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Antigua: Die schärfste Insel der Karibik

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Frankfurt. 

Ist das „Burning Desire“? Verständnislos blickt die junge Frau am Grillstand auf unsere Frage hin die feuerrote Soße an, die sie gerade über den Hähnchenschenkel auf unseren Teller kippen wollte. Es ist die Hölle los, wie jeden Sonntagnachmittag zur Barbecue-Party auf Shirley Heights, dem schönsten Aussichtspunkt Antiguas. Die Amerikaner hinter uns in der Schlange murren, die Einheimischen bleiben entspannt und kichern amüsiert. Einer ruft nach vorne: „Die Deutschen meinen Susie’s Hot Sauce“. Natürlich. Das berühmteste Inselprodukt, das in jedem Reiseführer steht und in der halben Welt verkauft wird. Jetzt macht es auch bei der Grillmeisterin klick. Sie legt den Löffel weg und erklärt geduldig: Die Einwohner Antiguas lieben Chilisoßen als Würzmittel für einfach alles. Aber beileibe nicht jede sei von der Marke Susie’s. Fast jeder hier habe sein eigenes Rezept. Wir sollten doch mal herumfahren und testen. Eine prima Idee, finden wir.

Reggae zum
Sonnenuntergang

In diesem Augenblick will die Sonne glutrot untergehen. Schnell den Teller abstellen und einen Logenplatz suchen auf diesem 150 Meter hohen Felsplateau, ganz vorne am Abhang. Dort, wo vor 200 Jahren die Royal Navy nach Feinden Ausschau hielt. Der Ausblick auf den zauberhaften Naturhafen English Harbour, auf die weißen Segelboote und das unfassbar changierende Karibikblau lässt die Herzen tanzen. Als dann noch die Reggae-Band alte Marley-Hits zum Besten gibt, ist kein Halten mehr. Und die Soße längst vergessen.

Egal: Wo man auf Antigua ist, irgendwo steht immer eine „Hot Sauce“ herum, genauso wie immer ein Strand in der Nähe liegt. Angeblich sollen es 365 sein. Das klingt natürlich ein wenig hoch gegriffen. Antigua, das mit der Schwesterinsel Barbuda seit 1981 einen unabhängigen Staat bildet, ist nur knapp halb so groß wie Berlin. Aber weil die Küste so stark zerklüftet ist, können die meisten anderen Karibikinseln trotzdem schwer mithalten. Und das Beste: Viele Strände erfüllen tatsächlich die Sehnsucht-Klischees, die man sich von der Karibik macht.

Fein wie Puderzucker, elfenbeinweiß, in einer schön geschwungenen Bucht, prima zum Schnorcheln, Tauchen, Schwimmen: Auch der Strand von Ffryes Bay toppt noch die Postkartenidyllen. Statt Hotels säumen ihn Mangroven und Palmen. Und dahinter erheben sich sanfte grüne Hügel. Stunden hängen wir wunschlos ab. Bis uns schließlich der Hunger in die einzige Strandbar treibt. „A taste of Paradise“ nennt Chef Dennis Thomas, ein trainierter Muskelmann, sein rustikales Holzhaus mit schattiger Terrasse. Das passt. Wir fragen ihn nach der Hitparade seiner schönsten Buchten. Da überlegt er nicht lange: Half Moon Bay, Platz drei wegen ihrer vollendeten Sichel-Form, die Rendezvous-Bay auf Platz zwei, weil sie so schön intim und nur per Fuß zu erreichen ist, und die Ffryes Bay, sein Platz eins. Hat er sich schließlich ausgesucht. „Hier ist es ruhig, es kommen gerne Einheimische her, und das Wasser schimmert ganz besonders türkis“, sagt er, während er uns Shrimps mit fruchtig-scharfer Soße serviert. Noch ein bisschen Schärfe? Da steht seine eigene Hot Sauce schon parat. Sein Bild mit weißer Kochmütze ziert sogar das Etikett. Er komme kaum nach, so groß sei die Nachfrage von Restaurants. Das Rezept allerdings hat er von Mama Eva. Grüne, gelbe und rote Chilis packt er rein, Essig, Senf, Knoblauch, Zwiebeln, Nelken, Olivenöl und grüne Papaya zum Konservieren, die Zutaten kocht er eine halbe Stunde und püriert sie dann. Nur ein paar Tropfen davon – und der Mund brennt. Doch nicht unangenehm. Schmeckt ein bisschen wie dickes Tabasco mit feinem Beigeschmack. „Ja, wir würzen gern scharf – aber mit dem ganz gewissen Etwas, der kreolischen Note eben. Doch ich bin noch schärfer“, blitzt er uns mit seinen schwarzen Augen an. Wir glauben es sofort und nehmen ihm drei Soßen als Mitbringsel für Zuhause ab.

