E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 24°C

Fußball: Christian Ehmes ist der außergewöhnlichste Trainer der Region

Von Der Krebs hat der Fußballerlaufbahn von Christian Ehmes ein jähes Ende gesetzt. Inzwischen steht er als Trainer bei seiner Concordia wieder auf dem Platz.
Flott unterwegs: Christian Ehmes auf seiner Sportprothese. Flott unterwegs: Christian Ehmes auf seiner Sportprothese.
Frankfurt. 

Es sei wie ein „Tritt ins Gesicht“ gewesen. Dieser Moment, in dem Christian Ehmes klar wurde, dass er seinen linken Unterschenkel würde opfern müssen, um sein Leben zu retten. „Ich musste mich schnell entscheiden“, erzählt der heute 24-Jährige. Doch eigentlich war es für ihn gar keine Frage: „Ich wollte auf jeden Fall überleben.“ Bereut hat er den Entschluss zur Amputation deshalb nicht. Heute, sagt Ehmes, führe er „ein ganz normales Leben“. Durch die lange Hose, die er im Alltag trägt, bemerkten viele seine Prothese gar nicht. Als kaufmännischer Auszubildender bei der Polizei ist der junge Mann dem Berufsfeld sehr nahe, in dem er früher seine Zukunft sah. Und selbst im Fußball, seiner großen Leidenschaft, ist er als Co-Trainer der Zweiten Mannschaft von Concordia Eschersheim wieder aktiv.

Seit er fünf Jahre alt war, jagte Ehmes gut und gerne dem Ball hinterher. Wie jeder kleine Kicker wollte der Eintracht-Fan „ein großer Star“ werden. Doch schon als Jugendlicher merkte er, dass es dazu nicht reichen würde. Bei der Concordia, zu der er 2009 wechselte, reifte er zum Führungsspieler und Kapitän der A-Jugend, bevor er weiter und bis in die Erste Mannschaft aufstieg. Dann, 2014, leitete ein Bänderriss den Schicksalsschlag in seinem Leben ein. Der verletzte Knöchel wollte einfach nicht heilen, blieb dick und angeschwollen. Im Dezember wurde als Ursache dafür ein bösartiger Tumor festgestellt.

Erst entfernte man Ehmes nur das Fersenbein. Doch das, was vom Fuß übrig blieb, sei schon „wie abgestorben“ gewesen. Zudem schien das Risiko für weitere aktive Tumorzellen zu hoch. So rieten Ärzte zum „kompletten Cut“. Man realisiere das erst im Nachhinein, sagt Ehmes. Dann stehe man trotz Betreuung mit vielen individuellen Problemen allein. So verursachte die erste Alltagsprothese dauerhaft Schmerzen. Eine Youtuberin im Internet schlug vor, das Sanitätshaus zu wechseln. So landete der Frankfurter im eher abseitigen Dieburg bei Prothesentechniker Martin Brehm, der feststellte, dass das Schienbein noch zu lang war, und nach einer entsprechenden Nachamputation ein anderes Modell anpasste.

Mit diesem könnte Ehmes schon mal einer Bahn hinterherrennen, sagt der Experte. Für regelmäßige hohe Belastungen allerdings taugt das künstliche Körperteil nicht. Doch der Sportbegeisterte sehnt sich danach, sich wieder „richtig auspowern“ zu können. Nach fast einem Jahr im Krankenbett fing er erst mit Radfahren an und hat sich bei regelmäßigen Übungseinheiten im Fitnesscenter beeindruckende Muskeln am Oberkörper zugelegt. Doch am besten ins Schwitzen kommt man seiner Meinung nach beim Laufen. Brehm hat sich deshalb um eine spezielle Sportprothese bemüht, eine „Feder“, wie er sagt, auf der sich mit einiger Übung sprinten und springen lässt. Es sei das gleiche Modell wie jenes, das Weitsprung-Paralympicssieger Markus Rehm im Wettkampf verwendet. Normalerweise kostet es 8000 bis 10 000 Euro. Doch einmal im Jahr, erklärt Brehm, spendiere sein Arbeitgeber, das Sanitätshaus Klein, gemeinsam mit dem Hersteller Össur einem Kunden eine solche Anschaffung. „Christian hat mir seine Geschichte erzählt“, begründet Brehm das außergewöhnliche Engagement. „Er muss ja auch als Trainer laufen können.“

Das ist ein weiterer Weg, den Ehmes in diesem etwas anderen Leben eingeschlagen hat. Nachdem es ihm wieder besser ging, besuchte er gemeinsam mit einem Kumpel und früheren Teamkollegen ein Fußballspiel bei der Concordia. Die suchte gerade eine neues Trainerduo für die Zweite Mannschaft, und es dauerte nicht lange, bis Ehmes sich dafür begeistern konnte. Gemeinsam mit Matthias Schmidt betreut er seit Januar das B-Klassen-Team, mit dem Vizemeister wurde und nun in der Relegation um den Aufstieg spielt. Der Rückkehrer genießt es, „wieder voll mittendrin“ zu sein. Selbst einen Trainerschein zu machen, schließt er nicht aus, obgleich er noch nicht wisse, ob das mit seiner Behinderung überhaupt möglich ist.

Schritt für Schritt geht es so voran, erobert Ehmes sich sein Spielfeld. „Ich fühle mich gesund“, betont er. Auch wenn er zweimal im Jahr zur Nachkontrolle müsse und erst nach fünf Jahren als geheilt gilt. Doch er weiß, dass er seine Chance so gut wie möglich nutzt. „Man muss eins mit der Prothese werden und das Beste aus seiner Situation machen“, sagt Ehmes. Nur eine Sache ärgert diesen bemerkenswert optimistischen jungen Mann: Dass die Haare auf seinem Kopf seit dem Ende der Chemotherapie vor zwei Jahren nicht richtig nachgewachsen sind. Aber auch das kann ja noch werden.

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen