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QUER

Werner Kieser – Schweizer Unternehmer, Gründer von Kieser Training, gelernter Schreiner, Ex-Boxer, Buchautor, Dozent, studierter Philosoph und Querdenker – im Gespräch.
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Am 20. Juni 2014, vormittags um halb zehn, waren wir in Zürich zum Interview mit Werner Kieser verabredet. Wir hatten ein Gespräch über Fitness und Gesundheit, die Entstehungsgeschichte und Philosophie von Kieser Training geplant: eine Stunde, ein paar Photos, das Übliche. Die Fragen waren vorbereitet, wir hatten die Adresse der Kieser-Zentrale, ein Auto und ein Navigationssystem. Bis hierhin lief alles nach Plan – ab jetzt kam alles ganz anders. Die nagelneue Firmenzentrale war offenbar nach unserer Navi-CD fertig geworden, sooft wir die Adresse eingaben, erhielten wir die Meldung, sie existiere nicht. Mithilfe Werner Kiesers Sekretärin, die uns übers Mobiltelefon vom Seeufer zum Ziel lotste, kamen wir zwar an, hatten uns aber heillos verspätet.

Doch statt uns nun im technoid anmutenden Besprechungsraum bei Kaffee und Gebäck in den gewohnten Bahnen eines Interviews zu bewegen, saßen wir schon eine halbe Stunde später in Werner Kiesers Auto und bewegten uns durch Zeit und Raum. Alle Interviewfragen rückten schnell in den Hintergrund, stattdessen wurde ein mehr als dreistündiges Gespräch über Gott und die Welt, Philosophie, den Tod und das Leben daraus. Und darüber, warum man planen muss, auch wenn hinterher alles ganz anders kommt.
 
 
GJ: Herr Kieser, wie sind Sie zum Sport gekommen?
Werner Kieser: In den Fünfzigerjahren gab’s in der Schweiz diese seltsame Form des Militärischen Vorunterrichts – die Schweiz bereitete sich damals noch auf einen Krieg vor, der schon vorbei war. Für das männliche Publikum war das üblich, im Alter von 15 Jahren. Es gab dann eine Art Athletikprüfung in irgendeinem Sportclub. In dem Bauerndorf, wo ich aufwuchs, da gab’s nur die Nationalsportart des Schwingens – eine archaische Form des Ringkampfs. Die Schweizer pflegen das seit Jahrhunderten. Und natürlich wollte früher jeder Junge Schwinger werden. Ich war aber etwas klein und schmächtig, und dann hat der Lehrer zu mir gesagt: Geh Du zu den Boxern, die haben Gewichtsklassen, da haben auch die Schmächtigen eine Chance. So bin ich dann zweimal die Woche mit dem Fahrrad von Bergdietikon nach Zürich zum Boxclub gefahren. Den gibt’s heute noch, traditionsreicher Club hier ganz in der Nähe, im sogenannten Arbeiterquartier. Hier hab ich auch meine Berufslehre gemacht, als Schreiner.
 
 
Sie sind Schreiner? Haben Sie den Beruf zu Ende gelernt?
Natürlich, man macht die Dinge zu Ende. Und wenn man’s nicht schafft, dann muss man’s halt nochmal versuchen.
 
 
Wieso tragen Sie als Schweizer eine deutsche Uhr?
(Lacht) Ich bin nicht Nationalist. Mit Gewalt und Lüge sind Grenzen entstanden. Aber das mit der Uhr war interessant: Meine Frau wollte mir eine schenken – zum Sechzigsten, vor zwölf Jahren –, und ich hab ihr gesagt: Ich will ne Glashütte. Dann sind wir in Zürich auf der Bahnhofstraße, wo lauter Uhrengeschäfte sind, in jedes Geschäft rein und haben gefragt: Haben Sie Glashütte? Nö, haben wir nicht. Dann sag ich zu meiner Frau: Pass auf, in zehn Jahren ist das hier der größte Renner.

Und tatsächlich war es so, Glashütte war dann der Renner. Aber da hatte ich meine schon, ein Juwelier hatte die Beziehung gerade aufgebaut und dort haben wir sie gekauft. Ich bin sehr zufrieden. Das ist schon eine tolle Sache mit den mechanischen Uhren, die eigentlich nie stimmen. Aber es muss ja nicht genau sein. Kennen Sie Wabi-Sabi?
 
