch. Andererseits war der Mann relativ jung. Ohne OP hatte er eine Prognose von sechs Monaten und hätte eine Frau und ein elfjähriges Kind zurückgelassen. In einem solchen Fall müssen Sie alles auf eine Karte setzen und operieren. Nun ist die Hohlvene aber eine Domäne des Gefäßchirurgen, während die verschiedenen Eingriffe an der Leber einerseits in den Bereich des Viszeralchirurgen (Viscera = Eingeweide; Red.), andererseits in den des Transplantationschirurgen fallen. Sie bräuchten also die Expertise all dieser Kollegen, gleichzeitig können Sie aber eine solche OP erfolgreich und mit klarem Duktus nur aus einer Hand durchführen.


Haben Sie ihn operiert?

Ja, nach Rücksprache mit seiner Frau, die uns die Zustimmung im Sinne Ihres Mannes signalisierte, habe ich ihn operiert. Ich habe 80 Prozent der Leber und die Hohlvene mit allen ­Mündungswegen der Leber in einem Block herausgeschnitten, die Hohlvene durch eine Kunststoff-Prothese ersetzt und die Gallengänge mit dem Darm verbunden. Wenn sie das nicht gut machen – die Restleber ist sehr klein – dann fällt die Leber aus, und der Patient stirbt. In diesem Fall hat das Ganze zehn Stunden gedauert, und der Patient ist einige Wochen nach dem Eingriff gesund nach Hause gegangen. Das Erfreuliche war, im pathologischen Bericht stand tatsächlich eine komplette R-null-Resektion.


Was bedeutet R-null-Resektion?

Das heißt, der Patient hatte am Ende der Operation keinen Resttumor mehr im Körper, wir ­hatten noch nicht mal Tumorreste im Absetzungsrand. Was ich aber mit dieser Geschichteeigentlich sagen will: Ich habe neben der Viszeralchirurgie über viele Jahre sowohl Gefäß-, als auch Lungen- und Transplantations-Chirurgie gemacht. Ohne meine breite Ausbildung hätte ich diesen Patienten als inoperabel nach Hause schicken müssen, er wäre innerhalb von sechs Monaten gestorben und hätte Frau und Kind zurückgelassen. Wenn wir das verhindern wollen, brauchen wir Kompetenzzentren, die sich auf besonders komplexe Fälle spezialisieren. Ein solches Zentrum haben wir hier am Klinikum Frankfurt Höchst in den letzten Jahren aufgebaut.


Bedeutet eine derartige Zentrums­bildung – neben der chirurgischen ­Kompetenz – auch die Anschaffung ­modernster technischer Ausstattung?

Selbstverständlich, ohne die wäre ich gar nicht hierher gekommen. Ein Beispiel ist unser Operationslaser, der uns eine sehr hohe Präzision erlaubt. Weil so nur sehr wenig gesundes Gewebe entfernt werden muss, schont der Laser die inneren Organe. Gerade in der Metastasen-Chirurgie an der Lunge oder an der Leber können wir damit auch mehrere Läsionen ohne übergroßen Substanzverlust am operierten Organ entfernen. Eine weitere Technik, die wir neu angeschafft haben, ist die Mirowelle. Hierbei wird eine Nadel in einer Läsion positioniert, deren Gewebe wird durch Mikrowellen erhitzt und von innen her verkocht. Diese beiden Verfahren können wir während einer Operation auch kombiniert anwenden, um für den Patienten die jeweils beste Lösung zu finden.


Ist nach einer R-null-Resektion tatsächlich keinerlei Tumorgewebe mehr im Körper?

Kein mit dem Auge sichtbares. Natürlich zirkulieren Tumorzellen im Körper, und es kann sein, dass sich trotzdem irgendwo noch Mikro-Metastasen befinden. Aber die werden in der Regel mit der systemischen Chemotherapie bekämpft oder, wenn wir einen Tumor haben, der an einem entfernten Ort sitzt, mit der Strahlentherapie. Durch diese gezielte Kombination unterschiedlicher Verfahren hat die Krebstherapie in den letzten Jahren einen enormen Fortschritt gemacht. Viele Krebserkrankungen haben heute Überlebenserwartungen, von denen wir vor wenigen Jahren nur geträumt hätten.


Können Sie das in Zahlen ausdrücken?

