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Mehr als Abspecken: Pflegeheim nimmt Dicke ins Visier

Immer dicker, immer schwerer: Die wachsende Zahl Übergewichtiger wird zu einem Problem in Deutschland. Das Gesundheitswesen rüstet sich für Patienten einer neuen Gewichtsklasse. In Hannover gibt es seit kurzem ein Pflegeheim speziell für Schwergewichtige. In Hannover gibt es ein Pflegeheim speziell für Schwergewichtige. Kurt Drewko ist einer der Heimbewohner. Foto: Peter Steffen Bilder > In Hannover gibt es ein Pflegeheim speziell für Schwergewichtige. Kurt Drewko ist einer der Heimbewohner. Foto: Peter Steffen

Hannover. 

Alles ist XXL: Im Pflegeheim für Übergewichtige in Hannover sind Stühle und Betten extra breit und tragen bis zu 450 Kilogramm. Ein Bettlifter bringt zudem bis zu 320 Kilo in die Höhe. Selbst die Statik des Gebäudes ist auf schwere Nutzer ausgelegt. Abspecken ist zwar nicht erstes Ziel der Alten- und Pflegeeinrichtung Rotermundstraße, die in Niedersachsen nach Angaben der Techniker Krankenkasse einzigartig ist. Etliche verlieren dennoch Dutzende von Kilos während des oft monatelangen Aufenthalts. Neben der Gesundheitsversorgung sollen die Bewohner Mobilität wiedererlangen und ihre soziale Isolation durchbrechen.

Das Interesse an dem im Oktober 2012 eröffneten Heim ist enorm: Die Zahl der erheblich Übergewichtigen steigt, und das Gesundheitswesen steht vor wachsenden Herausforderungen. Bundesweit gibt es nach Einschätzung von Experten bislang nur wenige Einrichtungen dieser Art.

«Wir wollen den Bewohnern zeigen, was gesunde Ernährung ist», sagt Pflegedienstleiterin Rena Schmietendorf. «Es kann aber jeder essen, was er mag.» Im Essensraum sind Kekse nicht tabu. Die Hoffnung, dass der Raum sich zum Treffpunkt der Bewohner entwickelt, erfüllte sich in den ersten Monaten nach der Eröffnung aber nicht. «Am Anfang hat jeder auf seinen Teller geguckt», erzählt Pflegerin Anja von Westerhagen. «Wenn die hierherkamen, igelten sie sich auf ihren Zimmern ein.» Erst nach geraumer Zeit trafen sie sich zum Mittagessen an einem Tisch. Scham und psychische Probleme lasten auf vielen ähnlich schwer, wie gesundheitliche Probleme.

Ergotherapie und Beschäftigungsangebote gibt es deshalb auch in dem Heim, in dem die Pflege nicht nur Hilfsmittel in XL-Anfertigung, sondern oft auch ein Paar Hände zusätzlich und mehr Zeit als üblich benötigt. «Bei einem 250-Kilogramm-Menschen ist die Grundpflege nicht in ein paar Minuten erledigt», sagt Schmietendorf.

«Ich mache alles zum größten Teil alleine», sagt die Bewohnerin Heidemarie Müller-Hein mit Blick auf das tägliche Waschen und Anziehen. Für die Wolfsburgerin ist das ein Etappensieg. Als sie im November in dem Heim eintraf, war sie bettlägerig und 174 Kilo schwer. Inzwischen wiegt sie 100 Kilo und bewegt sich mit einem Rollator. Ihr Übergewicht lief nach einer Erkrankung aus dem Ruder. «Das halbe Jahr im Bett hat dazu beigetragen.» Vor wenigen Tagen ist sie wieder nach Hause zurückgekehrt.

Kurt Drewko (41) sitzt im Rollstuhl und hat bereits auf 154 Kilogramm abgespeckt. «Am Anfang war ich eine rollende Kugel», scherzt er. «Ich habe jahrelang unkontrolliert gegessen.» Er will weiter abnehmen und in seine Wohngruppe zurückkehren.

Angesichts der zunehmenden Zahl gravierend übergewichtiger Menschen in Deutschland steht nicht nur das Gesundheitswesen vor einer Herausforderung, sagt die adipositaschirurgische Expertin Anna Maria Wolf von der Universitätsklinik Ulm. «Wir brauchen in allen öffentlichen Bereichen, auch im Krankenhaus, Toiletten, Betten und Stühle, die den Belastungen durch Schwergewichtige gewachsen sind. Wir werden umrüsten müssen.» Im medizinischen Bereich etwa habe die Röhre der Computertomographie üblicherweise eine Belastungsfähigkeit von 160 Kilogramm. «Es gibt aber auch Leute mit 250 Kilogramm, die untersucht werden müssen.» Einige psychosomatische Kliniken hätten sich bereits auf schwer übergewichtige Patienten spezialisiert.

Fettleibigkeit sei ein großes gesellschaftliche Problem, so Wolf. «In der breiten Masse gibt es keine Krankheit, die in ihrer Zunahme eine solche Dynamik zeigt.» Auslöser sei zumeist ein Lebensstil mit ungesunden Ernährungsgewohnheiten und wenig Bewegung. «Die Leute essen auf der Straße zwischen zwei Orten und nicht mehr am Tisch.» Menschen mit problematisch großem Übergewicht hätten oft keine Mahlzeitenstruktur mehr. Eltern nähmen keine gemeinsamen Mahlzeiten mehr mit ihren Kindern ein. Ein Problem sei, dass Übergewicht bereits in jungen Jahren entstehe. «Und aus dicken Kindern werden richtig dicke Erwachsene.»

Zwei Drittel der Männer (67 Prozent) und die Hälfte der Frauen (53 Prozent) in Deutschland sind nach dem jüngsten Gesundheitsmonitoring des Robert-Koch-Instituts übergewichtig. Sie wiegen - teils nur ein wenig - mehr als das Normalgewicht und haben einen erhöhten Körperfettanteil. Ein Viertel der Erwachsenen (23 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen) ist indes stark übergewichtig, in diesem Fall spricht man von Adipositas (Fettsucht). Sie wird in drei Schweregrade unterteilt, die sich über den Body-Mass-Index (BMI) definieren.

(Von Michael Evers, dpa)
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