 
Japanische Ästhetik? 
Ja. Schönheit, die zum Beispiel aus Verfallsprozessen entsteht – Stahl der rostet und sich in seine einzelnen Schichten aufblättert. Ich hab so was mal fotografiert und einem Freund gezeigt, und der sagte: Das ist Wabi-Sabi, was Du da machst. Weil mir das nichts sagte, hat er mir ein paar Literaturhinweise gegeben, und da verstand ich plötzlich, wieso ich’s nicht verstanden habe. Was wir, wenn wir japanische Architektur sehen, für Minimalismus halten, ist gar keiner, sondern Wabi-Sabi. Das ist nicht die Moderne, das hat seine eigene Wurzel, auch wenn sich beides inzwischen gegenseitig befruchtet hat. Richtig verstanden hab ich’s dann, als ich ein Gespräch in Spektrum der Wissenschaft las.
Da hat’s in Okinawa eine Robotermesse gegeben, und am Empfang stand eine Empfangsdame, auf die Wetten abgeschlossen wurden, ob sie ein Roboter sei oder ein Mensch. Es war aber ’ne Maschine. Ein europäischer Forscher hat dann einen japanischen Kollegen gefragt, ob sie nicht ethische Probleme hätten, so was zu machen. Dann hat der Japaner geantwortet: Nein, das habt Ihr, Ihr habt den Dualismus – also von Geist und Körper, was die Materialisten auch nicht mehr haben – und damit habt Ihr ein Problem. Das stimmt, die machen das einfach: Wenn’s aussieht wie ne Ente, wenn’s tönt wie ne Ente, dann ist’s ne Ente. Die Seele ist nicht relevant.
 
 
Wobei das Wesen der natürlichen Ente, die sich fortpflanzt, Eier legt, Emotionen zeigt, dann aber doch ein anderes ist. So ganz eine Ente ist der Roboter nicht, er sieht nur so aus.
Ja, aber daraus kommt ein ganz anderes Verständnis von Tod und Leben. Bei uns gibt es den Schwarz-Weiß-Gegensatz, dort ist es einfach nur ein Prozess der Verwandlung.
 
 
Nun haben Sie einmal gesagt, die Evolution habe eigentlich kein Interesse, uns älter werden zu lassen als 25. Dennoch haben wir alle ein großes Interesse daran, sehr viel älter zu werden als 25 und tun, etwa bei Kieser Training, eine Menge dafür. Woher rührt dieses Interesse, wenn doch die Beschwerden mit dem Alter zunehmen? Die Freude ist kurz, die Leiden währen lang. Warum wollen wir das trotzdem verlängern und wehren uns – buchstäblich mit Händen und Füßen – gegen das Sterben?
Tja, es scheint schon in uns angelegt zu sein. Das Leben will sich einfach durchsetzen.
 
 
Halten Sie Leben für planbar?
Nein. Ich plane alles, aber ich weiß, dass es eigentlich nicht geht. Ich gebe Planungsseminare, und die eröffne ich immer mit dem Spruch von Brecht …
 
 
Ja, mach nur einen Plan!? Sei nur ein großes Licht!?…
… Und mach dann noch ’nen zweiten Plan.? Gehn tun sie beide nicht. – Ja, das find ich so schön. Auf der andern Seite, wenn man scheitert, ist es immer besser, wenn man einen Plan hat, denn dann kann man verfolgen, warum man gescheitert ist. Im Sinne von Popper: Gewissheit habe ich nur, wenn ich scheitere. Wenn ich Erfolg habe, weiß ich ja nie genau, warum.
 
