E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 30°C

Unnachahmliche Finten: Abdel wird heute 80

Butterweich kommt die Linksflanke vors Tor, und Abdel nickt den Ball ganz cool unter die Latte – das ist heute schon sein dritter Treffer. „Wieso deckt den schon wieder niemand?“, fragt Hans-Peter (65 Jahre alt, zwei Meter groß), gerade erst ins Tor gewechselt und schon leicht genervt klingend. Es war eben wie so oft leichtsinnig, den vielleicht ältesten Frankfurter Freizeitkicker auf die leichte Schulter zu nehmen. Der seit heute 80-Jährige spielt nicht nur seine ganze Routine aus, sondern sein wirklich beeindruckendes Ballgefühl: „La bonne conduit de balle“, so berichtet Mitspieler Peter (auch 65), nennt das der 1,73 Meter große Filigrantechniker mit algerischen Wurzeln. Hätte irgendeiner eine Liste der Torjäger des Frankfurter Ostparks geführt, der Name Abdel A. stünde mit Sicherheit ganz weit oben. Nachlassende Zweikampfhärte und etwas weniger Tempo kompensiert Abdel, der auch beruflich nicht ans Aufhören denkt, mit unnachahmlichen Finten, Beinschüssen und ungezählten Torabschlüssen. Seine Position vor dem gegnerischen Kasten hält er konsequent, Abwehrarbeit, na ja, das verlangt schon längst keiner der Kumpels mehr – ein Vollblutstürmer eben.

Ein Samstag ohne Ostpark ging für ihn in den letzten vier Jahrzehnten eigentlich gar nicht. Als Straßenfußballer mit damals französischem Pass erlebte er den Widerstand gegen die Kolonialherren, feilte an seiner Technik im Verein von Montand und flüchtete 1960 nach Deutschland, das die algerische Staatsgründung Anfang Juli 1962 unterstützte. Im Frankfurter Ostpark („Hier will ich mal begraben werden“) fand er seit 1978 über die Samstagsgruppe „Ostpark Rangers“ Freunde fürs Kicken – und fürs Leben. Diese holten ihn auch nach dem tragischen Verlust seines Sohnes 1986 (neun Tote bei einem Brandunfall in Bad Nauheim) nach drei Monaten mit viel Engagement „zurück ins Leben“. Es war eine der wenigen Fußball-Auszeiten des früheren Direktors von „Air Algerie“. Inzwischen längst mit doppelter Staatsbürgerschaft, kam er immer wieder zurück, spendierte Merguez-Würstchen oder Datteln aus der anderen Heimat, heimste Anerkennung ein für seine clevere Ballkontrolle und erzählte, wie sehr er seine „Ostpark-Freunde“ vermisst hatte.

Seine Wohnung im nahen Offenbach hatte er ohnehin nie aufgegeben. Zu sehr schlug Abdels Herz halt für den Ostpark und „seine“ Fußballer – und das beruht bis heute auf Gegenseitigkeit.

( pr)
Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen