Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 15°C

London, eine Liebe fürs Leben

Eine Tour durch die britische Hauptstadt mit einem, der sich verliebt hat – in die Stadt.
<span></span> Bilder >

Anyone for strawberries with cream, please?“ Die alte Dame guckt irritiert, als sich vor ihrem Gartentisch voller Erdbeerschälchen mit Sahne lauter Gäste mit dicken Kameras vor der Brust aufreihen. Wir sind auf einem Nachbarschaftsfest, eigentlich tauchen hier keine Touristen auf. Gerade singen Grundschulkinder auf der Bühne – Ladys mit Hut, junge Mütter, viele Kinder, auch ein paar Männer in Anzügen bevölkern den grünen Rasen.

Auch wir, die Touris, gucken etwas unbeholfen, nippen an unserem Kaffee. Dieter Wagner (im Folgenden: Dieter), unser Reiseführer, hat es sich nicht nehmen lassen, bei den Empfangsdamen an der Pforte zum Earl’s Court Square Garden seinen Charme einzusetzen und uns auf die Party zu lotsen. Schließlich sind wir nicht auf einer gewöhnlichen Städtereise. Wir sind hier, um das versteckte London zu entdecken. Orte zu betreten – und zu fotografieren –, die dem Touristen sonst verborgen bleiben. Die „Strawberry Tea Garden Party“, nein: eigentlich nur der Garten selbst, ist so ein Ort. Normalerweise ist das gepflegte Idyll nämlich abgeschlossen. Nur Anwohner besitzen einen Schlüssel. In diesem Karree im königlichen Bezirk Kensington and Chelsea kosten die Wohnungen rund 2000 Pfund Miete die Woche, gute 2700 Euro. Da gehört ein Privatgarten von der Größe eines Parks schon mal dazu.

Dieter bläst wieder zum Aufbruch. „Ich zeige euch ein paar andere Kleinode dieser Gegend: die ,Mews‘“, schwärmt er. Die Gruppe, wir sind fünf Männer und vier Frauen, alle mit Kameras im Anschlag, wandert durch hübsche Straßen, die Häuser werden immer niedriger. „Mews“, so erklärt Dieter, sind die früheren Stallungen: niedrige Gebäude, in denen bis ins 20. Jahrhundert hinein die Kutschen untergestellt waren und die Pferde versorgt wurden. Darüber, in kleinen Wohnungen, lebten die Kutscher und ihre Familien. Heute kostet so ein umgebautes Häuschen ein Vermögen. Kein Wunder, liegen sie doch an traumhaft schönen, ruhigen Sträßchen mit Kopfsteinpflaster. Sind wir wirklich mitten in der drittgrößten Stadt Europas?

„Ja, das sind wir“, freut sich Dieter und hat schon das nächste Fundstück im Blick: Der älteste Briefkasten der Stadt ragt hinter einem geparkten Mercedes in die Höhe. „Diese Penfold-Box aus dem Jahr 1888 ist eine von 15, die aus dieser Zeit noch übrig sind. Zu erkennen an der Form mit den stilisierten Blättern und Kügelchen.“

Die Post-Box wird nicht das einzige Ding am Wegesrand sein, das unser Stadtführer in unser Blickfeld – und das der gezückten Kameras – rückt. Jedem Brünnlein entlockt Dieter eine interessante Anekdote. Woher er sie kennt? Das ist eine längere Geschichte, dafür müssen wir uns erst mal setzen. Am besten in ein schwarzes „Black-Cab“-Taxi, das uns zum Abendessen an der Tottenham Court Road fährt.

Auf ein Bier mit den „Beatles“ in Belgravia

1970 kam der Nordhesse aus dem Dörfchen Winnen erstmals nach London, um ein Jahr lang als Deutschlehrer am College zu arbeiten. Damals war London noch alles andere als ein Traumreiseziel. „Das Essen war ungenießbar, selbst der Tee war eine entsetzliche Plörre, geradezu eine Unverschämtheit“, erinnert sich Dieter. „Trotzdem – die Stadt hat mich gepackt. Ich habe mich unrettbar verliebt. So sehr, dass ich jedes Jahr wiederkam.“