 
Richtig, nur durch das Scheitern lernen wir.
Also, ich halte das Leben nicht in dem Sinn planbar, dass dann alles so kommt. Trotzdem sind Pläne absolut notwendig. Ich bin ein Schüler von Gustav Grossmann, ich hab ihn noch erlebt und verdanke ihm viel. Er hat ein gutes Buch geschrieben, dass sich heute noch verkauft, das heißt „Sich selbst rationalisieren“. Aufgrund dieses Buches hab ich meine Manager ausgebildet. Aber es ist schwierig, denn die meisten sagen: Es kommt eh alles anders. Macht ja nichts, denn wenn ich ’nen Plan habe, weiß ich, was anders kommt und warum und wo ich falsch lag in meiner Vorstellung. Hab ich keinen Plan, dann bin ich Spielball des Zufalls. Deshalb befürworte ich die Planung im Sinne von Tagesplan, Monatsplan, Jahresplan, Periodenplan, Lebensplan. Auf der andern Seite ist es erstaunlich, was sich alles realisiert, wenn man plant. Man macht sich ein Bild, wie etwas sein wird. Nicht konkret, wieviel Geld ich habe, wo ich wohne oder so ...
 
 
Tendenzen und Perspektiven?
Ja. Wenn Sie mich fragen: Hast Du erreicht, was Du wolltest? dann müsst ich sagen: Ja. Aber wenn ich noch mal beginnen könnte, wär ich schneller. Man macht ja viele Umwege, wenn man etwas zum ersten Mal macht. Als die Fitnesswelle hereinbrach – Anfang der Siebziger – da kamen plötzlich die Leute zu mir. Aber es kam auch die Konkurrenz, und die war kapitalmäßig viel besser ausgestattet als ich. Da hab ich mir das angeschaut, alles mit Chrom, Teppichboden, das war alles sehr vornehm, sehr schön – und ich mit meinem Schrottplatz. Also dachte ich, ich muss irgendwie mitziehen. Ich hatte etwas Geld, die Leute kamen ja, und ich hab dann in Sauna investiert, Whirlpool und all das, was man heute als Wellness bezeichnet. Aber mir wurde immer unbehaglicher, weil ich gar nicht mehr machte, was ich eigentlich wollte. Und ich merkte auch, dass die Leute nur noch herumlagen und gar nicht mehr trainierten. Das wurde mir zu blöd; ich hab diese ganzen passiven Sachen rausgeschmissen, ein Drittel der Kundschaft verloren. Aber die, die blieben, das waren die Richtigen. Ich war ein Exot in der ganzen Fitness-Landschaft, aber man wusste: Die, die zum Kieser gehen, wollen wirklich trainieren. Dem Konzept bin ich bis heute treugeblieben. Das mit der Wellness war eben so ein Umweg – meine erste strategische Fehlentscheidung, aber sie war richtungweisend.
 
 
Woher kommt Ihre Beschäftigung mit der Philosophie?
Im Städtchen bei dem Dorf, wo ich aufwuchs, gab’s ne Kneipe. In der Zeit, als ich boxte, ging ich oft dahin, und da war ein Mann, der Hans Hürlimann, ein Kunstmaler und ehemaliger Spanienkämpfer auf der Seite der Anarchisten. Der war damals schon 75 und hat immer junge Leute um sich geschart und versucht, sie zu bilden. Er hat uns Fragen gestellt, so wie Sokrates, und ich fragte weiter. Er hat dann angefangen, mir Bücher zu geben. Das erste war „Aphorismen zur Lebensweisheit“ von Arthur Schopenhauer. Ich war ganz unbedarft, aber ich fand’s spannend.

Schopenhauer schreibt auch sehr verständlich, nicht dieses akademische Gerede, das niemand versteht. Das ging dann so weiter, mit Ernst Haeckels zum Beispiel, „Die Welträtsel“, oder „Der Einzige und sein Eigentum“ von Max Stirner. Hürlimann meinte: Wenn Du das verstanden hast, musst Du Dich entscheiden: Entweder Du erschießt Dich, oder Du weist, warum Du weitermachst.
 
 
Sie haben damals in Ihrem Beruf als Schreiner gearbeitet? 
Nein, nein, ich hab damals auf der Baustelle gearbeitet, als Eisenbieger, weil ich Geld verdienen musste. Eisenbieger sind eine Kaste für sich. In den Pausen rauchten die meisten oder tranken ein Bier, und ich saß ein bisschen abseits und holte mein Reclam-Buch aus der Tasche und las Platon. Und dann kam da einer zu mir, ein drolliger Kerl, und sagte: Du, hör mal, Du liest immer so komische Sachen. Ich mag Dich ja, aber irgendwie fällst Du damit aus dem Rahmen. Willst Du nicht mal zum Berufsberater gehen? Ganz fürsorglich, ein Mann, dem ich das gar nicht zugetraut hätte. Ich dachte: Der hat eigentlich recht, ich lass mich mal testen, vielleicht eigne ich mich für was und weiß es gar nicht.

