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Immer mehr verpackungsfreie Supermärkte

Gemüse und Früchte in Holzkisten, Müsli und Reis in Glasbehältern, Klopapier und Kondome nur mit Papier umhüllt: Verpackungsfreie Supermärkte liegen im Trend.
Stoff statt Plastik: Nudeln werden im verpackungsfreien Laden „Ohne” in München in eine Stofftüte abgefüllt. Foto: Amelie Geiger/dpa Stoff statt Plastik: Nudeln werden im verpackungsfreien Laden „Ohne” in München in eine Stofftüte abgefüllt.
München. 

Mülldeponien werden immer voller. Abfallberge rotten dort vor sich hin und tragen unzählige Giftstoffe in sich. Hannah Sartin und ihr Ehemann Carlo Krauß haben sich vor ein paar Jahren entschieden, dass sie „für dieses Unheil nicht mehr mitverantwortlich sein wollen”.

Das Paar hat „Ohne” gegründet, einen der umweltfreundlichsten Supermärkte Deutschlands. Der Name ist Programm: Hier gibt es keine einzige Verpackung aus Plastik. Ein Trend: Auch in vielen anderen Städten wie Nürnberg, Berlin und Hamburg gibt es inzwischen Unverpackt-Märkte.

Die Idee kommt Sartin 2014, als sie Mutter wird: „Wenn man eigene Kinder hat, ist das keine anonyme Generation mehr, man wünscht ihnen das Beste und das bedeutet: etwas von der Natur übrig lassen.” Grundlage für den verpackungsfreien Supermarkt ist die Lebensphilosophie „Zero Waste”. Ein Lebensstil, der maßgeblich von Bloggerin Bea Johnson geprägt wurde. Sie gibt „Do-it-yourself-Tipps”, wie man seinen Alltag müllfrei bestreitet. Ihr Vorgehen: Vermeiden, Reduzieren, Wiederverwerten, Recyceln und Kompostieren.

Über das Finanzierungsmodell Crowdfunding kommen die beiden Gründer an das nötige Startkapital und statten den Laden in München aus: Gemüse und Früchte kommen in Holzkisten, Müsli, Reis oder Hafer in Glas- und Edelstahlbehälter. Man findet hier einzelne Klopapierrollen (natürlich ohne Plastikhülle), Zahnpasta zum Kauen, offen daliegende Seifenstücke, Butter im Glas und sogar vegane Kondome aus Naturlatex. Da es in Deutschland vergleichsweise strenge Hygienerichtlinien gibt, sind Artikel wie Klopapier und Kondome mit Papier umhüllt, welches sich zu 100 Prozent recyceln lässt. Der Hersteller liefert die Ware in großen Kartonbehältern an, die er nach Einlagerung leer wieder mitnehmen kann.

Damit von der Warenanlieferung bis zum Endverbraucher tatsächlich kein Müll entsteht, hat Krauß ein System entwickelt: Zylinderförmige Behältnisse aus Glas und Holz können hinten einfach nachgefüllt und vorne im Laden wieder in spezielle Vorrichtungen eingehängt werden. Aus einer Klappe am Zylinderboden kann das Lebensmittel in die mitgebrachten Behälter der Kunden abgefüllt werden.

Der Vorteil: „Man ist nicht wie im konventionellen Supermarkt gezwungen, 500 Gramm Nudeln zu kaufen, sondern kann auch 331,3 Gramm mitnehmen, wenn man das möchte.” Ein willkommener Nebeneffekt, da in Deutschland laut einer Studie der Umweltorganisation WWF jedes Jahr 18 Millionen Tonnen Lebensmittel in den Müll geworfen werden.

Im herkömmlichen Supermarkt bestehen die meisten Verpackungen aus Plastik. Helmut Schmidt vom Abfallwirtschaftsbetrieb München hält das für ein großes Problem, da „die Kunststoffe in den Weltmeeren bis zu 400 Jahre brauchen, bis sie abgebaut sind und somit dem Planeten erheblich schaden”. Besonders gefährlich sei Plastik für Meeressäuger und Vögel, die es mit Nahrung verwechseln und fressen.

Die meisten Kunden im Supermarkt „Ohne” kennen genau diese Bilder und wollen etwas dagegen tun, deshalb kaufen sie verpackungsfrei. So auch Stammkundin Aline Pronnet , sie lebt den „Zero Waste”-Lifestyle und schreibt öffentlich in ihrem Internetblog, wie sie es schafft, in ihrem Alltag Müll zu vermeiden. In einem Jahr produziere sie weniger als ein Kilo Verpackungsmüll. Sie sagt: „Man muss einfach nur gut vorbereitet sein: Die Handtasche ist Secondhand und aus Kork, die Einkaufsbehälter aus Glas und die Brille aus Holz.”

Wenn kein rasantes Umdenken in der Gesellschaft stattfindet, befürchtet Abfallexperte Schmidt das Schlimmste: „Ressourcen werden irgendwann erschöpft sein und Naturkatastrophen kommen auf uns zu.”

(Von Lukas Zwiessele, dpa)
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