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Im Schatten des Brauseclubs

Vor mehr als 20 Jahren kam er nach Frankfurt und fühlt sich am Main längst zu Hause. Für die Frankfurter Neue Presse berichtet er seit August 2013 über den Kreisliga-Fußball. Im Herzen ist der 44-Jährige aber ein „Chemiker“ geblieben.
Silvio Gießler: Bei ihm stimmt die Chemie. Silvio Gießler: Bei ihm stimmt die Chemie.

Ende der Siebziger war es, als mich mein Vater das erste Mal zu einem Fußballspiel der BSG Chemie Leipzig mitnahm. Der im Stadtteil Leipzig-Leutzsch beheimatete Verein hatte seine großen Zeiten mit zwei Meisterschaften (1951 und 1964), einem Pokalsieg (1966) und darauf folgenden internationalen Auftritten schon lange hinter sich und genoss den Ruf einer Fahrstuhlmannschaft. Aber ich war sofort infiziert und von da an ein stolzer Fan des Underdogs. Trafen sich doch hier jene Leipziger Fußballfans, die mit dem rivalisierenden, politisch geförderten und in den späten Achtzigern auch international recht erfolgreichen 1. FC Lokomotive Leipzig nicht viel anfangen konnten.

Besonders die Ortsderbys, die im damals noch 100 000 Zuschauer fassenden Zentralstadion stattfanden, waren beeindruckend und legendär. Hier prallten unterschiedliche Anschauungen des DDR-Fußballs direkt aufeinander. Zur Wiedervereinigung gab man sich dann einen neuen Anstrich. Um sich mit den großen klangvollen Vereinen messen zu können, die man bisher meist nur aus dem „Westfernsehen“ kannte, wurde aus Lokomotive der VfB Leipzig. Chemie kämpfte als FC Sachsen Leipzig in der letzten DDR-Oberligasaison 1990/91 um einen der begehrten Startplätze für die Erste und Zweite Bundesliga.

Ein Hauch von Profifußball

Jimmy Hartwig auf der Trainerbank der Leutzscher verbreitete schon mal einen Hauch von Profifußball. Der VfB Leipzig qualifizierte sich letztlich für die Zweite Liga. Am Ende der Saison 1992/93 gelang sogar für ein Jahr der Aufstieg in die höchste Spielklasse. Meine „Chemiker“ dagegen patzten vor allem in den beiden Ortsderbys und spielten weiterhin als Amateure in der neuen drittklassigen NOFV-Oberliga. Das erhoffte Kräftemessen im „bezahlten Fußball“ blieb ein schöner Traum.

Im Sommer 1993 verschlug es mich beruflich nach Frankfurt. Hier besuchte ich mit meinem Vater auch mein erstes Bundesliga-Spiel. Die Eintracht gewann mit 2:1 gegen den VfB Leipzig. Der Sieg gegen die Rivalen machte mir meine neue Heimat gleich sympathischer, und ich besuchte von da an öfter das alte Waldstadion. Die gleiche Leidenschaft und Begeisterung, die ich für meinen Heimatverein verspürte, entfachte sich hier aber bei mir dennoch nicht.

Im Leipziger Fußball begannen unterdessen dunkle Kapitel. Beim VfB Leipzig gaben sich namhafte Trainer – unter anderen Tony Woodcock, Gustl Starek, Siggi Held und Dragoslav Stepanovic – sprichwörtlich die Klinke in die Hand, konnten einen Absturz bis in die Vierte Liga jedoch nicht verhindern. Aufgrund von Misswirtschaft meldete der Verein 1999 und 2004 Insolvenz an und wurde 2004 endgültig aus dem Vereinsregister gelöscht. Ehemalige Fans und Verantwortliche gründeten daraufhin den 1. FC Lokomotive neu und starteten in der Zwölften Liga.

Das gleiche Schicksal ereilte den FC Sachsen im Jahr 2001 und 2009. Hier hatten neben einigen zwielichtigen Geschäftemachern auch der ehemalige Eintracht-Präsident Rolf Heller als Vereinsboss und die Trainerlegende Eduard Geyer als Sportdirektor vergeblich versucht, den Verein mit allen Mitteln nach oben zu führen. Ende 2006 verhandelte ein österreichischer Getränkekonzern über die Übernahme und Umbenennung des FC Sachsen, die auch am Protest der Fanszene scheiterte. Die schlechten Erfahrungen der Anhänger von Austria Salzburg dienten da als Abschreckung.

Grün-weißer Neuanfang

Drei Jahre später wurde auf Betreiben dieses Getränkeherstellers der RasenBallsport Leipzig e.V. gegründet und vom Vorortverein SSV Markranstädt die Fußball-Abteilung samt Spielrecht für die Fünfte Liga erworben. Als 2008 das Ende des FC Sachsen absehbar war, beantragte die bereits 1997 zum Schutz der Namensrechte wiedergegründete BSG Chemie Leipzig ein Spielrecht für die dritte Kreisklasse und bot der grün-weißen Anhängerschar die Möglichkeit für einen Neuanfang. Der legitime Nachfolger der alten BSG Chemie spielt mittlerweile in der sechstklassigen Sachsenliga und verpasste in diesem Sommer nur knapp den Aufstieg in die Oberliga Nordost. Dort hätte es im Schatten des Brauseclubs wieder ein traditionelles Derby mit den alten Rivalen vom 1. FC Lok gegeben. Chemie wurde aber am letzten Spieltag noch vom erst vor einem Jahr gegründeten FC International Leipzig abgefangen.

Dieser als Projekt am Reißbrett geplante Verein startete in der Sechsten Liga. Das Spielrecht erlangte man nach dem Vorbild von RB Leipzig durch einen Zusammenschluss mit dem über 100 Kilometer entfernten und insolventen SV See 90. Dass der neue Verein bisher keine taugliche Spielstätte, keine Infrastruktur und nicht die laut Statuten erforderlichen Nachwuchsteams besitzt, spielte bei der Lizenzvergabe durch den Sächsischen Fußball-Verband keine Rolle.

Ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung fahre ich trotz allem immer noch so oft wie möglich zu Spielen von Chemie. Die beiden Leipziger Traditionsvereine finden sich derzeit mit ihren treuesten Anhängern in den unteren Ligen wieder und versuchen, mit Hilfe vieler ehrenamtlicher Unterstützer mühsam ihre Werte zu erhalten, während neue aus wirtschaftlichen Interessen gegründete Clubs mit viel Geld um die Gunst von Konsumenten buhlen.

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