Also hab ich das Telefonbuch aufgeschlagen und hab dann bei einer Beratungsstelle angerufen, um mich zu einem Eignungstest anzumelden. Am andern Ende war ein älterer Mann, der sagte: Das ist aber teuer. – Frag ich: Ja was kostet das? – Sagt er: 450,- Franken. – Ja, das kann ich mir leisten. Und so kam ich dann zu einem Psychologen, mit dem ich später viele Jahre Kontakt hatte. Er hat gesehn, wo’s bei mir langging und meinte, ich solle noch mal in die Schule gehn und danach studieren. Also hab ich die Handelsschule gemacht und der Plan war, dass ich Lehrer werde. Aber das hat dann doch einen andern Verlauf genommen.
 
 
Obwohl – in gewisser Weise sind Sie ja ein Lehrer geworden.
Wahrscheinlich ja. Interessant ist, dass man trotzdem verwerten kann, was man gelernt hat, auch wenn etwas anderes draus wird. Es muss nicht immer ein standardisierter Beruf sein, meinen Beruf gab’s damals sowieso nicht.

 
Die Querverbindungen sind oftmals die fruchtbareren, weil man nicht, wie der Spezialist, glaubt, alles zu wissen. Aber man weiß, dass es aus unterschiedlichen Bereichen vieles zu wissen gibt, das man verwerten kann.
Ja, weil man einen anderen Zugang hat, genau.
 
 
1966 haben Sie hier in Zürich Ihr erstes Studio eröffnet, mit selbstgebauten Maschinen – den „Schrottplatz“, wie Sie das eben genannt haben. Aber irgendwann wurde daraus Kieser Training, ein großes Unternehmen in mittlerweile acht Ländern auf zwei Kontinenten. Wann und wie kam das?
Zunächst sind wir nur in der Schweiz gewachsen, Anfang der Achtziger Jahre. Weil ich das Geld nicht hatte, das alles allein zu machen, hab ich mir Franchisenehmer gesucht.
 
 
Betreiben Sie all Ihre Studios mit Franchisenehmern?
Fast alle. Franchise hat Vorteile und Nachteile. Der Vorteil ist, man braucht nur wenig eigenes Kapital und der zweite Vorteil ist, Sie haben eine sehr engagierte Mannschaft an der Front, die haben ja ihr eigenes Geld drin. Der Nachteil ist, Sie haben keinen direkten Durchgriff, nur über den Vertag. Franchisenehmer sind ja Unternehmer, denen können Sie nichts anordnen, die müssen Sie überzeugen. Das macht’s aber wieder interessant. Sie haben eine Rückkopplung, über ihre eigenen Schwächen nachzudenken. Ich hab viel gelernt von meinen Franchisenehmern. Das ist sehr wichtig, und das haben Sie nicht, wenn Sie einfach befehlen können.
 
 
Wann kam Kieser Training nach Deutschland?
1990 haben wir in Frankfurt am Main das erste Studio eröffnet. Das war Zufall, ich wollte eigentlich in der Schweiz bleiben. Aber es waren natürlich immer Interessenten da für Deutschland und andere Länder. Einer, der bei mir trainiert hat, ein Offshore-Banker, der hatte Geld genug, fand das Konzept gut und wollte damit nach Deutschland gehen. Wir haben dann das Gebäude ausgesucht, in Frankfurt.
 
 
Wo genau?
In der Niddastraße 76, im Bahnhofsviertel. Meine Frau hat noch lang gesagt: Du hast mit sicherem Griff die übelste Quadratmeile in ganz Deutschland gefunden. Ich wusste das ja nicht. Das Gebäude war einfach sehr schön und ist es immer noch. Ja, und dann haben die dort angefangen. Aber es lief nicht recht, und nach einem Jahr hatten die schon zwei Millionen Verlust. Da sagt er: Du, ich mag nicht mehr, das artet in Arbeit aus, kaufst Du’s? Sonst mach ich’s zu. Es gab dort schon ungefähr 1200 Kunden, und ich hab die Devise: Man gibt nicht auf. Also hab ich’s zurückgekauft und damit die Rechte für ganz Deutschland. So kam ich nach Deutschland. Geplant hatte ich das nicht. Eigentlich wollte ich damals alles verkaufen, aufs Land ziehen und Pferde züchten. Manchmal kommt’s halt anders.
 