Ja, nehmen Sie zum Beispiel das kolorektale (Kolorektum: Übergang vom Colon = mittlerer Dickdarm zum Rectum = Mastdarm; Red.) Karzinom, das können wir heute in vielen Fällen komplett heilen. Selbst in der metastasierten Situation, wo der Patient vor kurzem noch eine Lebenserwartung von etwa einem Jahr hatte, überlebt er heute durchschnittlich drei, vier, fünf Jahre oder länger. Ein anderes Beispiel ist die Leberchirurgie. Die Leber war früher ein operationsfeindliches Organ wegen der Blutung, an der viele Patienten verstorben sind. Dann kamen die Lebertransplantationen, man hat die Leber besser verstanden, und mittlerweile können wir die Leber mit einer sehr hohen Patientensicherheit operieren. Ich kann ihnen die Zahl aus meiner Klinik nennen: 99,3 Prozent aller unserer Patienten haben diesen zum Teil großen Eingriff überlebt und nur ein einziger Patient in vier Jahren musste erneut operiert werden. Wir machen das hier mit dem Laser, unter besonderer Schonung des gesunden Gewebes. So können wir möglichst viel Restleber erhalten, die der Patient braucht, um die anschließende Chemotherapie zu überstehen. Ein weiteres Beispiel ist die Bauchspeicheldrüse: Wir haben mittlerweile über 260 Pankreaseingriffe gemacht und im gesamten Patientenkollektiv eine Sterblichkeit von 1,7 Prozent. Die Grenze für eine Zertifizierung liegt bei sieben Prozent. Ich kann also mit gutem Gewissen einem Patienten mit Pankreaskrebs entgegentreten und ihm sagen: Wenn Sie bei uns operiert werden, dann liegt Ihre Überlebens-Wahrscheinlichkeit hinsichtlich der Operation und Krankenhausbehandlung bei 98,3 Prozent.


Stellt sich die Frage, die Sie auch beim Kamingespräch diskutiert haben: Wie ­finde ich als Patient beispielsweise mit Darmkarzinom und Lebermetastasen ein solches Zentrum wie Ihres, wenn ich nicht aus Frankfurt bin? Wird mein Hausarzt mich überhaupt zu Ihnen überweisen?

Kompetenzzentren finden Sie am zuverlässigsten über die Zertifizierung. Die ist ein Spiegelbild der Leistungsfähigkeit einer Klinik.


Das hat nur einen Haken: Es gibt verschiedene Zertifizierungs­systeme mit unterschiedlichen ­Schwerpunkten – das eher chirurgisch orientierte der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) und das mehr onkologisch (Onkos = Anschwellung und Logos = ­Lehre, Krebsmedizin/-wissenschaft; Red.) orientierte der Deutschen ­Krebsgesellschaft (DKG). Woran soll ich mich halten?

Sie haben recht. Genau deshalb hat unsere Klinik auch beide Zertifizierungen, und zwar für den Dickdarm-, für den Bauchspeicheldrüsen-Krebs und für Lebermetastasen. Wie ich Ihnen bereits beschrieben habe, kommt es auf chirurgische und onkologische Fähigkeiten und ihre sinnvolle Verzahnung an. Ein Tumorchirurg kann nur gut sein, wenn er auch ein guter Onkologe ist, wenn er die Tumoren versteht. Ich habe meine Habilitationsschrift über Tumoren verfasst und zwei Jahre lang am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg die Tumoren von der Zellseite her betrachtet: Wie wachsen sie, wie transformieren sie, wie wirkt die Chemotherapie? Nur wer beide Seiten kennt, die chirurgische und die onkologische, kann für den Patienten die richtige Entscheidung treffen und ein gutes Ergebnis erzielen.n (ahf)



„Ein guter Surfer braucht mehr als körperliche Geschicklichkeit und Kraft. Er muss etwas vom Wetter verstehen, von Aquadynamik, muss wissen, wie Wellen sich zum Wind verhalten. Genauso ist es in der Tumorchirurgie: Kenntisse in einer chirurgischen Sparte allein reichen nicht aus, um Höchstleitungen zu bringen.“



Prof. Dr. Schwarzbach erläutert GJ-Redaktionsleiter Armin H. Flesch die Operation eines Weichteil-Sarkoms. Nach Angaben der Patientenorganisation „Das ­Lebenshaus e.V.“ wird dieser seltene Krebs nur in acht Zentren in Deutschland behandelt, darunter im Sarkomzentrum des Klinikums Frankfurt Höchst.



Weitere Informationen

Klinikum Frankfurt Höchst · Klinik für Allgemein-, Viszeral-, ­Gefäß- und Thoraxchirurgie · www.klinikumfrankfurt.de

Dringende Operationstermine?
vereinbaren Sie bitte von 7–13 Uhr

Telefon: 0 69/31 06-243 7
E-Mail: elke.rucker@klinikumfrankfurt.de


„Qualität in Kliniken im Spannungsfeld ­zwischen Effizienz und Ethik“

Prof. Dr. med. Matthias Schwarzbach beim 7. Höchster ­Kamingespräch vom 13. März 2014

Video-Stream unter www.gesundheitsjournal-rmm.de

Zertifizierte Kompetenzzentren
www.dgav.de · www.krebsgesellschaft.de

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