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Urlaub: Warum machen wir so viele Selfies auf Reisen?

Fast alles wurde schon fotografiert, nur noch nicht von jedem. Wie erklärt sich die Inflation der Selfies auf Reisen? Ein Gespräch.
Das Selbstporträt mit dem Handy ist ein echtes Erfolgsgenre geworden. Foto: Christin Klose Das Selbstporträt mit dem Handy ist ein echtes Erfolgsgenre geworden.
München. 

Selfies sind auf Reisen allgegenwärtig. Auf der ganzen Welt fotografieren sich Menschen mit Sehenswürdigkeiten und schönen Landschaften im Rücken. Aber warum? Und was sagt das über die Urlauber von heute aus?

Antworten auf Fragen wie diese gibt Kristina Steimer vom neuen Selfie-Forschungsnetzwerk in München, das zum Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft gehört.

Warum sind Selfies so ein spannendes Thema?
Das Selfie provoziert. Es gehört zum modernen Stadtbild. Man kann in München nicht den Marienplatz überqueren, ohne ein Dutzend Selfie-Macher zu sehen. Das klassische Selbstporträt war schon vom Kontext her immer sehr wertig: Es gab einen Rahmen. Beim Selfie ist das nicht mehr so. Trotzdem machen viele Menschen Selfies, es ist ein echtes Erfolgsgenre geworden. Die Fragen sind: Was ist es wert, mitgeteilt zu werden? Was sind die Ideen dahinter? Werden wir durch Selfies freier und selbstbestimmter?  

Warum machen gerade Urlauber so viele Selfies?
Selfies sind im Alltag angekommen. Da ist es nur logisch, dass wir auch im Urlaub Selfies machen. Dahinter steckt aber auch eine Sehnsucht nach Originalität, gerade in einem Zeitalter der Reproduzierbarkeit. Es gibt ganz viele Bilder von einem Ort, aber noch keines mit einem selbst darauf. Dieser doppelte Ortscharakter motiviert. Das verleiht dem Selfie auch seine Bedeutung und seinen Wert. Selfies können dann als Erinnerung wirksam werden, als Gruß wie eine Postkarte und als ein Hineinsetzen in die Umwelt, als eine Art Aneignung der Welt und damit auch meiner selbst in ihr. Das Selfie bedient das menschliche Grundbedürfnis nach Einzigartigkeit.

Sind Selfies eine Reaktion auf die Inflation der Bilder?
Ich denke schon. Es ist wahrscheinlich auch so ein Gefühl von: „Ich setz mich da jetzt einfach rein. Das bin ich im Hier und Jetzt. Reibt euch ruhig daran!” Es gibt ja mittlerweile auch ironische Selfies, die die Kritik der Inszenierung und Ich-Bezogenheit aufgreifen. Es gibt einen Trend zum nicht perfekten Selfie, das mit Erwartungshaltungen spielt.

Warum ausgerechnet Selfies vor berühmten Wahrzeichen?
Man reist an Orte mit Ideen von diesen Orten. Es geht um Geschichten, die den Ort anziehend machen. Das Selfie selbst ist ja auch eine Form des Geschichtenerzählens. Vielleicht ziehen sich hier Geschichte und Geschichte an. Und vielleicht gibt es auch die Sehnsucht, sich einzuordnen in einen größeren Zusammenhang.

Wie verändert sich das Reisen durch das Selfie?
Wenn die Sehenswürdigkeit nur als Kulisse wahrgenommen wird, dann greift wieder der Vorwurf der reinen Selbstinszenierung. Es kann passieren, dass, wenn ich nur von Selfie zu Selfie springe, ich mich nicht auf das einlassen kann, was um mich herum stattfindet. Im schlimmsten Fall hat man immer die Likes im Kopf und was für möglichst viele von ihnen erfüllt sein muss. Das liegt aber nicht im Selfie selbst. Das hängt von uns und unseren Vorstellungen ab. Es kommt auf die innere Haltung an. Wir sind dem nicht ausgeliefert.

Wofür steht das Selfie auf Reisen als Symbol?
Es gibt einen Trend zum Solo-Reisen, besonders von Frauen. Solo heißt nicht mehr einsam. Sondern unabhängig, selbstbestimmt und frei. Das passt natürlich perfekt zum Selfie-Gedanken und wofür er steht. Wir drücken diese Selbstbestimmtheit aus, für uns selbst und auch für unsere Umwelt. Denn nur „Ich mit mir” gibt es nicht, wir senden immer auch an andere.

ZUR PERSON: Kristina Steimer ist Forschungsmitarbeiterin beim Zentrum fur Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft und Mitglied des Selfie-Forschungsnetzwerks in München.

(Interview: Philipp Laage, dpa)

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