 
Sie haben trotzdem in Deutschland recht schnell expandiert, warum?
Expandieren ist riskant, das braucht immer ’ne Portion Selbstüberschätzung. Ich habe große Firmen abstürzen sehen wegen einer misslungenen Expansion. Aber ich wusste, wenn das in Deutschland etwas werden soll, müssen wir dort expandieren. Ich hatte nur zu wenig Geld, ich brauchte einen zweistelligen Millionenbetrag. Das ist aber immer wieder gescheitert, mit allen Investoren, weil ich auf der Stimmenmehrheit beharre. Die Kapitalmehrheit interessiert mich nicht, aber die Stimmenmehrheit darf ich nicht abgeben, sonst geht das Produkt vor die Hunde. Und daran ist es dann gescheitert, weil die alle, wenn sie schon so viel Kapital einschießen, auch die Stimmenmehrheit haben wollten.
 
 
Was man verstehen kann.
Absolut, ich würd’ es auch so machen. Aber dann kam eine Schweizer Pensionskasse, die hat investiert, hatte 80 Prozent des Kapitals und ich hatte 80 Prozent der Stimmen. So konnten wir arbeiten. Interessant ist, die sind in den Neunzigerjahren in 14 Firmen eingestiegen, meistens in der IT-Branche, und von den 14 sind heute 13 pleite. Wir haben überlebt. Und wir hätten auch nicht überlebt, wenn die das Sagen gehabt hätten. Banker sind keine Unternehmer, die haben keine Affinität zum Produkt, die sind „money minded“, das heißt, die sehen nur das Geld. Ich habe keine libidinöse Beziehung zum Geld.
 
 
Sie haben sich selbst als Materialist bezeichnet; Sie geben allen Dingen, allen Gedanken, allen Vorstellungen eine materielle Basis.
Ja.
 
 
Man könnte es aber doch auch anders herum sehen und sagen, dass ohne ein Konzept, ohne eine geistige, vielleicht philosophische Grundlage viele materielle Dinge gar nicht vorstellbar sind. Wenn die Idee, das Konzept von Kieser Training bei Ihren Franchisenehmern und Kunden nicht ankäme, wäre die Materialisierung von Kieser Training nicht erfolgreich möglich. 
Das kann man sagen, ja. Ich seh’ das bei meinen Managern. Die, mit denen ich direkt zusammenarbeite, da klappt’s. Die fangen an, in die Richtung abzuleiten: wenn so, dann so. Die denken das Konzept mit. Und die andern sagen, ja, ich find’s eigentlich anders besser, aber der Kieser, der will das einfach so. Aber so kann’s halt nicht funktionieren. Interessanterweise ist das nicht abhängig vom Bildungsniveau. Einer meiner Franchisenehmer war vorher Pferdeknecht.

Er hatte Jockey werden wollen, war aber zu groß dafür und ist bei den Pferden geblieben. Als er Franchisenehmer werden wollte, haben alle in der Systemzentrale gesagt, der ist nicht geeignet, der hat nicht die kaufmännische Fähigkeit. Aber am Schluss landen die Interessenten ja immer bei mir, fürs letzte Gespräch. Und dann kam er zu mir, war sehr nervös, und dann haben wir nur über Pferde gesprochen, über nichts anderes. Am Ende wusste ich, der kann mit Pferden umgehen, dann kann er auch mit Menschen umgehen. Heute ist er einer unserer erfolgreichsten Franchisenehmer. Der geht mit seinen Mitarbeitern nach Südafrika in die Ferien, der hat eine Beziehung zu denen. Er hat Freude an der Sache und kann das vermitteln.
 
