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Von Göttern, Geistern und Dämonen

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Ketut ist ein berühmter Mann. Seit er mit Julia Roberts gefilmt wurde, stehen Scharen von Esoterik-Fans vor seinem Haus in Ubud Schlange und suchen seinen Rat. Die amerikanische Autorin Elizabeth Gilbert hatte den Medizinmann entdeckt und in ihrem Bestseller „Eat, Pray, Love“ verewigt. Der Hollywoodfilm wurde 2009 auf Bali gedreht.

Und nun bin ich da: Dürr hockt Ketut Liyer mir gegenüber im Lotussitz auf einer Bambusmatte. Das Gesicht ist von Runzeln zerfurcht. Er lacht und zwei restliche Zähne mit ihm. Eine Art Mantra beginnt, wohl eine Viertelstunde lang. Er spricht freundlich in einem einfachen Englisch vor sich hin, ein Singsang, in dem die Worte „happy“ – glücklich – und „strong“ – stark – immer wiederkehren. Er nennt sich Medizinmann und Heiler, Astrologe und Handleser. Aber die Linien in den Handflächen studiert er nicht. Er zählt vielmehr die Falten im Handgelenk – warum, erklärt er nicht. Er gibt auch keine weisen Ratschläge. Ob er etwas heilt? Wer weiß. Hier gibt es viele Geheimnisse. Wir sind schließlich auf Bali in einer Welt voller Götter, Geister und Dämonen. Er prüft die Stirn, den Rücken, die Knie, fragt nach der Familie, nach dem Beruf, nach dem Heimatland, oder – geschäftstüchtig – ob man denn auch schon bezahlt habe? Vergisst von Zeit zu Zeit die Antworten, wiederholt sich auch mal und entlässt die leicht verwirrte Kandidatin schließlich mit dem Hinweis, wie glücklich er wäre, wenn sie in sein Bett käme. Mein Gott, der Mann soll 100 sein!

Stattliches
Anwesen

Einer seiner Enkel kontrolliert die Szene, entschuldigt sich auch wegen der Ungereimtheiten, die das Alter so mit sich bringe und kassiert: 250 000 Indonesische Rupiah. Das sind 20 Euro. Nicht schlecht! Ketut arbeitet von morgens bis abends, und die Kundschaft bleibt nicht aus. Er hat sicher im Laufe seines Lebens ein Vermögen angesammelt. Für seine große Familie hat er so ein stattliches Anwesen geschaffen. Hinter der hohen Mauer, in dem üppig grünen Garten mit hohen Bäumen, duftenden Blumen, mit kleinen Tempeln, Altären, schattigen Rastplätzen, überdachten Terrassen und munter zwitschernden Volieren spielt sich das Leben einer wohlhabenden balinesischen Familie ab.

Also doch nichts Geheimnisvolles – aber Mystisches gehört auf dieser Insel, deren Bewohner im Gegensatz zu den anderen, islamischen Teilen Indonesiens schon immer Hindus waren, mit zum Alltag. Die Religion bestimmt das Leben, auch die grimmig dreinblickenden Monster, Fratzen und Drachen an den Tempeln sind Teil davon. Auf Bali soll es mehr Tempel als Häuser geben, und Altäre sind selbst in den kleinsten Wohnungen vorhanden.

Dreimal täglich sieht man die Frauen in ihren langen, bunten Sarongs mit ernstem Gesicht vor das Haus schreiten, um Opfergaben darzubringen. Oft sind es kleine, aus Palmen- oder Bananenblättern angefertigte Schalen mit Reis und Blüten, die auf die Türschwelle oder den Bürgersteig gelegt werden, um Dämonen zu besänftigen. Sogar Zigaretten sind darin zu finden. Zigaretten, wo sonst Räucherstäbchen duften? Die Erklärung ist simpel: Sie sollen die bösen Geister beschäftigen, die dann keine Zeit haben, Unheil anzurichten.

