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Wollbad auf der Wohlfühl-Insel

Als Eldorado für Wattwanderer, Fahrradfahrer und Vogelkundler ist die rau-charmante Nordsee-Insel Texel seit langem bekannt - doch wer würde hier die Wiege einer ebenso neuen wie ungewöhnlichen Wellness-Idee vermuten?
Luxus im Schafbett: Auf dem wolligen Lager, verwöhnt mit einer Tasse heißen friesischen Tees, macht der Winter an der Nordsee Spaß. Fotos: Forst Bilder > Luxus im Schafbett: Auf dem wolligen Lager, verwöhnt mit einer Tasse heißen friesischen Tees, macht der Winter an der Nordsee Spaß. Fotos: Forst
Den Burg. 

Mit leicht mulmigem Gefühl nimmt der Gast im Bademantel die letzten Schritte auf den regennassen Steinplatten durch den Garten des "Hotel Texel", bis ihn die rustikale Wärme des saunaähnlichen Holzhäuschens empfängt – und das strahlende Lächeln von Marianne Langeveld. Die 23-jährige Blondine betreibt mit ihrem Vater Arnold das Hotel, hat mit ihm gemeinsam das "Woolness"-Konzept entwickelt und packt den staunenden Probanden erstmal mit acht Rollen maschinell zugeschnittener Schafwolle im Stehen ein – der Rückenwolle zweier ausgewachsener Muttertiere. "Sie ist unbehandelt und von Hand gesäubert", erklärt Marianne, während sie dem nun zum eingemummelten Michelinmännchen mutierten Gast zu meditativen Gitarrenklängen aus dem CD-Spieler in die mannsgroße Holzkrippe hilft. "So wirkt das Lanolin am besten."

Einfach genießen - ohne Kratzgefühl

Ob das rasch einsetzende Wohlgefühl nun tatsächlich am nicht-klebenden, der Haut schmeichelnden Schaf-Fett liegt, der gleichmäßigen Wärme, der fachmännischen Handmassage oder dem Urgefühl der Geborgenheit als Wollmumie: Der tiefenentspannte Gast, der den Namen "Woolness" vorher ein wenig zu clever und die Idee des Wollbadens etwas zu verschroben fand, ist weder willens noch in der Lage, die Gründe auseinanderzudividieren. Er genießt die knappe halbe Stunde einfach – ohne Kratzgefühl und ohne Schweißperlen. Das freut Arnold Langeveld, der fest vom Erfolg seiner neuen Wellness-Idee überzeugt ist: "Vom Wollbad bekommt man eine Haut, so weich wie ein Kinderpopo." Der 51-Jährige sollte es wissen. Hat er doch früher Tausende Lämmer zur Welt gebracht, 400 eigene Schafe geschoren und unzähligen umgefallenen Tieren wieder auf die Beine geholfen. Was kurios anmutet, kann für die Texelschafe tödlich enden: Auf dem für Fleischschafe typischen breiten Rücken liegend, können sie sich oft aus eigener Kraft nicht mehr umdrehen und aufrichten. Die Tiere sterben hilflos auf der Weide.

16 000 Schafe leben derzeit auf der westfriesischen Insel im Nordosten der Niederlande – 2000 mehr als es Einwohner gibt. Wenn im Frühling die Lämmer geboren werden, sind es doppelt so viele. Nur 100 Tage sind ihnen an Lebenszeit vergönnt, bevor sie wegen ihres zarten Fleisches geschlachtet werden. Bis dahin können sich Touristen an den niedlichen Jungtieren erfreuen, etwa auf einer eigens ausgeschriebenen Lämmer-Radroute, die auf 35 Kilometern an Weiden und Bauernhöfen entlang führt. Auch wenn die wolligen Gesellen auf der Insel allgegenwärtig sind – sogar Hecken sind hier in Schafform geschnitten, und in den adretten Vorgärten wachen tönerne Schafe statt der Gartenzwerge: Die Insel umgarnt den Besucher noch mit anderen Reizen. Im Osten liegt das Wattenmeer, im Westen locken kilometerweite, schneeweiße Strände und Naturschutzgebiete wie das Salzwiesengebiet "De Slufter". Die mittelalterlich "Insel-Hauptstadt" Den Burg bietet malerische Gassen mit Backsteinhäusern und viele kleine Geschäfte mit kulinarischen Spezialitäten wie Käse, Fleisch oder das Texel-Bier.

Auffangstation für Seehunde

Das Museum Ecomare im Westen der Insel ist berühmt für seine Seehund- und Vogelauffangstation, wo ölverschmierte Vögel und von Muttertieren verlassenen Seehunde ein Refugium finden. Die Seehunde werden hier aufgezogen und wieder frei gelassen. Wer sich nicht mehr an das Leben in Freiheit gewöhnen kann, bleibt als Dauergast – derzeit gilt das für eine Gruppe von etwa 20 Seehunden. Aber auch, um Vögel in freier Wildbahn zu erleben, ist Texel ideal: Über 300 Arten können hier beobachtet werden. Diese Vielfalt gibt es vor allem dank der günstigen Lage an der Nordwestküste Europas entlang der Flugbahn vieler Zugvögel. Zur Zugvogel-Hochsaison bevölkern rund 600 Beobachter aus ganz Europa die Insel.

Kein Texel-Besuch wäre komplett ohne einen Abstecher ins Maritiem & Jutters-Museum in Oudeschild. Dort ist Strandgut aller Art ausgestellt: Von Weltraumschrott, Flaschenpost, Schutzhelmen der Arbeiter von Ölbohrinseln, bis hin zu illegaler Fracht wie Drogenlieferungen. Gesammelt von den "Juttern", wie sich die Strandgut-Jäger nennen. Was in alten Zeiten lebensnotwendig war – das angespülte Treibholz wurde zum Häuserbau und zum Heizen genutzt – ist heute für viele Insulaner ein Hobby.

Texel hält den Tourismus überschaubar. 43 000 Betten für Fremde sollen das Maximum bleiben. Zum Vergleich: Auf dem sechsmal kleineren Sylt gibt es fast doppelt so viele Gästebetten.

(Michael Forst)
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