 
Sind das Eigenschaften, die man lernen kann?
Ich hab meine Zweifel daran. Grundsätzlich denke ich, dass man alles lernen kann, aber manche Sachen sitzen sehr tief. Man kann’s vielleicht lernen, aber es ginge zu lang, bis man’s wirklich könnte. Es braucht einfach sehr viel Übung. Der Psychologe Alfred Adler hat einmal gesagt, die besten Psychologen hat er nicht in der Klinik getroffen, sondern das waren Kellner oder Taxichauffeure, die täglich mit dem Rohmaterial Mensch zu tun haben. Bei Kellnern oder Taxifahrern ist das Trinkgeld abhängig von der Beziehung, die sie mit den Menschen herstellen, da kann man viel lernen.
 
 
Sie trainieren bis heute selbst?
Ja natürlich, das müssen Sie, wenn Sie älter werden. Solang sie jung sind, haben Sie noch den Kredit der Natur. In der Jugend überwiegen die Aufbauprozesse, im Alter überwiegen die Abbauprozesse.
 
 
Wie oft trainieren Sie?
Zweimal pro Woche eine halbe Stunde. Die Quantität ist beim Training eher ein negativer Faktor, die Intensität ist das entscheidende Kriterium. Kurze, intensive Anstrengungen, das bringt positive Resultate, lang andauernde leichte nutzen nur ab. Das ist eine fundamentale Einsicht, die aber noch nicht durchgedrungen ist, sonst würden die Leute nicht vier Stunden lang joggen.
 
 
Deshalb nutzt auch körperliche Arbeit den Körper ab.
Eben. In dem Bauerndorf, wo ich aufwuchs, waren die Bauern, die ja körperlich arbeiteten, die waren mit 40 meistens hinüber. Die kamen ganz schlecht zuwege, mit starken muskulären Dysbalancen, weil sie sich über Jahre massiv einseitig bewegt hatten. Die starben dann auch früher.
 
 
Ist der Tod ein Schreckbild für Sie?
Nein. Es ist ja auch nicht schrecklich, dass ich nicht da war im 18. oder 19. Jahrhundert. Da müsst ich das ja auch schrecklich finden. Hinterher ist’s, wie’s vorher war: Nichts.
 
 
Da bin ich mir nicht so sicher.
Sicher sind wir nie. Es weiß ja keiner. Meine Eltern waren sehr religiös, aber ich hab mich davon sehr schnell gelöst. Das hat nicht funktioniert bei mir. Ich hab gebetet, und nichts geschah, das hat mich schon früh misstrauisch gemacht. Und wenn man sich erst mal für ein naturwissen­schaft­liches Weltbild entschieden hat, fällt es schwer, dem lieben Gott noch einen Platz einzuräu­men.
 
 
Wobei die Unterschiede, sieht man von den zeitlichen Quanten ab, zwischen Genesis und Evolutionstheorie nicht so gravierend sind.
Der Unterschied ist aber, dass ich bei der Genesis den Plan einer Macht, einer göttlichen Macht unterstelle. Das hat eine beruhigende, entlastende Komponente – es ist beruhigend, wenn jemand ein Auge auf einen hat. Daran nicht zu glauben, macht ja Angst. Das hat Erich Fromm sehr gut beschrieben in seinem Buch „Die Furcht vor der Freiheit.“ Der Schutzengel ist ein gutes Beispiel, der eingreift, wenn’s nötig ist. Wenn das nicht so ist, dann ist man wirklich allein.
 

Aber ganz gleichgültig, ob sie gläubig sind oder nicht, den meisten Menschen fällt das Loslassen schwer, das Loslassen vom Leben.
Ja. Vielleicht. Obwohl – ich finde, irgendwann hat man genug. Ich kann mir das vorstellen. Mein Vater – er war 83, glaub ich –, irgendwann saß er draußen auf der Bank und sagte zu mir: Alt sein ist nicht schön. Ne Woche später war er tot. Ich erschrak, weil ich nie so was von ihm erwartete. Er war ein sehr vitaler Mann, ist viel gereist. Aber irgendwann hat er plötzlich genug gehabt.

 
Lebenssatt?
Ja. Nicht mal mit Ekel, sondern einfach: Ich hab’s gesehn. – Ich könnt mir das vorstellen. Wissen Sie, ein Stück weit merk ich das schon bei mir. Es kommt immer wieder Neues, das überhaupt nicht neu ist. Immer wieder alter Wein in neuen Schläuchen. Was da alles auftaucht, verpackt in einen Anglizismus, lauter Sachen, die früher schon nicht funktioniert haben. Oder ich geh durch eine Großstadt und seh immer die gleichen Läden – Kieser auch, Kieser ist auch überall. Man spielt ja mit in diesem Zirkus. Aber man sagt sich: Die Welt ist nicht mehr so spannend, wie sie mal war. Es ist eher, dass man die Dinge irgendwie fertig haben will. Man will das Zimmer noch aufräumen.