Irgendwann begriff er, dass er diese Sucht nach London niemals loswerden würde. Bis heute reist der pensionierte Englisch- und Geschichtslehrer drei Mal im Jahr für jeweils eine Woche in die britische Hauptstadt, davon einmal allein. Dann kann er nach Herzenslust umherstreunern, mit Londonern plaudern und in die entlegensten Winkel kriechen, „auch dorthin, wo es sich nicht gehört“. Einmal stieg er auf eine hohe Gartenmauer, weil er wissen wollte, was sich dahinter verbarg. „Es war der schönste Garten, den ich je gesehen hatte. Ich saß auf der Mauer und betrachtete die alten Bäume. Bis der Hausherr vor die Tür trat und verärgert rief: ,Was machen Sie da auf meiner Mauer?‘ Ich entschuldigte mich höflich und sagte: ,Es tut mir leid, ich konnte mich nicht von dem Anblick lösen. Ihr Garten ist der schönste von ganz London.‘ Er lachte – und schließlich lud er mich zum Abendessen ein.“

Für den nächsten Morgen hat Dieter Verstärkung organisiert. Peter Twist, pensionierter Polizist und offizieller Stadtführer der City of London, dem historischen Zentrum der Stadt, begrüßt uns um Punkt 6 Uhr am schmiedeeisernen Eingangstor des Smithfield Market. Ohne Twist kommt kein Tourist in den größten Fleischmarkt Großbritanniens. In der Halle – 1867 von Sir Horace Jones, der später die Tower Bridge konstruierte, erbaut – warten Verkäufer, honorige ältere Herren in weißen Kitteln, auf Kundschaft. Fleisch in riesigen Mengen liegt in den Auslagen, Schilder preisen „Rump Tail“ oder „Best Cumberland Sausages“ an. „Pig ears“ steht auf einem Karton voller Schweineohren. Hinter Glaswänden, im Kühlbereich, hängen endlose Reihen Rinderhälften an Stangen herab. Die Restaurants und Lebensmittelläden der Stadt besorgen hier ihre Ware, meist schon zwischen drei und fünf Uhr morgens. Peter Twist ist ein redseliger Mann, kennt die Händler und hält hier und da ein Schwätzchen. Zum Glück weiß er auch, wo es das beste Frühstück gibt: Ums Eck in einem einfachen Arbeiterlokal nehmen wir ein zünftiges Mahl ein: Spiegelei, Bacon, Bohnen und Pommes frites.

Später am Tag. Ein Pub-Crawl steht an. Wir spazieren durch Belgravia, eines der reichsten Stadtviertel der Welt. Wer hier lebt, ist entweder stinkreich oder arbeitet für eine der vielen Botschaften. Vor 150 Jahren wären Normalos wie wir gar nicht in die blankgewienerten Gassen der Gegend gekommen. Als der Großgrundbesitzer Grosvenor, dessen Familie das Viertel teilweise bis heute gehört, hier herrschte, waren sie für den Pöbel gesperrt.

Pubs gibt es hier aber wie in jedem andern Viertel Londons auch. Zum Beispiel die „Star Tavern“ – ein gemütliches Lokal, in dem sich 1963 eine konspirative Runde Männer traf, um den größten Postraub der Geschichte Großbritanniens auszuhecken, den „Great Train Robbery“. Umgerechnet 30 Millionen Euro erbeutete die Bande. Vor den Stufen des nächsten Pubs, „The Grenadier“, trinkt sich eine geschlossene Gesellschaft in den Feierabend, es gibt Sekt und Cupcakes. Und zu guter Letzt besuchen wir „The Horse and Groom“ in der Chapel Street – hier trafen sich einst gern die „Beatles“ mit ihrem Manager Brian Epstein auf ein Bierchen.

Am nächsten Tag geht es von der gigantischen Blackfriars-Underground-Station unweit vom Themse-Nordufer an der Carter Lane entlang. Vor der St. Paul’s Cathedral bietet sich ein unerwartetes Schauspiel. Eine Hochzeit! Das Brautpaar tritt gerade aus der Kirche, die Hochzeitsgesellschaft sammelt sich auf der Treppe zum Fototermin. Ein gefundenes Fressen – nicht nur für unsere Kameras, sondern für die sämtlicher vorbeilaufender Touristen.

Doch auch das weniger noble London liegt auf unserem Weg. Am Südufer der Themse, am anderen Ende der London Bridge, liegt Southwark; in früheren Zeiten so etwas wie das St. Pauli von London. Im Mittelalter sammelte sich hier der Plebs in Herbergen und Puffs, traf sich zum Glücksspiel oder besuchte das Globe Theatre, in dem auch Shakespeare Stücke aufführte. Heute ist hier einer der lebendigsten Stadtmärkte, der Borough Market. Wir machen halt für ein legendäres Enten-Confit-Sandwich und ein Bier im „Market Porter“. Und so geht es noch ein paar Tage weiter auf dieser eindrucksvollen und doch ganz entspannten Londonreise. Wir glauben, wir haben uns angesteckt – mit Dieters Londonfieber. Stefanie Wehr

Zur Startseite Mehr aus Reise

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse