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361 Tage im Jahr ist Weihnachten

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Dirndl, Schuhplattler und Sauerbraten – und zwar nicht im Münchener Biergarten, sondern mitten im US-Staat Michigan. Ein Besuch in Frankenmuth gleicht einem Abtauchen in eine surreale Welt. Vor allem, wenn man im größten Weihnachtsgeschäft der Welt angekommen ist. Fein sortiert hängen die Christbaumkugeln im Regal, sie schimmern in allen Farben des Regenbogens. „Schau mal, sind die nicht schön?“ Dan Smith dreht sich mit leuchtenden Augen zu seiner Frau Lydia um und legt das blaue Set in den Wagen, ohne ihre Antwort abzuwarten. Im Hintergrund ertönt fröhlich „Jingle Bells“ aus den Lautsprechern.

Dass draußen die Sonne schien, störte Adam und seine Frau beim Einkaufsbummel durch „Bronner’s Christmas Wonderland“ nicht. 361 Tage im Jahr hat das größte Weihnachtsgeschäft der Welt geöffnet – und bietet so zwölf Monate all das an, was für gewöhnlich erst jetzt, in der Adventszeit, interessant wird: Tannenbäume, Weihnachtskugeln, Stofftiere, Deko-Artikel. „Wir haben nur einen Tag an Weihnachten geschlossen sowie einen an Neujahr, Ostern und Thanksgiving“, erklärt Inhaber Wayne Bronner stolz. „Ansonsten gibt es bei uns das ganze Jahr 50 000 Weihnachtsartikel.“

„Stille Nacht, heilige Nacht“ – Bereits im Eingangsbereich der kleinen Kapelle auf der anderen Seite des 30 000 Quadratmeter großen Geländes ertönen bekannte Klänge. Auch das Gebäude ist bekannt: Es ist der einzige Nachbau der Stille-Nacht-Kapelle im österreichischen Oberndorf, der weltweit existiert. Vor dem Eingangsbereich prangen Tafeln, die das Lied in alle Sprachen der Welt übersetzen: Arabisch, Kongolesisch, Koreanisch.

Eigentlich ein
Schildermaler

Gegründet hat das Geschäft 1945 Waynes Vater, Wallace „Wally“ Bronner. Er war ursprünglich ein einfacher Schildermaler – bis er begann, zusätzlich Weihnachtsartikel einzukaufen und so Schritt für Schritt das Bronner-Imperium aufzubauen. Seit 1998 leitet sein Sohn Wayne (61) das Geschäft. Jahr für Jahr begrüßt die Familie rund zwei Millionen Touristen, die diese verrückte Weihnachtswelt besuchen.

Nicht weit davon bahnt sich Linda am Abend ihren Weg durch eine gut besuchte Gaststätte im Stadtkern. Vor sich das schwere Akkordeon, hinter sich die Touristen, die mit dem Smartphone ein Video von ihr drehen wollen. Doch die heitere Sängerin lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. „Ein Prosit, ein Prosit“, beginnt sie mit der nächsten Zeile – und das Publikum stimmt ein: „… auf die Gemütlichkeit!“ Dem Besucher wird schnell klar: In Frankenmuth ist deutsche Tradition beliebt. Ganz gleich, ob Weihnachtsmarkt oder „Bavarian Inn“ – die deutsche Idylle scheint perfekt zu sein. Serviert werden hier bayerische Spezialitäten und deutsch beschriftetes Hofbräu. Die Räume in den oberen Stockwerken heißen Reinhardt, Biermann, Kaiser – oder Zimmer Edelweiß. Es ist eine völlig surreale Welt, in die der Gast in Frankenmuth eintaucht: Sie strotzt vor Kitsch und strahlt doch eine liebevolle Gemütlichkeit aus.