 
Sind wir am Ziel?
Ja, hier in diesem Dorf bin ich aufgewachsen. Der Bauer hier oben hat aufgehört, jetzt kann ich seine Scheune als Lager für meine Maschinen benutzen. Sein Großvater ist mit mir in die Schule gegangen.

 
Sind das alles alte Maschinen?
Ja, die ältesten sind fast 50 Jahre alt. Schaun Sie hier, die ist von 1971, eine Nautilus. Das war der Urknall der Fitnessindustrie. Die hat Arthur Jones entwickelt, das war eine Riesensache damals. Sie haben noch nie dringesessen in so was?

 
Bis jetzt noch nicht.
Ich will Ihnen das so plausibel wie möglich erklären. Wir haben einen großen Muskel hier im Rücken, diesen großen V-förmigen Muskel Latissimus dorsi. Er zieht sich zusammen und bewegt den Oberarm von der vollen Dehnung nach hinten. Bisher hatten wir Klimmzüge gemacht, um den zu trainieren; dann haben Sie aber nur in einem bestimmten Sektor – aufgrund des Drehmoments – einen überschwelligen Reiz. Das heißt, nur da ist die Spannung hoch genug. Der Widerstand der Erdanziehung ist immer gradlinig, aber unsere Gelenke arbeiten im Kreis und der Muskel ist in den unterschiedlichen Gelenkwinkeln unterschiedlich stark. Wenn Sie den also adäquat belasten wollen, muss sich die Belastung während der Bewegung anpassen. Das macht diese Maschine hier mit einer Kurvenscheibe, die das Drehmoment während der Kreisbewegung verändert. Damals war das eine bahnbrechende Idee. Dank dieser Umlenkscheibe war es zum ersten Mal möglich, den Muskel nicht nur in 30 Grad, sondern über den gesamten Weg von 220 Grad zu trainieren – von der vollen Dehnung bis in die volle Kontraktion. Dieses Prinzip des angepassten Widerstands hat der Jones dann übertragen aufs Knie, den Ellbogen, auf all unsere Gelenke und hat diese Maschinen gebaut.
 

Diese Maschinen haben Sie in Ihren Studios eingesetzt.
Ja. Als ich die zum ersten Mal gesehen habe,1976, da wusste ich, die will ich haben, koste es, was es wolle. Gegen die Empfehlungen aller Unternehmensberater, die ich kannte, habe ich das gemacht. Die dachten alle, die Investition sei zu hoch, das war damals immerhin eine halbe Million Dollar – die ich natürlich nicht hatte. Die Bank gab mir kein Geld, ich hab’s mir dann zusammengeborgt, bei Verwandten und Bekannten. Viele haben’s gleich abgeschrieben, dachten, sie kriegen es eh nie wieder. Aber das war für mich wirklich der Durchbruch, die Leute kamen und ich musste sie entweder heimschicken oder expandieren. Ich hab mich dann nach langem Überlegen für die Expansion entschieden, und das nahm dann seinen Lauf.
 

Heute bauen und entwickeln Sie Ihre Maschinen wieder selbst.
Ja, als Jones seine Firma 1996 verkaufen wollte, hab ich vorher die Rechte für diese Technologie gekauft. Und die produzieren wir jetzt selbst, in Deutschland und Ungarn. Wir kaufen nicht bei der Fitnessindustrie, denn die produziert nicht, was wir brauchen. Die interessiert nur Beine-Bauch-Po, das ist nicht unser Thema.
 

