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Liebesgrüße aus dem Netz

Von Online-Dating über Webseiten wie Parship oder Apps wie Tinder bleiben im Trend. Kein Wunder, sagen Sozialforscher, spiegeln sie doch den Zeitgeist wider. Allerdings ist bei der Sicherheit einiges zu beachten.
Ob im Café, in der U-Bahn oder eben mal zwischendurch im Büro: „Tindern“ geht überall. Millionen Benutzer verwenden die App täglich, um einen Partner zu finden. Die große Liebe finden sie hier jedoch eher selten, meinen  Forscher.	Foto: Holger Menzel Foto: Holger Menzel Ob im Café, in der U-Bahn oder eben mal zwischendurch im Büro: „Tindern“ geht überall. Millionen Benutzer verwenden die App täglich, um einen Partner zu finden. Die große Liebe finden sie hier jedoch eher selten, meinen Forscher. Foto: Holger Menzel
Frankfurt. 

Früher lernte sich künftige Partner beim Sport kennen, im Büro oder in der Disco. Diese Zeiten sind weitgehend vorbei, wie Trendforscher meinen. Selbst Singleparties und Kontaktanzeigen für die besonders eifrigen Partnersucher waren gestern. Angesagt sind Parship, Zoosk, Lovoo und Tinder.

Hinter diesen Namen verbergen sich weder Computerspiele noch die neuesten angesagten Fernsehserien aus den Filmstudios in Hollywood, sondern die erfolgreichsten Singlebörsen der vergangenen Jahre. Sie alle funktionieren unterschiedlich, versprechen aber ein und dasselbe Resultat: den Partner fürs Leben oder zumindest die nächsten paar Wochen kennenzulernen. Ohne dafür nur ein einziges Mal das Haus verlassen zu müssen.

Berechnung und Zufall

Dazu gibt es inzwischen mehrere Möglichkeiten: Einerseits die klassischen Variante von Online-Singlebörsen (wie Parship oder Zoosk), die im Moment der Anmeldung vom Benutzer die Antworten auf etliche Fragen wissen wollen, um den perfekten Partner zu berechnen. Auf der anderen Seite ist Online-Dating über mobile Dating-Apps (wie Tinder oder Lovoo) noch einfacher geworden – und ziemlich oberflächlich, denn hier spielt zunächst lediglich der erste Eindruck eine Rolle.

Bekommen die Nutzer klassischer Dating-Portale noch ganze Steckbriefe von potenziellen Flirtpartnern angezeigt, setzen Tinder und Lovoo auf die örtliche Nähe. Hier stellt der Benutzer einen Radius ein, in dem sich die Flirtpartnern befinden sollen und entscheidet spontan, ob ihm die angezeigten Profilbilder den Flirt wert sind. Wenn nein, hat die Entscheidung keine Konsequenzen, wenn ja gelten die Regeln der Spontaneität.

Eine Tendenz, die in nächster Zeit womöglich verstärkt zu beobachten sein wird, vermutet der Soziologe Dr. Kai Dröge, der an der Frankfurter Goethe-Universität zum Online-Dating forscht. „In Dating-Apps wie Tinder spiegelt sich der Zeitgeist einer allgegenwärtigen Bewertungskultur wider. Die kennen wir aus der Arbeitswelt, wo wir in Zielvereinbarungsgesprächen permanent evaluiert werden oder dem Studium, wo sich alles um die ECTS-Punkte dreht.“

Und noch eine andere Universitätskultur spielt für den Soziologen bei den Dating-Apps eine zentrale Rolle: „Man darf gerade bei Tinder nicht vergessen, dass die App Teil der Dating-Kultur der amerikanischen Hochschulen ist. Dabei geht es in der Regel darum, sich nach einer behüteten Kindheit erstmals sexuell auszuprobieren.“

Dass sich daraus selten ernsthafte Beziehungen ergeben, wissen die Beteiligten an den Universitäten sehr gut. „Die Deutschen müssen sich an diese Art Dating allerdings erstmal gewöhnen“, so die Vermutung von Dröge.

Verwunderlich ist die Orientierung an der amerikanischen College-Kultur, von der Dröge spricht, kaum. Schon die Zeit vor Tinder und Zoosk hat bewiesen, dass soziale Netzwerke aus Kalifornien nicht nur in seltenen Fällen auf Siegeszug um den ganzen Erdball gehen. Facebook, Twitter und Co. haben das vorgemacht und sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken.

Die Produkte der südkalifornischen Ideenschmieden treffen, wie es aussieht, den Zeitgeist. Im Umkehrschluss jedoch heißt das nicht, dass nur die US-Start-Ups Welterfolg haben: Lovoo ist genau wie die Hamburger Partnerbörse Parship eine deutsche Erfindung. Das StartUp nahm seinen Ursprung in Dresden. Beide hatten bereits nach wenigen Jahren auf dem Markt Millionen Benutzer.

Beim Flirten im World Wide Web gibt es aber gerade beim Thema Sicherheit etliches zu beachten: Die Online-Plattformen ziehen Betrüger an, sogenannte Romance Scammer, die ihren „Partnern“ Notsituationen vorgaukeln und um Geld bitten. 2011 meldete allein das amerikanische FBI einen Schaden von über 50 Millionen US-Dollar. Weltweit sollen durch Betrüger Schäden von über 100 Millionen Euro entstanden sein. Auch die Datensicherheit einiger Portale steht in der Kritik: Wer sicher gehen will, dass seine Daten nicht in falsche Hände geraten, kann in zahlreichen Testberichten Portale vergleichen.

21 Millionen Treffer

Online-Dating ist in, das zeigen die Millionenumsätze, die die meisten Dating-Apps und -Webseiten jährlich machen. Auch die von den Unternehmen selbst veröffentlichten Zahlen sprechen Bände: 21 Millionen sogenannte „Matches“, also Treffer, generiert Tinder pro Tag. Das ist die Anzahl der Situationen, in denen zwei Menschen über Tinder miteinander bekannt gemacht werden, weil sie beide den ersten Eindruck des anderen als flirttauglich empfinden. Gleichzeitig melden sich wöchentlich 23 000 neue Benutzer auf der Plattform Parship an. „Alle elf Minuten verliebt sich ein Single auf Parship“, so das Versprechen auf der Webseite des Unternehmens.

Dieser Trend entspricht wie die Apps und Dating-Seiten dem Zeitgeist, zeigt jedoch eindrücklich, wie wenig sich an der Rationalität eines Menschen auf Partnersuche geändert hat. Biologisch ist nämlich längst bewiesen, dass zum Verlieben mehr gehören als Selfies, die wichtigsten Eckdaten und komplizierte Algorithmen. Das lassen uns die Online-Programme gerne mal vergessen.

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