Auch im Biergarten im Hof spielt Live-Musik. „Zicke, zacke, zicke, zacke – hoi, hoi, hoi!“, rufen die Musiker in Lederhosen dort, stimmen den Ententanz an und muntern zum „Jägermeister, Jägermeister“-Trinken auf. Die Gäste stimmen ein und tanzen, während sie auf ein seltenes Spektakel warten: Vier Mal am Tag spielt das Glockenspiel über der großen Turmuhr die Geschichte des Rattenfängers von Hameln, zunächst auf Englisch, dann, etwas leiser, auf Deutsch.

Die 7000-Einwohner-Stadt Frankenmuth nennt sich stolz „Little Bavaria“, „kleines Bayern“. Und das ist nicht nur ein aufgesetztes Tourismus-Konzept – auch wenn man das vor lauter Kitsch meinen könnte. Das Gebiet wurde ab 1845 von Immigranten aus Franken besiedelt. Bis heute ist ihr Einfluss deutlich zu spüren: Viele der Nachfahren halten die deutsche Tradition am Leben, gehen in Lederhosen und Dirndl aus. Bis zu 14 Festivals feiert die Stadt in ihrem blau-weiß gestreiften Festzelt im Jahr. Das Oktoberfest darf dabei natürlich nicht fehlen – ebenso wie ein deutscher Weihnachtsmarkt.

Vor 50 Jahren sprach
fast jeder Deutsch

„Wenn ich Deutsch spreche, ist’s immer ein wenig verkehrt.“ Das Fränkische ist deutlich zu hören, wenn Judy Simmermann heute Deutsch spricht – auch wenn sie, wie sie zugibt, etwas aus der Übung ist und die Kenntnisse nur noch mit ihrer 91-jährigen Tante am Leben hält. Früher habe es regelmäßige Sprachtreffen gegeben, doch das sei irgendwie eingeschlafen. Bis 1948 wurde Deutsch in der Schule unterrichtet, noch vor 50 Jahren hat fast jeder in Frankenmuth Deutsch gesprochen. „Als ich in die Schule kam, da konnte ich nicht mal Englisch.“ Ihre Eltern kamen 1851 von Franken nach Frankenmuth. Noch heute ist die deutsche Tradition im Leben anzutreffen: Viele der Häuser sind hier im fränkischen Stil gebaut, Geranien zieren die schweren Holzblumenkästen. 100 000 Dollar gibt die Stadt jedes Jahr dafür aus, sie zu pflanzen und zu pflegen. Immer wieder stolpert man über deutsche Namen – so wie Judys Nachnamen, der ganz offensichtlich von „Zimmermann“ kommt und irgendwann amerikanisiert wurde.

„Für mich bedeuten meine deutschen Wurzeln viel“, sagt Judy Simmermann mit Tränen in den Augen. Sie wird emotional, wenn sie über ihre Vergangenheit spricht. „Dass meine Eltern hierher gekommen sind, hat ihnen damals das Leben gerettet.“ Dass nicht mehr viele diese emotionale Bindung an Deutschland haben, weiß Judy. Die jüngere Generation wird die Tradition mit anderen Gefühlen weitertragen – so wie Christie Bierlein.

„Erst als ich meinen Mann, dessen Familie ursprünglich aus Deutschland kommt, kennengelernt habe, habe ich angefangen, das alles zu verstehen.“ Gemeinsam mit ihrem Mann Adam geht Christie regelmäßig in Dirndl und Lederhosen aus. Dass diese den original fränkischen Trachten entsprechen, ist ihr nicht so wichtig wie der älteren Generation. „Natürlich nimmt die Tradition irgendwie ab, aber sie bleibt – irgendwie, irgendwo.“ Und das könne eben auch ein überdrehter Biergarten mitten in Amerika sein – oder Bronners verrückte Weihnachtswelt

Jana Kötter

Bronner’s Christmas Wonderland, 25 Christmas Lane, Frankenmuth. Weitere Informationen unter www.bronners.com.
Bavarian Inn Lodge und Restaurant, One Covered Bridge Lane, Frankenmuth. Weitere Informationen unter www.bavarianinn.com.
Das Glockenspiel vor der Gaststätte findet täglich um 12, 15, 18 sowie um 21 Uhr statt.

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