Was ist Ihr Thema?
Ich geb’ ihnen ein Beispiel: Wir haben jetzt ganz neue Maschinen konstruiert, fürs Beckenboden-Training. Das ist an sich nichts neues, das machen viele, aber man weiß gar nicht so genau, was die machen und welche Erfolge sie erzielen. Es ist nicht messbar – naturwissenschaftlich. Und wir haben eben jetzt die erste Maschine, die das kann. Für die Muskeln des Sprunggelenks gab’s das auch nicht. Das ist die Richtung, in die bei uns die Entwicklung neuer Maschinen geht. Aber wissen Sie, was das Interessante ist? Viele, denen ich erkläre, was ich Ihnen eben erklärt habe – das technische Grundprinzip dieser Maschinen –, die verstehen das nicht. Durch die Elektronisierung muss man vieles überhaupt nicht mehr denken. Die digitale Demenz, die um sich greift.

 
Wer heute fahren lernt in einem Wagen mit Servolenkung, elektronischer Spurstabilisation, Abstandswarner und all dem, und dann einen alten Käfer bewegen muss, der baut in der ersten Kurve einen Unfall. 
Ganz sicher. Ich hab eine uralte BMW R 25 von 1952, ein moderner Motorradfahrer kann damit nicht mehr fahren. Nun kann man sich natürlich fragen, wozu braucht’s das noch, wenn’s moderne Autos gibt, wo’s immer piepst. Google kommt jetzt noch mit dem Autopiloten. Aber die Abhängigkeit wächst natürlich mit der Unkenntnis der Zusammenhänge. Und das stört mich. Wenn ich genau weiß, es liegt am Vergaser, aber ich komme an den Vergaser nicht mehr ran und brauche einen Computer, um den einzustellen, dann empfinde ich das als eine Entmündigung.
 

Herr Kieser, Ihr Unternehmen ist sehr stark auf Ihre Person ausgerichtet. Sie sind Jahrgang 1940, da ist die Frage erlaubt, ob Sie sich bereits Gedanken über Ihre Nachfolge gemacht haben.
Natürlich. Meine Frau ist 19 Jahre jünger, voraussichtlich sterbe ich vor ihr. Wahrscheinlich wird’s einen Management-Buyout geben. Wir haben ein gutes Management, und die Leute sind sehr engagiert.
 
 
Eine Teamlösung ist wahrscheinlich für jedes Unternehmen, das von einer starken Einzelperson geleitet wurde, die einzig gangbare Nachfolgelösung. Das Spannungsverhältnis von Nachfolge und eigenen Wegen wäre für eine Einzelperson zu stark, oder?
Ja, sicher, man kann mich ja nicht kopieren, sagt meine Frau immer. Wir haben den Geschäftsführer, der sehr gut ist, jetzt mit zehn Prozent am Aktienkapital beteiligt. Das bedeutet ihm viel, und die andern möchten natürlich auch mitziehen. Den Schritt haben wir jetzt gemacht, und ich bin sehr entlastet und kann mich um andere Sachen kümmern, für die ich vorher nie Zeit hatte. Das geht eigentlich sehr gut.
 
 
Und der Gedanke, ganz aufzuhören und doch noch Pferde zu züchten, wandelt der Sie gelegentlich noch an?
Ich hab mir überlegt, ob ich noch ein zweites Studium mache. Das macht schon süchtig, immer etwas Neues zu erfahren. Aber ich möchte nicht nur einfach konsumieren, ich möchte auch produzieren. Im Moment schreibe ich an einem Buch. Aber ja, es gibt schon das Problem, das Sie erwähnt haben: Loslassen. Das ist auch hier ein Thema. Loslassen und nicht dauernd zu intervenieren. Ich hab einen ganz andern Führungsstil, als die Manager das heute an den Schulen lernen.

Aber es geht ja auch, also warum muss ich meinen Geschmack da einbringen? Das hab ich gelernt: etwas zurückzutreten und zu schauen. Ich sag schon meine Meinung, aber ich will nicht, dass sie das machen, bloß weil ich es gesagt habe. Wenn das Produkt gut ist, und die Richtung insgesamt stimmt, da kann man vieles so oder so entscheiden.
 
 
Was hat es mit dieser Holzplastik auf sich?
Die hab ich selbst gemacht, sie heißt „Vorurteil“. Wenn Sie das anschaun, an allen vier Seiten ein Schwalbenschwanz, dann sagen Sie automatisch, das geht doch gar nicht. Aber natürlich geht’s – schaun Sie, man kann’s diagonal verschieben. Wissen Sie, die meisten Menschen denken im Rechten Winkel. Aber man muss auch quer denken können.
 
 
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