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100 Gramm, die leben wollen

Von „Tausendschön“ heißt das 1000. Baby, das in diesen Tagen in einer der 20 Pflegestellen der Katzenbabyrettung aufgenommen wurde. Judith Bohrisch-Huwald in Weilmünster ist die einzige Pflegestelle im Kreis Limburg-Weilburg. Seit Mitte August rauben ihr vier Racker den Schlaf.
Judith Bohrisch-Huwald mit einer ihrer vier Pflegekatzen auf der Schulter. Tag und Nacht hat sie sich um sie gekümmert.
Marburg/Weilmünster. 

Judith Bohrisch-Huwald öffnet vorsichtig die Tür zum Gästezimmer und zwängt sich durch den Spalt. Aufpassen, dass keiner rausläuft. Die vier Gäste dort sind zwar in den sechs Wochen bei ihr schon groß und kräftig geworden, aber im ganzen Haus herumtollen dürfen sie noch nicht.

Edmund, Aslan, Peter und Helene nehmen Vorlieb mit dem Spielzimmer, kugeln im Rascheltunnel herum, springen auf dem Sofa übereinander her, raufen und balgen sich, klettern am Bein ihrer „Mama“ noch oben und machen es sich auf ihrer Schulter bequem. Ihre wahre Mama haben sie kaum gekannt. Deren Besitzer ist ausgewandert und hatte sie draußen zurückgelassen. Dann kamen die Babys zur Welt und saßen ihrerseits plötzlich ohne Mutter da. „Wenn die Mutter am Verhungern ist, dann lässt sie ihre Kinder im Stich. Ihr eigenes Leben geht vor“, erklärt die Expertin. Nachbarn haben die Katzenbabyrettung Mittelhessen informiert. „Da können sie nicht warten, sonst sterben die Katzenbabies“, erklärt die Pflegemutter. Alleine können die kleinen Katzen ihre Körpertemperatur nicht halten.

Judith Bohrisch-Huwald stellt den Vier ein Tellerchen Futter hin. Die Flasche brauchen sie nicht mehr. Tapsig machen sich die kleinen Kerlchen darüber her. In der Zwischenzeit checkt Judith Bohrisch-Huwald die Lage. Katzentoilette säubern, Kissen aufschütteln, vielleicht doch nochmal ein Wärmekissen reinlegen, mal einen Blick auf Augen, Ohren und Bauch ihrer Findelkinder werfen. Alles in Ordnung. Die Pflegemama ist entspannt. Das Schlimmste ist längst überstanden.

Als die Katzenkinder bei ihr ankamen, herrschte ein anderer Rhythmus. Alle zwei Stunden brauchen sie die Flasche, egal ob es Tag oder Nacht ist. Der Wecker klingelt. Meist ist es mit dem Fläschchen nicht getan. Die Katzenbabies, die ankommen, bedürfen intensiver Pflege. Ihre vier Kleinen wogen um die 100 Gramm. Mit dem neunfachen Gewicht wird sie sie an ihr neues „Für-immer-Zuhause“ abgeben. Die Findelkinder sind meistens schwer krank. „Sie haben Schnupfen, entzündete Augen, Durchfall, Ohrmilben, Flöhe, die zu Blutarmut führen können, Fieber, Flüssigkeitsmangel . . .“ Alles schwer zu verkraften für solch kleine Körper. Für alle steht die Entscheidung „Tod oder Leben?“ an.

Sicher ist: Wenn man sich nicht um sie kümmert, verenden sie elendig. 90 Prozent der Tiere bei der Rettungsorganisation kommen durch. Schafft ein Kleines es nicht, dann fließen Tränen. „Das ist sehr hart. Man muss auch wissen, wann man sie gehen lassen muss, über die Regenbogenbrücke. So nah liegen Freud und Leid beieinander“, sagt Bohrisch-Huwald und wedelt mit dem Federbüschel über den Köpfen der neugierigen Rasselbande. Spielen macht Spaß.

Zum dritten Mal in diesem Jahr hat Judith-Bohrisch als eine von 20. Pflegestellen der Katzenbabyrettung in Hessen Kitten aufgenommen. „Die Aufzucht der Babies gehört in erfahrene Hände“, sagt sie. Alle Pfleger wurden tierärztlich geschult. Es gibt Inkubatoren und Notfallkoffer.

Laien machten oft tödliche Fehler. Viele wissen nicht einmal, dass junge Kätzchen sich ihres Stuhls und Urins nicht alleine entledigen können. Darum kümmert sich die Katzenmuter. Fehlt die, muss der Mensch den Kleinen mit Massage helfen oder das Tier gerät in Lebensgefahr.

„Tausendschön ist so ein Fall. Als sie in diesen Tagen ankam, stand ihr After weit offen, das Tier war abgemagert, fraß nicht mehr, wog nur wenige Gramm. Der Darm war verstopft. Höchste Eisenbahn. Tierarzteinsatz, Intensivmedizin, Medikament – schließlich durchgekommen. „Tausendschön“ haben die Retter das Kätzchen genannt, weil es das 1000. Findelkind der Katzenbabyrettung ist.

Edmund, Aslan, Peter und Helene geht vom Herumtollen die Puste aus. Peter hat es sich auf dem Schoß seines Pflegefrauchens bequem gemacht und legt das Köpfchen auf die winzigen Pfoten. „Es rufen Leute an und sagen: Ich habe hier Katzenwelpen. Wenn Sie sie nicht abholen, dann werfe ich sie gegen die Wand“, schildert Judith Bohrisch-Huwald.

Den Menschen seien die Katzenbabies zu viel, aber sie kümmerten sich auch nicht darum, ihre erwachsenen Tiere kastrieren zu lassen. „Das ist Desinteresse, oft wird das Geld als Grund vorgeschoben“, so Bohrisch-Huwald. Aber selbst wenn die Kosten in Höhe von etwa 100 Euro übernommen werden, kümmerten die Leute sich nicht. Das kann schlimme Folgen haben. Im vergangenen Jahr sorgte „Keinöhrchen“ für Furore und wurde zum Gesicht der Katzenbabyrettung. Ein Kätzchen, kaum 50 Gramms schwer, dem nur ein Ohr gewachsen war. Was die Fangegemeinde des Vereins niedlich fand, war das Ergebnis von Inzucht, „Mein Vater war mein Onkel“, lässt die Katzenbabyrettung „Keinöhrchen“ in einem Youtube-Film erzählen, um zu sensibilisieren.

„Unser Ziel ist, dass wir überflüssig sind“, sagt Judith Bohrisch-Huwald leise. Jeder, der ein Kätzchen übernimmt, muss es später kastrieren lassen. „Ich finde, wir haben die Verantwortung, uns darum zu kümmern. Das sind domestizierte Tiere. Das sind wir ihnen schuldig.“ Aslan, Peter, Helene und Edmund haben sich auf Kissen zusammengerollt und schlafen. Judith Bohrisch-Huwald schleicht sich aus dem Zimmer.

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