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Laufen: Frank Wiegand meistert das Abenteuer Mauerweglauf

Im vergangenen Jahr absolvierte Frank Wiegand den Deutschland-Lauf in einer guten Woche. Nun stellte er sich einer neuen Herausforderung, die viele Erinnerungen aus der Kindheit erweckten.
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Kelkheim. 

Der Läufer von Passtschon 98 wagte ein neues Abenteuer. Da seine Mutter in Westberlin aufgewachsen war und er viel Zeit bei seinen Großeltern verbracht hatte, bot sich der Mauerweglauf an. „Allerdings waren amerikanische 100 Meilen für mich eine riesige Herausforderung. Ich bin noch nie in meinem Leben so eine unfassbar lange Strecke gelaufen.“

Erinnerungen

Der zweite Platz im März bei den deutschen Meisterschaften über 100 Kilometer und seine Ehefrau ermutigten ihn, dieses Abenteuer zu wagen. In diesem Jahr war der Lauf einem damals zehnjährigen Jungen gewidmet, der im Grenzbereich von einem Wachsoldaten erschossen worden war. „Es waren auch Angehörige von ihm da. In jedem Jahr suchen sich die Organisatoren ein anderes Opfer aus“, erklärte Wiegand, „ich fand schön, dass diesen Leuten gedacht wird“.

Auf der Strecke durch die Stadt waren die Läufer nach dem Start um 6 Uhr angehalten, an den roten Ampeln stehen zu bleiben. „Das Vorderfeld zog sich wie eine Ziehharmonika auseinander und wieder zusammen. Dem Weltklasse-Läufer Stephan Ruel wurde diese Regel zum Verhängnis, so dass er disqualifiziert wurde“, erklärte Wiegand, der die Spitzengruppe auch erst einmal nach zehn Kilometern verlor. „Unser erster Verpflegungspunkt war der Checkpoint Charlie. Es waren noch nicht viele Leute da, aber es war für mich schon etwas Besonderes, durch dieses Museum zu laufen“, beschrieb Wiegand seine Gefühle.

Zwei Stürze

Nach 60 Kilometern bei angenehmen 23 bis 25 Grad folgte für Wiegand aber der erste Dämpfer: „Ich hakte mit der linken Fußspitze an einer hochstehenden Steinplatte ein und legte mich lang hin. Ellenbogen und Hände offen, Schulter geprellt“, fasste er die Folgen eines kurzen Moments der Unkonzentriertheit zusammen. Zehn Kilometer später passierte ihm das Gleiche noch einmal. Danach aber erholte er sich von seinen Schrammen und fand immer besser seinen Rhythmus. Durch den Grunewald entlang dem Wannsee ging es weiter zur berühmten Glienicker Brücke nach Potsdam zum schönen Schloss Sanssouci. Auf den herrlichen Parkanlagen wurden die Läufer Zeuge einer Hochzeitsfeier.

Nach 93 Kilometern machte er eine Pause in einem Schloss mitten im Wald. Er bekommt seinen zweiten Dropbag, zieht sich um und verpflegt sich. Nun merkte er auch die Anstrengung. „Ich spürte langsam die hohe Belastung, da ich vorher noch nie über 100 Kilometer gelaufen war.“ Er lag zu diesem Zeitpunkt immer noch eine Stunde unter seinem Plan, in 16:47 Stunden das Ziel zu erreichen. Damit hätte er sich endgültig für den Spartathlon qualifiziert, den der Sulzbacher Julian Reus vor drei Jahren gewonnen hatte, als er im gleichen Jahr Ultralauf-Weltmeister wurde. „Das ist der renommierteste Lauf, der von Athen nach Sparta über eine Distanz von 248 Kilometer führt“, erklärt Wiegand.

Für Wiegand ging es weiter am Glienicker See vorbei, in dem er als Kind gebadet hatte. „In der Mitte des Sees markierten Bojen damals die Staatsgrenze. Die Wachtürme und die Mauer auf der anderen Seeseite waren damals beängstigend. Einen Steinwurf entfernt an der Havel in Kladow hat mir mein Opa das Angeln beigebracht“, lässt der Kelkheimer seinen Erinnerungen freien Lauf.

Zieleinlauf mit Frau

Sein dritter Dropback nach 128 Kilometern nutzte er, um Schuhe, Socken und seine defekte Uhr zu wechseln. Drei Kilometer später kam ihm dann seine Frau Anna entgegen, die ihn unterstützte und ablenkte. Nach 145 Kilometern sahen beide zusammen in der Abendsonne die Stadt liegen. „Die letzten Kilometer waren hart. Schlechte Wege, Verkehr, Ampeln und beinahe ein weiterer Sturz, bei dem ich mir den Nagel des großen linken Zehs ruiniert habe“, berichtete Wiegand, der dennoch durchlief, nur an den Verpflegungsstationen einen Stop einlegte, um seine Verpflegung aufzufüllen. Gegen wunde Stellen verwendete er Hirschtalg, um Blasen zu verhindern, die ein Weiterlaufen unmöglich machen würden. Nach unfassbaren 15:25 Stunden hatte er um 21.25 Uhr das Ziel erreicht. „Ich war Fünfter in der Gesamtwertung und Zweiter in meiner Altersklasse. Ich habe meine Grenzen neu definieren können. 30 Kilometer vor dem Ziel weißt du ja nicht, ob du es wirklich schaffst“, erklärte Wiegand, „zwei Tage später bin ich immer noch am Ende. Mein Körper ist ein einziger Schmerz“.

Keine lange Pause

Das heißt aber nicht, dass der Kelkheimer schon Pläne für die Zukunft hat. Im September geht er den Schwarzwaldlauf an, der an fünf Tagen über 260 Kilometer führt. „Ich mache das für Ingo Schulze, der ihn zum letzten Mal organisiert. Danach starte ich beim Frankfurt-Marathon, wo wir vielleicht mit dem Verein mal wieder einen Titel holen können“, erklärte Wiegand. Ob er sich wirklich den Spartathlon geben will, entscheidet er bis Januar: „Das sind noch einmal über 80 Kilometer mehr. Da muss ich mal in mich gehen. Aber ich habe ja noch Zeit“, erklärte er mit Blick auf den Lauf, der Anfang September starten wird.

(vho)

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