Ach ja, die karibischen Männer. „Charmant, aber absolut unzuverlässig“, seufzt am nächsten Morgen Sarah Piper, eine pralle Schönheit mit einem T-Shirt in der Farbe reifer roter Chilis. Wir treffen sie auf dem Samstagsmarkt der Inselhauptstadt St. Johns, früh um sieben, da sind die Kisten mit Obst und Gemüse noch voll, und Kreuzfahrtgäste überschwemmen den Ort mit seinen bunten Häuschen, der sehr britischen Kirche und den zollfreien Einkaufsmöglichkeiten noch nicht. Dafür scheint die halbe Insel – sie hat nur 80 000 Einwohner – zum lustigen Frisurenwettbewerb angetreten zu sein. Rastafaris mit Dreadlocks bis zur Hüfte sitzen vor ein paar Gurken auf dem blanken Boden, junge Beaus mit aufgezwirbeltem Dutt und riesigen Häkelmützen bieten vom Pick-up aus Kürbisse und Kokosnüsse feil, alte Frauen mit Zöpfchen unterm Hut sortieren auf provisorischen Tischen Chilis in nie vorher gesehenen Formen und Farben.

Nicht gekocht,
nur püriert

„Oh Lord, was glaubt Ihr, wie viele Sorten es gibt. Hunderte“, sagt Sarah, und ihr keckes weißes Hütchen verrutscht unter ihrem herzhaften Lachen. Damit gewann sie sogar ein Auto beim Schönheitswettbewerb „Big and Beautiful“. Lange her. Heute steht Sarah an ihrem Gemüsestand und preist ihre Fläschchen mit ihrer Hot Sauce an. Nur von Grünzeugs und Calypso, wo sie jahrelang beim Karneval Ende Juli als Sängerin mitmischte, könne man nicht leben. Sie muss allein ihre sechs Kinder großziehen und auch noch auf ihre blinde Mutter achten. Aber irgendwie geht es schon, sagt Sarah. „Ich brauche keinen Mann, um durchzukommen, ich bin stark so wie die meisten karibischen Frauen“. Sie produziere jetzt sogar schon für Supermärkte. Die Zutaten sind nicht gekocht, nur püriert, verrät Sarah. Und drinnen steckten auch ein paar Stengelchen Thymian, zur Verfeinerung. Vielleicht kommt sie ja damit ganz groß raus. „Dann stehen Sarah’s Hot Sauces neben der von Susie’s. Das wär’s“, sagt sie und strahlt.

Dabei ist die scharfe Susie, die vor 50 Jahren mit dem Soßenbrauen begann, längst tot. Aber ihre Tochter Rosie führt den Betrieb clever weiter, entwickelte zig neue Soßenvarianten und ist inzwischen auch in Amerika und in europäischen Onlineshops vertreten. Ein Erfolg, der einen wahren Soßen-Hype auf der Insel auslöste, erzählt Birch Osborne, während er mit uns durch seinen Garten streift. Jeder wolle die beste Soße kreieren. Ja, auch er, gibt der Pensionär, der früher mal Versicherungen verkaufte, unumwunden zu. Wir hatten ihn zufällig beim Chilikaufen auf dem Markt kennengelernt, und er lud uns in sein Haus am Rande von St. Johns ein. So offen sind die Leute auf Antigua. Sicher, wir hätten stattdessen auch beim Zip lining im letzten Zipfel Regenwald herumturnen, mit friedlichen Rochen schwimmen oder hinüber nach Barbuda mit seinen pinkfarbenen Traumstränden fahren können. Später. Jetzt sind wir im Chili-Rausch. „Wir könnten hier sämtliche anbauen, die es auf der Welt gibt. Und Gemüse im Überfluss. So fruchtbar ist der Boden, so gut ist das Klima. Aber leider betreibt kaum einer mehr Landwirtschaft, und wir müssen sehr viel einführen“, bedauert Birch. Er gärtnert mit Hingabe. Und nur biologisch. Zwischen Erdbeeren und Zwiebeln lässt er Sträucher mit tomatenroten, rundlichen Schötchen wachsen. „Seasoning peppers. Typisch für die Karibik. Eher mild, dafür fruchtiger im Geschmack“. Und dort, die blutroten und länglichen Früchtchen? „Afrikanische Bird’s Eye. „Ähnlich wie Tabasco, sehr scharf, aber auch sehr aromatisch“. Oder da, die Chilis in Mützchenform? „Scotch bonnet, ausgesprochen feurig, brauchen ganz viel Wärme“. Und die schlappen Blättchen in dem Blumentopf? „Trinidad Scorpions. Die schärfsten Chilis der Welt. Ein Hurrican hat sie besiegt“, sagt Birch traurig. Aber er päpple sie schon wieder auf. Er experimentiert mit allen für seine Soßen. Fügt noch ein Stückchen Gurke, etwas Papaya oder Ananas hinzu. Rosie, sagt er augenzwinkernd, könne sich warm anziehen. Man munkle eh schon in Antigua, sie habe etwas nachgelassen. Wenn da nicht Neid dahintersteckt. Nicole Schmidt

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