Ein Leben voller
Zeremonien

Wie ist die balinesische Seele? Man habe zwar kein heiliges Buch wie andere Religionen, aber „wir pflegen unseren Glauben durch unsere Kultur,“ sagt I Gusti Made Kertayasa, Chefconcierge der 2012 entstandenen Luxusanlage „The Mulia“. Das Leben auf Bali werde von Zeremonien bestimmt, was sogar bis zur heute noch üblichen schmerzhaften Prozedur der Zahnfeilung bei jungen Leuten gehe. Habgier, Eifersucht, Dummheit, Wollust, Zorn und Unbeherrschtheit sollen so für den Rest des Lebens bezwungen werden. Er weiß, wovon er spricht, denn er hat es selbst durchlitten.

Heute trägt er mit Stolz den Goldenen Schlüssel, die höchste Auszeichnung seines Berufsstandes, den er besonders liebt, weil er damit gleichzeitig auch für Bali werben kann. Besonders stolz ist er auch, für das „Mulia“, eine angesehene lokale Hotelmarke, zu arbeiten, die kürzlich erst als eines der besten Resorts weltweit ausgezeichnet wurde. Die indonesische Gruppe hat die aus drei Hotels bestehende Anlage direkt am kilometerlangen Sandstrand mit 111 Suiten, 526 Gästezimmern und 108 Villen, mit diversen Pools, Restaurants, einem vielfältigen Sportangebot und einem großen Spa mit ausgesuchter Eleganz ausgestattet. Klare Linien, lichte Farben, edles Material, Antiquitäten und kunstvoll speziell angefertigtes Mobiliar setzen einen ruhigen Kontrast zu der bunten Tropenwelt Balis.

Respektloses
Affenvolk

Wer die kleinen Geschäfte von Ubud, dem kulturellen Zentrum inmitten der saftig grünen Reisterrassen im Süden Balis, betreten will, findet die täglichen Opfergaben der Balinesen an Götter und Dämonen manchmal auch direkt im Laden – fein säuberlich niedergelegt vor den einzelnen Gängen mit den vollen Regalen. Denn auch die bunten Seidenstoffe, die Baumwollhemden, die Holzschnitzereien und der prächtige Schmuck wollen vor Dämonen geschützt werden – jedes für sich allein. Die rund 400 Bewohner des nahe gelegenen „Monk Forest“, des Affenwaldes mit seinen Tempeln und einer heiligen Quelle, zeigen allerdings keinen Respekt vor derlei Dingen: Begeistert zerpflücken sie die Opfergaben und verspeisen sie.

Wegen der Malerei, Textilkunst und der traditionellen Holzschnitzereien gilt Ubud als künstlerischer Hauptort Balis, in dem seit den 1920er Jahren auch viele europäische und amerikanische Künstler lebten. So auch der Musiker und Maler Walter Spies, bei dem die Schriftstellerin Vicky Baum zu Gast war. Sie beschrieb dort in ihren Roman „Liebe und Tod auf Bali“ (1937) das von Ritualen bestimmte Leben eines balinesischen Dorfes und seine Vernichtung durch die holländischen Kolonisatoren und schuf damit ein Bild der Insel am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Das Publikum in der 30 000 Einwohner zählenden Kleinstadt Ubud hat sich gewandelt. War sie früher mit ihren kleinen Pensionen vor allem bei Rucksacktouristen beliebt, so sind dort nun auch viele gutbetuchte Gäste wie aus dem „Mulia“ unterwegs. Denn die Luxusanlagen auf der Halbinsel Bukit Badung füllen auch die Kassen der kleinen Leute. Tourismus ist in diesem Land, das ansonsten mit seinen Reisterrassen und dem tropischen Früchteangebot von der Landwirtschaft lebt, Wirtschaftsfaktor Nummer eins geworden. Hinzu kommen die geistigen Schätze der Insel: Meditation hat schon immer zum Kulturgut der Balinesen gehört und wurde zunehmend für gestresste Städter aus aller Welt interessant. Spätestens seit dem Erfolg von „Eat, Pray, Love“ findet auch Yoga immer mehr Anhänger. Schulen sprießen wie Pilze aus dem Boden. Denn Ubud wird auch das spirituelle Zentrum Balis genannt. Schon im 8. Jahrhundert soll ein buddhistischer Mönch den Ort heilig gesprochen haben.

Kein Wunder, dass die Schar der Kunden vor der Tür von Ketut Liyer nicht kleiner wird. Wiebke Fey

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