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Die dunklen Seiten der Tierliebe

Die einen erklären jeden kleinen Igel zum Pflegefall, die anderen erwarten von ihrem Stubentiger stete Schmusebereitschaft oder verwandeln ihrem Hund in ein strassbesetztes Accessoire. Tierliebe hat auch dunkle Seiten.
Wenn Tiere nicht mehr wie Tiere behandelt werden, wird es kritisch. Foto: Jacek Bednarczyk/PAP/dpa Wenn Tiere nicht mehr wie Tiere behandelt werden, wird es kritisch. Foto: Jacek Bednarczyk/PAP/dpa
Hannover. 

Ob schnurrendes Fellknäuel, drahtiger Hund oder schnäbelnde Flattermänner: für Millionen von Familien ist ein Leben ohne Haustier undenkbar. Dabei kommen aber oft die natürlichen Bedürfnisse der tierischen Mitbewohner unter die Räder.

Die Grenzen zwischen gesunder und vermeintlicher Tierliebe sind fließend. „Heutzutage sind Hund, Katze oder Pferd vollwertige Sozialpartner”, sagt die Diplom-Psychologin Andrea Beetz. Eine Faustregel für ein vertretbares Miteinander gebe es nicht, aber Anhaltspunkte: „Wenn der Mensch noch sieht, dass das ein Tier ist. Grundlage ist immer eine gute Beziehung, wo beide aufeinander achten.” Die gute Verbindung hat auch Auswirkungen auf die Gesundheit. So konnten Wissenschaftler die wohltuende Wirkung des Streichelns bei Mensch-Hund-Gespannen nachweisen. „Bei beiden wird ein Bindungshormon ausgeschüttet”, sagt Beetz, die sich seit 20 Jahren intensiv mit Mensch-Tier-Beziehungen auseinandersetzt. „Der Blutdruck sinkt, Stresshormone werden schneller abgebaut, Vertrauen und Bindung gestärkt und die Schmerzwahrnehmung erhöht.”

Das enge Miteinander von Zwei- und Vierbeinern hat seinen Ursprung in der bürgerlichen Kleinfamilie des 19. Jahrhunderts, sagt die Historikerin Mieke Roscher. „Da hat man angefangen, Hund und Katze mit in die Wohnung zu nehmen, da gehören Tiere schon signifikant dazu.” In dieser Zeit seien auch die ersten Zuchtverbände und Tierschutzvereine gegründet worden. Seitdem habe sich nicht viel verändert. „Das Tier ist in die Familie eingegliedert. Es ist legitim, ihm Liebe anzubieten”, meint die Kasseler Professorin für interdisziplinäre „Human-Animal Studies”. Dass die tierischen Mitbewohner verwöhnt werden und menschlichen Komfort genießen, sieht die Tiertrainerin Judith Böhnke gelassen. „Gerade die domestizierten Tiere sind schon vermenschlicht, weil sie domestiziert sind.”

„Problematisch wird es, wenn das Wohlbefinden des Tieres beeinträchtigt ist. Immer wenn das Tier funktionalisiert wird, einen bestimmten Zweck erfüllen soll, dann muss man genauer hingucken”, sagt Böhnke. „Es ist auch problematisch, wenn ich dem Tier unterstelle, es würde alles verstehen oder Verhalten zeigen, um den Menschen zu ärgern.” In solchen Fällen werde ein Abwenden oder Kratzen „persönlich genommen”. „Menschen können so intensive Bindungen zu Tieren aufbauen, von der emotionalen Wertigkeit her, wie zu Kindern”, sagt Beetz. Das sei aber kein Grund, sie zu belächeln. „Die emotionale Wertigkeit sollte man den Leuten lassen.”

Immer wieder machen auch „Animal Hoarder” (Tier-Sammler) Schlagzeilen. „Es hängt nicht von der Tieranzahl, sondern vom Versorgungsstatus ab”, stellt Andrea Beetz klar. „Die Halter haben oft ganz normal mit den Tieren gelebt.” Doch Lebenskrisen, Suchtverhalten oder beginnende Demenz könnten die Menschen aus der Bahn werfen. Viele hätten auch ein Problem mit der Kastration ihrer Lieblinge. „Es wächst ihnen über den Kopf.” Es komme zur De-Realisation, der Halter spalte die schlechte Versorgung seiner Tiere ab.

„Event-Verschenker” sind nicht nur Beetz ein Dorn im Auge. „Manchmal werden Tiere angeschafft von Menschen, die kurzsichtig sind, mit schlechter Impulskontrolle.” Oft per Mausklick im Internet, auf Tierbörsen oder im Baumarkt. Für viele habe das Tier den Wert einer Sache. „Ich krieg das Tier so leicht, dann ist das nicht so viel wert.” Den Käufern sei nicht bewusst, dass sie sich mit der Anschaffung auf Jahre zur Fürsorglichkeit verpflichtet hätten. „Heutzutage ist alles so einfach geworden. Sie können sich alles besorgen”, bestätigt Bärbel Rogoschik. Als Leiterin des Artenschutzzentrums Leiferde (Kreis Gifhorn) wird sie unter anderem mit ausgesetzten oder verwahrlosten Reptilien konfrontiert, die „ohne Weitsicht” angeschafft worden sind. Eine Baby-Kornnatter beispielsweise gebe es schon für einen Euro. „Die Leute kaufen das, weil es cool ist. Reptilien schreien ja leider nicht.”

Rogoschik beobachtet einerseits eine wachsende Gleichgültigkeit gegenüber Tieren, andererseits eine verklärte Sicht. „Die Leute schätzen die Natur sehr, aber schätzen sie falsch ein.” Das Thema Tod, fressen und gefressen werden werde ausgeblendet. „Das wollen die Leute gar nicht hören.” Manche glaubten gar, in Gefangenschaft seien Wildtiere am besten aufgehoben. „Da ist alles schön, das Paradies.” Rogoschik bekam schon Angebote von vermeintlichen Tierfreunden, die mit Eulen, Greifvögeln oder Igeln der Auffangstation Streichelcafés nach japanischem Vorbild einrichten wollten.

(Von Berit Böhme, dpa)
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