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Erst Patenschaft, dann Freundschaft

Aus Fremden werden Freunde: Ausländische Gaststudenten der Europa-Universität Viadrina und Einheimische verstehen sich gut in Frankfurt (Oder). Gegründet wurde das Programm vor mehr als 15 Jahren - nach fremdenfeindlichen Übergriffen.
Paten helfen den Studenten bei der ersten Orientierung in der für sie fremden Umgebung. Foto: Patrick Pleul Bilder > Paten helfen den Studenten bei der ersten Orientierung in der für sie fremden Umgebung. Foto: Patrick Pleul

Frankfurt(Oder) (dpa) - Angelika Löschke freut sich schon auf ihren 68. Geburtstag im Dezember. Die Frankfurterin feiert nicht nur mit ihren Kindern und Enkeln, sondern auch mit jungen Menschen aus Bolivien, Russland und Bulgarien.

Sie waren in den vergangenen Jahren Patenkinder auf Zeit bei den Löschkes - sie waren Gaststudenten der Frankfurter Europa-Universität Viadrina. Seit sieben Jahren nimmt die Familie am Patenschaftsprogramm „Fremde werden Freunde” teil, das es seit 2000 an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Viadrina gibt. Ideengeber des Betreuungsprogramms war Professor Stephan Kudert. Hintergrund waren fremdenfeindliche Übergriffe auf ausländische Studenten in Frankfurt. Die Uni sah ihren Ruf gefährdet. Die Resonanz auf den Aufruf des Professors war hoch.

„Wir hatten gar nicht so viele ausländische Kommilitonen wie potentielle Paten”, erinnert sich Kuderts Sekretärin Simone Brandt, die das Patenschaftsprogramm organisiert. Es wird von der Bundesbeauftragten für Integration in einer Imagebroschüre als Vorzeige-Projekt angeführt.

Auch heute mangelt es dem Programm weder an Studenten noch an Paten, die ihren Schützlingen bei Anlaufschwierigkeiten mit Behörden oder der Kultur oder bei Sprachproblemen helfen. Kudert ist stolz auf knapp 700 dieser Patenschaften, die inzwischen zustande kamen. „Die Frankfurter sehen die fremden jungen Leute inzwischen als Bereicherung ihres eigenen Lebens. Das funktioniert gut”, sagt er.

Das kann auch Angelika Löschke bestätigen. „Es ist ein Vergnügen und jedes Mal anders”, erzählt die Rentnerin. Zu ihrer ersten Studentin Olga aus dem Ural hat sie noch heute Kontakt. „In Deutschland bin ich quasi ihre Mutter. Die junge Frau studiert jetzt in Frankfurt am Main und besucht mich natürlich zum Geburtstag”, erzählt die 67-Jährige. Ihre eigenen Kinder sind längst aus dem Haus, die Enkelkinder kommen nur ab und zu. „Die Studenten halten mich jung, mit meinem Mann nur auf dem Sofa herumsitzen kann ich noch lange genug.” Seit wenigen Tagen hat sie einen neuen Schützling - die 20 Jahre alte Fungi Yan Cho aus Hongkong. Sie studiert Kulturwissenschaften und will in Deutschland einen Bachelor machen.

Wie die Frankfurter ihre Patenschaften gestalten, bleibe ihnen überlassen, sagt Organisatorin Brandt. „Das Patenkind soll aber keinesfalls bei den Paten einziehen, und sie müssen es auch nicht finanziell unterstützen, sondern sollten Ratgeber und Ansprechpartner sein.” Viele ausländische Studenten seien daran interessiert, Einblicke in die deutsche Kultur zu bekommen. Das kann auch Löschke bestätigen. „Ein Besuch des Weihnachtsmarktes gehört immer dazu, außerdem ein Stadtrundgang, Museumsbesuche und auch das gemeinsame Kochen und Essen.”

Als Paten kommen nicht nur Familien in Betracht, stellt Brandt klar, sondern auch Paare oder Alleinstehende, die aufgeschlossen und interessiert an ausländischen Studenten sind. Etwa zehn Prozent der Viadrina-Gaststudenten nähmen das Patenschafts-Angebot gern an.

Brandt und Kudert sehen ihr Programm, dass es auch an anderen deutschen Universitäten gibt, auch als Beitrag dazu, das Verhältnis zwischen der Europa-Uni und den Frankfurtern zu stärken. 25 Jahre nach der Wiedergründung der Viadrina gebe es immer noch Berührungsängste in der Bevölkerung. „Ein Großteil der Frankfurter kennt die Uni bis heute überhaupt nicht”, sagt der Professor.

(Von Jeanette Bederke, dpa)
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