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Fußball: „Einfach Frankfurt“ spielt seit vier Jahrzehnten allsonntäglich im Ostpark

1978 fing alles an: Vom Studium gelangweilt und vom Bundesligaskandal inspiriert, schleppte sich eine Truppe von Freitzeitkickern sonntagvormittags in den Ostpark – und kommt seither regelmäßig wieder.
Stammspieler: Seit 40 Jahren kicken diese mittlerweile deutlich gesetzteren Herren im Ostpark. Stammspieler: Seit 40 Jahren kicken diese mittlerweile deutlich gesetzteren Herren im Ostpark.
Frankfurt. 

Gut, auf den ersten Blick wirken sie ja fast „normal“. Eine bunt gemischte Truppe von Fußballbegeisterten jeglichen Alters, unterschiedlichster Herkunft und Gewichtsklasse und balltechnischer Begabung.

Es dauert allerdings, vom in der Regel eine halbe Stunde verspäteten Anpfiff an, keine zehn Minuten, ehe die ganz hohen Maßstäbe über das selbst abgesteckte Feld im Frankfurter Ostpark mehr oder weniger freundlich gesetzt werden: „Wieso spielst du so einen Ball?“, „Guck doch mal auf deine Mitspieler!“, „Kannst du auch mal zurückkommen?“, „Ihr steht zu sechst nur vorne rum!“, „Lauf doch mal!“ und so weiter, bis hin zum „Das macht mir keinen Spaß mehr!“ Letzteres gerne von Leuten, die auch schon wieder zwanzig Jahre Samstag für Samstag nichts Besseres zu tun haben als egal bei welchem Wetter, egal an welchem Feiertag irgendwann vor oder nach drei Uhr nachmittags an der Ostparkstraße einzulaufen. Ob sie nun Johannes, Hans-Peter beziehungsweise nur Hans oder Peter, mehrere Jürgen und Marcos, Herrmann, Rainer, Arpad, Arthur, Angelo oder Abdel heißen: Keiner stört sich daran, dass er dem eigenen hohen Anspruch an gepflegte Doppelpässe und Spielintelligenz kaum (noch) gerecht wird.

Egal, ob die Dynamik nach nunmehr vier Jahrzehnten „Einfach Frankfurt“ doch ein wenig nachgelassen hat und nicht mehr jeder Zweikampf mit den hinzugekommenen Jungen gewonnen wird. Die Neuen bringen es zwar nicht auf diese einzigartige historische Biografie, sorgen dafür aber mit für frisches Blut, Kontinuität, internationales Flair und gute Stimmung beim „Nachspiel“ an der Bank – von Zynikern als Sozialstation bezeichnet, vor allem wenn die Nachbetrachtungen zum eigenen Gekicke und dem der Eintracht sich bei ausreichend Gerstensaft bis in die Dunkelheit hinziehen.

Persönliche und gemeinsam erlebte Schicksalsschläge werden hier auch ein Stück verarbeitet: So auch der tragische Verlust des Kameraden Dieter Gutsche, der im Oktober 2007 für alle unfassbar mit 49 Jahren verstarb. Am Abend vorher hatte er noch bei den „Roten“ in der Alte-Herren-Mannschaft trainiert, für die er früher sogar Oberliga gespielt hatte. Miterlebt hatte er viele Jahre vorher beim letzten ausgetragenen Ostpark-Turnier den Überraschungserfolg: Unter dem Namen „Ostpark Rangers“ wurde das Finale 1:0 gewonnen, daher blieben die Jungs von „Einfach Frankfurt“ bis heute amtierender Ostpark-Meister.

Bei einem Turnier in Oberhessen sollte auf dem Meldebogen der Mannschaftsname angegeben werden. Irgendeiner der Ahnungslosen meinte dann zum Organisator, der solle doch einfach „Frankfurt“ aufschreiben. Der Name hat sich bis heute gehalten und wird mit stolz getragen.

In den Jahren 1978/79 trug es sich zu – so heißt es in der halb-offiziellen Vereinsgeschichte – dass einige Studenten, vom Studium gelangweilt, einen Ausgleich für die schier endlosen Kneipennächte suchten. Vom Bundesligaskandal inspiriert, entsann man sich der eigenen (bislang ungeahnten) Fähigkeiten und fand im Fußballspielen eine sinnvolle Alternative zum drögen Studienalltag. „In Ermangelung eines authentischen Spielplatzes begab man sich zunächst sonntags zu noch nachtschlafender Zeit (11.30 Uhr) in den Ostpark und traktierte die damals noch lederne Kugel, um sie zunächst zwischen jeweils zwei Plastiktüten zu bugsieren und anschließend mittels großer rhetorischer Fähigkeiten wieder rauszudiskutieren.“ Als epochemachend gilt die Entscheidung, „die uns im Prinzip über alle anderen Freizeitkicker Frankfurts erhebt: die Anschaffung von zwei Alu-Toren, die wir nun widerwillig vor und nach dem Spiel schleppen müssen!“.

Über irgendwen erheben will sich freilich keiner von denen, die jetzt schon zehn, zwanzig, dreißig oder wie Abdel und Hannes vierzig Jahre dabei sind: Wenn es irgendwie geht, dürfen auch Neue mitkicken – ein Minimum an sozialer Kompetenz vorausgesetzt oder während der samstäglichen Integrationsarbeit zu erwerben. Einstiegschancen erhöhen sich sowohl mit dieser Bereitschaft als auch mit der zum Tore tragen, Leibchen waschen, bisschen Abwehrarbeit verrichten und gelegentlich einen Kasten Bier spendieren. Ohne falsche Bescheidenheit sehen sich die Ballkünstler von Einfach Frankfurt nach vier Jahrzehnten durchaus als „Perle des Ostparks“.

Am Ende eines langen Ostpark-Sonntags gibt es vermutlich auch zum 40-Jährigen noch ein sogenanntes „Beckerchen“, also ein kleines Zusatzspiel der Unverwüstlichen, die noch immer nicht genug haben. Bei gutem Wetter werden da gegen Abend bereits leicht „angeschickert“ auf kleinem Feld die letzten Reserven im Kampf drei gegen drei bis maximal sechs gegen sechs mobilisiert (ein Spiel geht bis fünf), um anschließend daheim mit Krämpfen in der Wanne zu liegen oder (falls vorhanden) von Ehefrauen in den Senkel gestellt zu werden. Die Herkunft des Namens „Beckerchen“ konnte übrigens nie abschließend geklärt werden. Vermutlich hieß einer der zahllosen Recken mit Nachnamen Becker, die hier über die Jahre am Ball waren.

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