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Zika-Virus: Frankfurter Experte: "Nur Mückenweibchen sind gefährlich"

Der Parasitologe Prof. Dr. Sven Klimpel und seine Kollegen wachen über die Ausbreitung der asiatischen Tigermücke und der asiatischen Buschmücke in unseren Breiten. Redakteurin Stefanie Liedtke hat sich mit ihm unterhalten.
Kann das Zika-Virus übertragen: Die «Asiatische Tigermücke». Kann das Zika-Virus übertragen: Die «Asiatische Tigermücke».
Frankfurt. 

Das Zika-Virus, das sich aktuell in Süd- und Mittelamerika rasant verbreitet, macht deutlich: Mücken sind gefährlich. Für Sie dürfte das keine neue Erkenntnis sein. . .

PROF. DR. SVEN KLIMPEL: Wir weisen schon seit langem darauf hin, dass wir es in den nächsten 10 bis 50 Jahren in Europa zunehmend mit Krankheitserregern zu tun haben werden, die von blutsaugenden Insekten (Vektoren) übertragen werden, und dabei spielen Mücken eine wesentliche Rolle.

Was ist so gefährlich an den kleinen Biestern?

PROF. KLIMPEL: Mücken sind exzellente Vektoren, das heißt, sie können Krankheiten übertragen, ohne selbst krank zu werden. Das gilt vor allem für Viruserkrankungen, aber auch für Krankheiten, die von Einzellern übertragen werden wie beispielsweise Malaria.

Wie funktioniert das?

Professor Sven Klimpel im Gespräch mit der FNP-Gesundheitsexpertin Stefanie Liedtke. Bild-Zoom Foto: Salome Roessler
Professor Sven Klimpel im Gespräch mit der FNP-Gesundheitsexpertin Stefanie Liedtke.

PROF. KLIMPEL: Die Mücken nehmen bei ihrer Blutmahlzeit die Krankheitserreger auf. In der Mücke vermehren sich zum Beispiel die Viren und werden beim nächsten Stich weitergegeben. Hinzu kommt, dass Stechmücken weit verbreitet sind. Weltweit gibt es circa 3500 verschiedene Arten, in Europa immerhin mehr als hundert. Sie kommen in sehr großer Anzahl vor, sind perfekt an unsere Lebensverhältnisse angepasst. Sie stechen nicht nur nachts, sondern auch tagsüber. Und deswegen sind sie auch so gut geeignet für die Übertragung von Krankheitserregern.

Wie lange lebt denn so eine Mücke, dass sie Krankheitserreger weitergeben kann?

PROF. KLIMPEL: Das kommt darauf an: Einige Arten werden nur ein paar Tage alt, andere mehrere Wochen, wieder andere können auch ein Jahr alt werden und sogar bei uns überwintern.

Was hat die Gelbfiebermücke, die für die Ausbreitung des Zika-Virus in Brasilien verantwortlich ist, mit der asiatischen Buschmücke und der Tigermücke gemein, die mittlerweile auch bei uns auftreten?

PROF. KLIMPEL: Die Gelbfiebermücke, die asiatische Buschmücke und die asiatische Tigermücke sind nicht nur potenzielle Krankheitsüberträger, sondern alle drei sind auch exzellente Invasoren. Das heißt, sie sind aufgrund des internationalen Warentransports, des weltweiten Tourismus und anderer Globalisierungsfaktoren dort heimisch geworden, wo sie eigentlich nicht auftreten. Die Gelbfiebermücke beispielsweise kommt ausgezeichnet in den brasilianischen Großstädten zurecht. Sie tritt dort massenhaft auf. Dabei helfen natürlich auch die warmen Temperaturen und die hohe Luftfeuchtigkeit. In den Favelas (Armenvierteln) wird man ständig gestochen.

Die brasilianische Regierung setzt im Kampf gegen die Mücken 220 000 Soldaten und tonnenweise Pestizide ein. Bringt das überhaupt etwas?

PROF. KLIMPEL: In der momentanen Situation ist es sicherlich ratsam und nachvollziehbar, damit nicht noch mehr kranke Kinder zur Welt kommen. Ein Zusammenhang zwischen dem Virus und dem Auftreten von Mikrozephalie bei Neugeborenen ist zwar noch nicht hundertprozentig nachgewiesen, gilt aber als sehr wahrscheinlich. Grundsätzlich ist es immer besser, sich frühzeitig Gedanken darüber zu machen, wie man die Ausbreitung der Mücken verhindern kann.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat wegen des Zika-Virus’ den globalen Gesundheitsnotstand ausgerufen. Wie beurteilen Sie das?

PROF. KLIMPEL: Das Zika-Viurs ist tatsächlich kein lokales, sondern ein globales Problem. Angesichts der Olympischen Spiele, die im Sommer in Brasilien stattfinden werden, und dem damit verbundenen Flugverkehr ist es ratsam, das Virus ernstzunehmen. Aus meiner Sicht wird die Bedrohung, die von dem Virus ausgeht, aktuell dennoch etwas überbewertet. Das Ebola-Virus war viel gefährlicher. Aber die Weltgesundheitsorganisation will nicht noch einmal den gleichen Fehler machen. Bei der Ebola-Epidemie wurde ihr ja vorgeworfen, zu wenig gemacht zu haben.

Ist es denkbar, dass man sich hierzulande mit dem Zika-Virus infiziert?

PROF. KLIMPEL: Theoretisch ja. Das Virus ist vorhanden – es gab aktuell bereits Fälle in Europa und auch in Deutschland – und der potenzielle Überträger, die Tigermücke, ist auch da. Aber die Gefahr ist relativ gering. Wenn überhaupt, wird es nur lokal begrenzte Ausbrüche geben. Unser Gesundheitssystem ist so gut, dass man Erreger binnen weniger Stunden identifizieren und die Betroffenen isolieren kann. Im Augenblick sind die Temperaturen hier auch noch zu niedrig.

Die Mücken sind doch winterfest. . .

PROF. KLIMPEL: Das ist richtig. Aber die Viren können sich in einer kalten Mücke nicht sehr gut vermehren. Im Sommer sieht das anders aus. . .

Aktuell tummelt sich die Tigermücke verstärkt in Südeuropa, während Ihren Erkenntnissen zufolge vor allem die asiatische Buschmücke bereits im Rhein-Main-Gebiet etabliert ist. Kann die Buschmücke Zika auch übertragen?

PROF. KLIMPEL: Das wird aktuell untersucht. Theoretisch ist sie ein geeigneter Wirt für das Virus.

Immerhin scheint die Politik das Thema ernstzunehmen: Aktuell fließen Millionen Fördergelder des Bundes und der Europäischen Union in wissenschaftliche Projekte, die einer Mücken-Invasion vorbeugen sollen.

PROF. KLIMPEL: Dafür haben wir auch lange gekämpft. Wir arbeiten hier in einem nationalen und einem europäischen Konsortium eng mit unseren Kollegen in Frankreich, Österreich und der Schweiz zusammen und errechnen anhand aktueller Klimaprognosen Ausbreitungsszenarien für Tiger-, Gelbfieber- und Buschmücke. Diese zeigen, dass die Mücken sich immer weiter nach Norden ausbreiten.

Woher wissen Sie, wo die Mücken vorkommen?

PROF. KLIMPEL: Wir haben an ausgewählten Orten über das gesamte Bundesgebiet Mückenfallen aufgestellt. Gehen uns Mücken in die Falle, stellen wir die Art fest und testen sie auf Krankheitserreger.

Und? Sind infizierte Mücken dabei?

PROF. KLIMPEL: Natürlich finden wir diverse Krankheitserreger. Oftmals sind diese noch nicht gefährlich für den Menschen, sondern eher für Tiere. Aber wir wissen ja, wie schnell Viren vom Tier auf den Menschen überspringen können.

Um welche Erreger handelt es sich dabei?

PROF. KLIMPEL: Unter anderem um das Usutu-Virus und das in den USA bereits weit verbreitete West-Nil-Virus. Wenn sich ein Mensch damit infiziert, verlaufen diese Erkrankungen zumeist mild, wobei es auch schwere Verläufe gibt. Eine Infektion mit dem West-Nil-Virus etwa kann tödlich enden.

Weshalb sind die modellierten Ausbreitungsszenarien so wichtig?

PROF. KLIMPEL: Mit dieser Methode werden unterschiedliche Faktoren wie die monatliche Durchschnittstemperatur oder die niederschlagsärmsten Monate mit mathematischen Variablen und den tatsächlichen Funddaten kombiniert. Sie ermöglicht uns anhand von unvollständigen Beobachtungen und Probennahmen die Verbreitung einer Art vorherzusagen und somitwissen wir relativ frühzeitig, wo wir gegensteuern müssen.

Wie erkenne ich als Laie, ob mich eine heimische Stechmücke erwischt hat oder eine eingewanderte?

PROF. KLIMPEL: Unterscheiden kann man die Mücken mit dem bloßen Auge schwer. Die eingewanderten Arten sind im Vergleich zu den meisten einheimischen kleiner. Wenn sie sehr dunkel sind und man unter der Lupe weiße Streifen auf den Beinen erkennt, könnte es eine Tigermücke sein. Jeder, der will, kann uns die Mücke zuschicken. Danach gibt es immer eine Rückmeldung von uns. Eine Mitarbeiterin unseres Instituts entwickelt zudem gerade eine App für Smartphones, die es dem Nutzer ermöglichen soll, die Mückenart selbst zu bestimmen.

Kann ich es auch an der Einstich-Stelle erkennen?

PROF. KLIMPEL: Manche sagen, dass die Quaddeln größer sind und die Entzündungsreaktion heftiger ist, aber das kann individuell sehr unterschiedlich sein. Wer sich nach einem Mückenstich unwohl fühlt, sollte sicherheitshalber zum Arzt gehen.

Warum stechen Mücken überhaupt?

PROF. KLIMPEL: Die Weibchen benötigen das im Blut enthaltene Eiweiß für die Produktion ihrer Eier, die sie in der Regel im oder am Wasser ablegen. Daraus schlüpfen dann die Larven, die sich verpuppen. Aus den Puppen wiederum schlüpfen die Mücken.

Die Männchen stechen also gar nicht?

PROF. KLIMPEL: Nein, sie haben einen zu kurzen Rüssel und nehmen Blüten- und Pflanzensäfte zu sich.

Mögen Mücken süßes Blut wirklich lieber?

PROF. KLIMPEL: Das ist nur eine Redensart.

Warum werden manche Menschen dann häufiger gestochen als andere?

PROF. KLIMPEL: Das hat mit den Körperausdünstungen, unter anderem der Schweißzusammensetzung, zu tun. Die Aussage „Ich kann dich gut riechen“ kommt nicht von ungefähr. Mücken haben auch ihre Vorlieben.

Wie schützt man sich am besten vor Stichen?

PROF. KLIMPEL: Mücken totschlagen! Ansonsten sind lange Kleidung und festes Schuhwerk der beste Schutz. Zusätzlich kann man ein Mückenschutzmittel verwenden und, etwa im eigenen Garten, darauf achten, dass man keine Wasserbehälter herumstehen lässt und dass sich in der Regentonne nicht so viele Mücken tummeln.

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