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"German Town": Deutsches Drama auf Jamaika

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Wann mag dieses vergilbte Foto in Seaford Town entstanden sein? In den 40er oder 50er Jahren des 20. Jahrhunderts? Das Paar hat im Schein der Petroleumlampe die Familie auf Bildern in der Wohnstube um sich versammelt. Bilder > Wann mag dieses vergilbte Foto in Seaford Town entstanden sein? In den 40er oder 50er Jahren des 20. Jahrhunderts? Das Paar hat im Schein der Petroleumlampe die Familie auf Bildern in der Wohnstube um sich versammelt.
Seaford Town. 

Sie haben blaue Augen, blonde Haare und eine weiße Haut: Die letzten Nachfahren der Deutschen auf Jamaika leben seit 180 Jahren in einem kleinen Städtchen mitten im Dschungel der Karibikinsel – in der „German Town“, die eigentlich Seaford Town heißt. Ein Drittel der rund 300 Einwohner ist heute noch weiß. Doch deutsch wird dort schon seit vielen Generationen nicht mehr gesprochen, obwohl die Einwanderer und ihre Nachfahren meist unter sich blieben.

Am späten Nachmittag, wenn die Dämmerung hereinbricht, sieht man sie in dem kleinen Laden von Seaford: Sennin Kamika zum Beispiel, der wortkarg auf dem Stuhl unter dem Fernseher ausruht. Sein Sohn steht derweil an der Kasse. Im Nachbarhaus wartet Ismey Anne vor bunten Nagellackflaschen in ihrem Beautysalon auf Kundschaft. Auch sie heißt Kamika wie so viele hier.

Das Schicksal hatte es nicht gut mit den Deutschen gemeint, die voller Hoffnung in die Karibik ausgewandert waren. 1834 kamen die ersten. Nach vielen blutigen Aufständen war gerade die Sklaverei auf Jamaika abgeschafft worden. Für die Plantagenbesitzer brachen schwierige Zeiten an. Wie sollte die Arbeit auf den Feldern geschafft werden?

Die Namen sind geblieben

Solomon Myers, ein deutscher Kaffee-Baron auf Jamaika, kam auf die Idee, Landsleute für seine Plantage bei St. George anzuwerben, um den „Negros“ ein gutes Beispiel vorzuführen und sie dadurch zu besserer Arbeit zu motivieren. Er stieß mit dieser Idee bei den Deutschen, die durch die beginnende Industrialisierung auf der anderen Seite des Ozeans verarmt waren, zunächst auf offene Ohren. Sie hofften auf das Paradies. Auf Jamaika – so versprach man ihnen – sollten sie Land, fertige Häuser und zunächst ein kleines Wochengeld erhalten, bis sie sich selbst versorgen könnten. Viele machten sich deshalb auf die lange Reise.

Noch heute findet man deutsche Ortsnamen auf Jamaika: Bremen Valley zum Beispiel oder Mount Holstein, Charlottenburgh, New Brunswick und Hessen Castle. In diesen Städten hatten die deutschen Einwanderer jedoch offensichtlich engere Kontakte zu den Einheimischen und mischten sich mit der übrigen Bevölkerung. Denn deutsche Gemeinden sind dort heutzutage nicht mehr zu finden.

Ganz anders in dem nur über schwierige Pfade mitten durch den Regenwald zu erreichenden Seaford Town. 250 Deutsche aus dem Weserbergland sollten 1835 auf dem Grundbesitz von Lord Seaford, rund 30 Kilometer von dem heutigen Touristenzentrum Montego Bay entfernt, Hütten und Land erhalten. Das hatte der ebenfalls deutsche Agent Wilhelm Lemonius zugesagt. Doch es waren leere Versprechungen, und die Handwerker, die ihre Heimat für immer verlassen und mit ihren Familien hoffnungsvoll in Bremen das Schiff betreten hatten, kamen nicht nur in ein unwegsames fremdes Land, sie kannten sich vor allem auch mit dem Anbau tropischer Früchte nicht aus. Ihre Häuser mussten sie selber bauen, Nahrung erhielten sie kaum, oftmals arbeiteten sie über 70 Stunden pro Woche. Ironie des Schicksals: Halb verhungert mussten sie schließlich bei den Schwarzen betteln gehen oder nachts auf deren Feldern stehlen. Zu der harten, ungewohnten Arbeit in dem mörderischen Klima kamen Tropenkrankheiten wie Gelbfieber, Malaria oder Typhus hinzu: Schon nach zwei Wochen starben viele der Einwanderer, und nach zwei Jahren betrug die Einwohnerzahl in der allmählich neu entstehenden deutschen Siedlung Seaford Town nur noch 100.

Voller Hoffnung waren die Emigranten in Deutschland aufgebrochen, doch schnell mussten sie feststellen, dass sie die neuen Sklaven geworden waren. Viele resignierten. Sie schufteten auf den Zuckerrohrfeldern, und nicht selten wurde der Rum ihr Schicksal. Auch die nächsten Generationen hatten wenig Glück in der neuen Heimat.

Sie mussten sich freikaufen

Schon 1835 waren in der deutschen Heimat deshalb auch Warnungen laut geworden. Im „Rheinisch-Westphälischen Anzeiger“ wurde der Brief einer Ausgewanderten veröffentlicht. „Selten erhielten wir zu essen und so schlecht wie man Tieren nicht gibt. Bei dieser Behandlung war ich in 10 Tagen so abgemattet, das ich kaum gehen konnte“, schrieb sie. Sie habe versucht, eine andere Arbeitsstelle auf der Insel zu bekommen. Doch klärte man sie darüber auf, dass alle Deutschen gekauft worden seien. Sie müsse zahlen und einen entsprechenden Losschein vorlegen. Sie gab ihr letztes Hab und Gut her, um sich aus dieser Sklaverei zu befreien.

Zu einem blühenden Handel mit Zuckerrohr und Sklaven, die von Afrika aus verschleppt wurden, war es auf Jamaika vor allem im 18. Jahrhundert gekommen. Immer wieder gab es seitdem Revolten. Am schlimmsten war der „Weihnachtsaufstand“ von 1831, bei dem die afrikanischen Sklaven unter der Führung von Samuel Sharpe ihre Freilassung verlangten. Obwohl England, das schon 1670 die Macht auf der Insel übernommen hatte, dies befürwortete, weigerten sich die Sklavenbesitzer. Zunächst versuchte Sharpe, seine Ziele friedlich durchzusetzen. Ein Teil seiner Mitstreiter zerstörte jedoch die Stadt. Sharpe wurde 1832 in Montego Bay gehängt. Ein Denkmal und ein Museum erinnern daran. Auch in Seaford Town steht ein kleines Museum. In ihm werden Briefe, Dokumente und Bilder der Einwanderer gezeigt, die zu den neuen Sklaven werden sollten. Man sollte das Museum tagsüber besuchen, denn es gibt kein elektrisches Licht, und die Dunkelheit bricht in der Karibik schlagartig gegen 18 Uhr ein.

Der sonntägliche Kirchgang gehört noch heute zum Alltag der Leute von Seaford Town. Ihre deutschen Vorfahren waren katholisch. Daran erinnert vor allem die Kirche, die Ende des 19. Jahrhunderts durch die Initiative eines Priesters gebaut worden war, und auf dem Friedhof nebendran sind viele deutsche Namen auf den verwitterten Grabsteinen zu finden, die an das Schicksal der Einwanderer erinnern.

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