Die lübscheVia Dolorosa

Von Wiebke Fey
Wer vor den Toren Lübecks auf Entdeckungstour geht, wundert sich, wenn er zum Jerusalemsberg kommt. Was hat das Heilige Land mit der Königin der Hanse zu tun?
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Wenn wir Kinder von St. Gertrud im Winter unseren Schlitten über die verschneite Travemünder Allee zogen, um einen der wenigen Hügel Lübecks für eine Rutschpartie zu nutzen, dann war unser Ziel meist die kleine Erhebung vor dem Burgtor, etwa auf Höhe der Villa Eschenburg, in der sich heute das Brahmsinstitut der Musikhochschule befindet. Ein paar Meter weiter oben auf dem Hügel angekommen, wo sich unter alten Eichen ein bogenförmiges Gemäuer aus Backsteinen befand, ging es mit einem kleinen Anlauf bis hinunter zur Travemünder Allee und zum Kostinweg in Richtung der Kaianlagen an der Trave.

Ins Heilige Land

Was wir nicht wussten: Wir schlitterten den Berg Golgatha hinunter, den ein Lübecker Ratsherr einst hatte aufschütten lassen, um Buße zu tun. Er hatte seine Frau so schlecht behandelt, dass sie gestorben war, erzählt die Legende. Nun hatte ihn die Reue gepackt. Hinrich Constin (mit "C" geschrieben, obwohl es heute Konstinstraße heißt) war 1468 zu einer Pilgerreise ins Heilige Land aufgebrochen, hatte dort die Via Dolorosa vermessen und anschließend für einen Nachbau des Weges in seiner Heimatstadt Lübeck gesorgt. Wenn Gott ihn wohlbehalten nach Lübeck zurückkehren lasse, so hatte er geschworen, wolle er einen "Schädelberg" errichten.

Er entstand in einer gruseligen Gegend, was die Lübecker später allerdings nicht daran hinderte, dort elegante Sommervillen zu bauen. Im Mittelalter befand sich dort vor der Stadt das Revier des Scharfrichters. Nur ein paar Schritte waren es bis zur Adolfstraße, wo an der Ecke bis 1794 der Galgen stand. Es wimmelte geradezu von Toten: Denn außerdem wurde für die vielen Opfer der Pest, die 1350 in Lübeck wütete, ein Friedhof angelegt. Er wurde der Schutzpatronin der Reisenden geweiht: St. Gertrud, die spätere Gemeinde, entstand. Und der Stadtteil zwischen dem Burgtor und der Straße, die in Richtung Travemünde führt, wird heute noch so genannt.

Ratsherr Constin maß die Wege, ließ abreißen oder aufschütten und konnte schließlich feststellen, dass es von der alten Gerichtsstube in der Stadt bis zu der Gegend vor dem Burgtor, die übrigens schon damals "Jerusalem" genannt wurde, genau so viele Schritte waren, wie man sie einst vom Richthaus des Pilatus bis zur Schädelstätte Golgata gebraucht hatte. Die Maße stimmten, dem religiösen Projekt stand also nichts mehr im Wege.

Steinrelief

Dass auf diese Weise damals der älteste Kreuzweg Deutschlands entstand, wussten wir Kinder natürlich genauso wenig, wie wir bemerkt hatten, dass in dem alten Backsteingemäuer auf dem Hügel der gekreuzigte Christus hing – für uns war es eher ein Unterstand. Das Steinrelief war im Laufe der Jahrhunderte schwarz und schäbig geworden. Und was ein Kreuzweg war, hatte uns auch noch niemand klar gemacht. Denn Lübeck war damals – in den 50er Jahren – erzevangelisch, trotz des "Sankt" vor unserer Kirchengemeinde St. Gertrud. Das war kein Einzelfall, denn es gab zum Beispiel auch St. Jürgen, und vor allem die Kirchen mit den berühmten sieben Türmen waren Heiligen gewidmet – bis hin zu der berühmten St. Marienkirche.

Es gab in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg offensichtlich nur eine einzige kleine katholische Gemeinde, und zwar in der Altstadt nahe beim Dom. Wenn wir Kinder dort vorbeikamen (was selten war, denn die engen Gassen und Gruben der Altstadt waren für uns tabu), sahen wir uns mit vielsagenden Blicken an: Hier lebten Fremde, eine exotische Minderheit – Katholiken. Kein Wunder übrigens, dass wir schlecht informiert waren, denn bereits vor sehr langer Zeit – nach der Einführung der Reformation im Jahr 1531 – wurde in Lübeck alles Katholische wegen des neuen Glaubens verdrängt. Also auch der Kreuzweg.

Kirche der Seefahrer

Die meisten der einst sieben Kreuzwegstationen auf der insgesamt 1650 Meter langen Strecke wurden zerstört. Heute existieren nur noch zwei: die erste und die letzte – eben jene auf unserem Schlittenhügel. Der Kreuzweg beginnt mit einem Kalksandsteinrelief an der Nordseite von St. Jakobi. Es zeigt die Szene aus der Passionsgeschichte, in der Jesus vor Pontius Pilatus geschleppt wird. St. Jakobi ist übrigens auch die Kirche der Seefahrer. In einer Turmkapelle liegt ein Rettungsboot des Segelschulschiffes Pamir, das 1957 unterging. Die Kapelle wurde zu einer "Nationalen Gedenkstätte für die zivile Seefahrt" ernannt. Doch – der Name sagt es – St. Jakobi ist auch ein Gotteshaus der Pilger auf dem Jakobsweg, der bis nach Santiago de Compostela im spanischen Galizien führt.

Der Lübecker Ratsherr konnte sein Werk nicht mehr erleben, denn er starb vor der Vollendung des Projektes. Doch er vermachte der Stadt sein Vermögen mit der Auflage, es für die Fertigstellung des Kreuzweges zu verwenden. Spät kam sein Werk wieder zu neuen Ehren: Zu Beginn der 1990er Jahre erinnerte man sich in Lübeck des katholischen Erbes und trifft sich seitdem am Karfreitag zu einer Begehung des Kreuzweges. Übrigens nimmt auch die (evangelische) Jakobi-Gemeinde daran teil – die Vorurteile der Reformation haben mittlerweile einem ökumenisches Ereignis Platz gemacht.

Information: www.luebeck-tourismus.de

Gästeservice Lübeck, Tel. 0451/59 62 20

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