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„So allein war ich noch nie“

Nach 18 Triathlon-„Ironman“-Wettkämpfen, davon vier auf Hawaii, hat sich der Hadamarer Dieter Metz für eine andere Extremsportart entschieden. Er startete im Drei-Länder-Eck Italien/Schweiz/Frankreich beim sogenannten „CCC“ – für die Alpen-Orte Chamonix, Courmayeur und Champex-Lac. Dieter Metz erzählt seine Geschichte.
So viel Zeit muss sein: Ein Selfie von Dieter Metz vor der atemberaubenden Kulisse der Alpen im Mont-Blanc-Gebiet. So viel Zeit muss sein: Ein Selfie von Dieter Metz vor der atemberaubenden Kulisse der Alpen im Mont-Blanc-Gebiet.
Hadamar/Chamonix. 

„Der Höhepunkt meiner Trailrunning-Saison. Die Vorbereitungsrennen im Juli am Eiger mit 51 km und 3200 Höhenmetern sowie im Walsertal mit 65 km und 4200 Metern hatte ich erfolgreich absolviert. Die Umschulung vom Triathleten zum Trailläufer schien geschafft. Also auf nach Chamonix zum ,CCC’; steht für Courmayeur (Startort in Italien), Champex-Lac (Durchlauf bei km 55 in der Schweiz), Chamonix (Zielort in Frankreich). Die Strecke verläuft eine halbe Runde um den Mont Blanc mit einer Länge von 101 km und 6000 Höhenmeter.

Eine Woche vor dem Start drohte allerdings Ungemach, denn die Wettervorhersage schwankte zwischen Dauerregen und Schneefall. Stimmung und Motivation sanken ins Bodenlose. Für den Tag des Rennens wurde aber trockenes, wenn auch kühles Wetter prognostiziert. Morgens ging’s mit dem Shuttlebus durch den Mont-Blanc-Tunnel nach Courmayeur. Auf der italienischen Seite angekommen, waren tatsächlich Wolkenlücken zu entdecken. Rechtzeitig stand ich im ersten Startblock. Nach den Nationalhymnen der drei beteiligten Länder wurden wir darauf hingewiesen, dass wir oben mit Temperaturen von drei Grad zu rechnen hätten. Start um Punkt 9 Uhr.

Es ging direkt bergan. Den Gipfel „Tete de la Trenche“ erreichte ich nach 1:50 Stunden und lag deutlich unter meiner Marschtabelle, die auf 17 Stunden ausgelegt war. Nun ging es bei bestem Wetter 500 Höhenmeter bergab und nach 15 km zur ersten Verpflegung „Refuge Bertone“. Bei km 27 erreichte ich Arnouvaz nach 3:50 Stunden. Dann der nächste steile Aufstieg zum 2500 Meter hohen „Grand Col Ferret“. Ich fühlte mich super und bereit für den langen „Downhill“ nach La Fouly. Dort erwartete mich erstmals mein Unterstützerteam: Eggord sowie ihre und meine Mutter (Friedel Metz). Wahrscheinlich der Vorfreude geschuldet, stolperte ich kurz vor La Fouly und machte eine Bauchlandung. Der Verschluss meiner Wasserflasche bohrte sich in meine Brust und sorgte für eine gepflegte Rippenprellung. Aufgerappelt und weitergelaufen, nahmen die Schmerzen beim Atmen bald ein erträgliches Mass an. Bei km 41 lag ich mit 5:48 Stunden bereits 30 Minuten vor dem Zeitplan.

Suppe reingeschüttet

Nächste Verpflegungsstation bei km 55 in Champex-Lac. Da es mir sehr gut ging, änderte ich die Strategie, um so viele Kilometer wie möglich bei Tageslicht zurücklegen zu können. Also schnell was getrunken, eine Nudelsuppe reingeschüttet und weiter. Mittlerweile hatte es zu regnen begonnen. Noch drei lange Anstiege. Der erste Buckel war kein Problem. Ich erreichte die Verpflegung in Trient bei km 72 nach 9:38 Stunden – vom Regen völlig durchnässt. Nach 20 Metern Schüttelfrost – Mist. Also zurück ins Zelt, trockene Klamotten anziehen und wieder raus. Dieser vorletzte lange Anstieg hatte es in sich, super steil, selbst Vollgas führte nur zu langsamem Gehen. Irgendwann war ich endlich oben, und es ging in tiefem Matsch glitschig wieder bergab. Kurz vor Vallorcine: Stirnlampe auspacken. Wieder Schüttelfrost. Mit klappernden Zähnen half es nur, Gas zu geben, und bald war mir wieder warm. Die Verpflegungsstation Valorcine bei km 83 hatte ich nach 11:45 Stunden verlassen. Noch 18 km bis ins Ziel. Was jetzt kam, war etwas unerwartet: Im strömenden Regen ging es in technisch schwierigstem Gelände zwei bis drei Kilometer bergab. Pro Kilometer benötigte ich 15 bis 18 Minuten! Einmal rutschte ich aus und musste mich mit der linken Hand abfangen, wobei die geprellte Rippe „aufschrie“. Also am besten noch vorsichtiger weiter. Eine Handvoll Läufer überholte mich, dann war ich alleine. Es ging quer zum Hang auf unwegsamstem Gelände. Lediglich das Vibrieren meiner Uhr ließ mich spüren, dass wieder ein Kilometer geschafft war. Außer zwei Fröschen begegnete ich niemandem mehr – so allein war ich noch nie.

Der einzige Fehler

Endlich kam ich zum letzten Anstieg. Gehend überholte ich ein paar Konkurrenten. Oben auf knapp 2000 Metern angekommen, waren es nur noch 8 km bergab ins Ziel – und hier machte ich den einzigen wirklichen Fehler: Statt das unbeheizte, drei Grad kalte Zelt durchzulaufen und mich direkt in den Abstieg zu begeben, hielt ich an, um eine Suppe zu schlürfen. Nach einer Minute kam der Schüttelfrost, jetzt ging erstmal nichts mehr. Drei Helferinnen umsorgten mich, zogen mir die trockene Kleidung von meiner Pflichtausrüstung an, hängten mir die Rettungsdecke um und stellten heißes Wasser drunter. Nach 20 Minuten hörte das Zittern auf, und ich versicherte dem hinzugezogenen Arzt, ich müsste nur weiterlaufen dann würde mir wieder warm. Den Rucksack zog ich über die goldene Rettungsdecke und verließ das Zelt. Der letzte Wurzeltrail führte mich nach Chamonix.

Nach Mitternacht erwarteten mich meine Lieben im Ziel. Schnell ab in die Badewanne im Hotel, wo mir Eggord ein kühles Bier servierte: Dass es so was Gutes gibt . . .

Die Endzeit von 15:42 Stunden reichte zu Gesamtplatz 164 unter fast 2000 Startern, Platz fünf in der AK50 und – Trommelwirbel – kein Deutscher war vor mir! Schnellster Mann war übrigens Hayden Hawks (USA) in unfassbaren 10:24.“

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