Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Hessen wird 70: 70 Jahre hessische Verhältnisse

Von Vor 70 Jahren wählten die Hessen ihren Landtag und stimmten über ihre Verfassung ab. Das von der amerikanischen Besatzungsmacht nach dem Zweiten Weltkrieg neu geschaffene Bundesland Hessen hat in sieben Jahrzehnten eine spannende politische Entwicklung erlebt und immer wieder deutschlandweite Schlagzeilen produziert - Hessen, das "Politiklabor der Republik".
Hessen wird 70!

Als aus „Groß-Hessen“ nur noch „Hessen“ wurde, war dies keinesfalls ein Abstieg oder Rückschritt. Im Gegenteil, als „Hessen“ wurde das neu gegründete Bundesland erst so richtig groß. Die Wirtschaft stark, die politische Landschaft schillernd, die Frankfurter Häuser hoch, der Flughafen bedeutend.

Der Wegfall der Vorsilbe „Groß“ war vielmehr das selbstbewusste Zeichen einer neuen demokratischen Kultur. Am 1. Dezember 1946 wurde der erste hessische Landtag gewählt, die Landesverfassung verabschiedet, der Name „Hessen“ beschlossen. „Groß-Hessen“ entstammte der berühmten „Proklamation Nr. 2“ des US-Generals Dwight D. Eisenhower mit der er sich „an das deutsche Volk in der amerikanischen Zone“ wandte und die Bildung der drei Staaten Groß-Hessen, Württemberg-Baden und Bayern verkündete.

Das war am 19. September 1945. Vergangenes Jahr also 70 Jahre Groß-Hessen, am Donnerstag 70 Jahre Hessen. Die Grenzen sind die gleichen: Das Landesgebiet umfasst die ehemaligen Regionen Kurhessen und Nassau, Hessen-Starkenburg, Oberhessen und den östlich des Rheins gelegenen Teil von Rheinhessen.

70 Jahre Hessen Von den Chatten zu den Hessen

Auch wenn es gar nicht wirklich ähnlich klingt, der Begriff „Hessen“ ist von den „Chatten“ abgeleitet, ein germanischer Volksstamm, der vor rund 2000 Jahren im Bereich des heutigen Nord- und Mittelhessen siedelte.

clearing

Der erste Ministerpräsident Hessens war ebenfalls noch von der Siegermacht USA bestimmt: Der parteilose Jura-Professor Karl Geiler bestimmte die Geschicke des Landes von Oktober 1945 bis Januar 1947. Auch sein Kabinett wurde mit von der Militärregierung ausgesuchten Fachleuten beschickt.

Der erste vom Volk gewählte Ministerpräsident wurde Christian Stock, der als Sieger aus der Premieren-Landtagswahl im Dezember 1946 hervorging. Er regierte von Januar 1947 bis Januar 1951. Der Sozialdemokrat Stock sollte eine 40 Jahre währende SPD-Vorherrschaft einläuten, die es so in keinem anderen Flächenland gab. Eine der vielen Besonderheiten der hessischen Politik – weitere werden folgen.

Zinn und der Hessentag

Georg August Zinn Bild-Zoom Foto: Alois_Bankhardt (dpa)
Der Ewige: Georg August Zinn war von 1950 bis 1969 hessischer Ministerpräsident und formulierte den berühmten Satz: "Hesse ist, wer Hesse sein will."
Auf Stock folgte der „Übervater“ der Landespolitik, der legendäre Georg August Zinn, der von Januar 1951 bis Oktober 1969 regierte und zu der Integrationsfigur des Landes wurde. Er war es, der den Hessentag einführte, um eine identifikationsstiftende Veranstaltung zu schaffen und die Menschen aus allen Teilen des künstlich geschaffenen Bundeslandes und eine Million Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten zu einer Nation zu formen. „Hesse ist, wer Hesse sein will“, lautete Zinns geflügeltes Wort, das in diesen Tagen des massiven Flüchtlingszustroms aktueller ist denn je.

Mit Zinns Nachfolger Albert Osswald ging 1970 die absolute Mehrheit für die SPD im Land verloren, er musste eine Koalition mit der FDP eingehen. Osswald war weniger Visionär als Verwalter und stolperte schließlich über Milliardenverluste bei der Hessischen Landesbank und erklärte im Oktober 1976 seinen Rücktritt.

Es folgte Holger Börner und damit das von Oktober 1976 bis April 1987 sicher spektakulärste Jahrzehnt der hessischen Politik. Der provozierende Einzug der neu gegründeten Grünen in den Landtag im Jahr 1982, schließlich das Bündnis mit der Ökopartei, das Börner eigentlich absolut nicht wollte, aber 1985 zur ersten rot-grünen Koalition auf Landesebene in Deutschland führte und die Vereidigung Joschka Fischers als ersten grünen Minister. In weißen Turnschuhen – ein Bild, das durch die gesamte Republik ging.
Bild-Zoom Foto: dpa
Der Turnschuh-Minister: SPD-Ministerpräsident Holger Börner (l.) vereidigt 1985 den Grünen Joschka Fischer als Umweltminister.
Zuvor die „hessischen Verhältnisse“, ein weiteres geflügeltes Wort, das viele Jahre später Renaissance feiern sollte. Ein Begriff für unklare politische Verhältnisse: 1982 erreichten weder SPD noch CDU eine Mehrheit bei den Landtagswahlen, die FDP flog aus dem Landtag. Da Börner ja zunächst nicht mit den Grünen zusammenarbeiten wollte, bestimmte er bis zu den Neuwahlen im Jahr 1983 für 19 Monate mit einer geschäftsführenden Regierung die Geschicke des Landes.

Gleichzeitig war Hessen ständig in den Schlagzeilen wegen des Baus der Startbahn West am Frankfurter Flughafen und der damit verbundenen Großdemonstrationen und gewalttätigen Auseinandersetzungen. Streit um das Kernkraftwerk Biblis und die geplante Plutoniumfabrik in Hanau. Zuvor in den frühern 70ern bereits der „Frankfurter Häuserkampf“. Hessen – scheinbar die Krawallbude der Nation.

70 Jahre Hessen Drei Gedanken zu . . .

Karlheinz Weimar ist mit 36 Jahren einer der langjährigsten Abgeordneten im hessischen Landtag. Von 1978 bis 2014 vertrat er für die CDU seinen Wahlkreis Limburg-Weilburg II in Wiesbaden.

clearing

Das „rote Hessen“

Als Umweltminister Fischer die Betriebsgenehmigung für die Plutoniumfabrik verweigerte, zerbrach im Februar 1987 Rot-Grün. Die vorgezogenen Neuwahlen brachten eine knappe Mehrheit für CDU und FDP mit der Folge, dass mit Walter Wallmann nach 40 Jahren erstmals ein CDU-Ministerpräsident in die Staatskanzlei einzog.

Doch das „rote Hessen“ hatte nur einen kurzen Kollaps erlitten, nach nur einer unionsgeführten Amtszeit lebte es wieder auf: Hans Eichel holte Hessen im April 1991 für die SPD zurück und regierte wieder mit den Grünen, die inzwischen salonfähig geworden waren.

Roland Koch Bild-Zoom Foto: Stephanie_Pilick (dpa)
Der Brutalstmögliche: Mit einer Anti-Doppelpass-Kampagne ins Amt gelangt, holte Roland Koch 2003 sogar die absolute Mehrheit für die CDU.

Bei Eichels dritter Kandidatur im Jahre 1999 kam es allerdings anders als erwartet: Ein nassforscher Roland Koch fegte mit Hilfe der von vielen als ausländerfeindlich angesehenen Anti-Doppelpass-Kampagne Eichel aus dem Amt. Doch schon bald nach seiner Wahl drohte Koch wegen der Parteispendenaffäre der Hessen-CDU schon wieder das Ende als Ministerpräsident. Versprach Koch zunächst die sprichwörtlich gewordene „brutalstmögliche Aufklärung“ zu den vermeintlichen „jüdischen Vermächtnissen“, musste er kurz darauf die „Sternsingerlüge“ eingestehen: die zuvor verschwiegene unrechtmäßige Rückdatierung eines Darlehens. Trotz aller Empörung und Rücktrittsforderungen hielt die FDP zu ihm – Koch blieb im Amt. Seitdem ist Hessen fest in CDU-Hand. Koch konnte 2003 sogar noch einen Sensationssieg feiern, in dem er die absolute Mehrheit für seine Partei holte.

Bilderstrecke Hessische Momente: Das Beste aus unserem Bundesland
"Ich kenne ein Land, so reich und so schön, voll goldener Ähren die Felder", heißt es im Hessenlied. Zum 70. Geburtstag zeigen wir unser Bundeslandes von seiner besten Seite. Das ist natürlich auch ein sprichwörtliches "Fass ohne Boden". Wo fängt man an, wo hört man auf? 

<br><br><b>Deshalb unser Aufruf an Sie: <a href="mailto:online@fnp.de?subject=Mein%20schönster%20Hessenmoment">Schicken Sie uns Ihre schönsten Hessenmomente als Bild per Mail an online@fnp.de!</a> Wir sammeln Ihre Einsendung hier in uinserer Galerie.</b>Am 15. Juli 1955 fand zum ersten Mal die documenta in Kassel statt. Heute gilt sie als weltweit bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst.

<br><br><b>Was macht Hessen aus? <a href="mailto:online@fnp.de?subject=Mein%20schönster%20Hessenmoment">Schicken Sie uns Ihre schönsten Hessenmomente als Bild per Mail an online@fnp.de!</a></b>Der US-amerikanische Rock-'n'-Roll-Sänger Elvis Presley leistete zur Freude seiner deutschen Fans seinen Militärdienst in der US-Army in Friedberg.<br><br><b>Was macht Hessen aus? <a href="mailto:online@fnp.de?subject=Mein%20schönster%20Hessenmoment">Schicken Sie uns Ihre schönsten Hessenmomente als Bild per Mail an online@fnp.de!</a></b>

Im Januar 2008 schaffte es die SPD-Frau Andrea Ypsilanti beinahe Koch zu schlagen. Aber nur fast. Es langte ganz knapp nicht für Rot-Grün und mit den neu in den Landtag eingezogenen Linken hatte Ypsilanti im Wahlkampf wieder und wieder eine Koalition ausgeschlossen. Noch wollte sie nicht wortbrüchig werden. Also brachen die zweiten „hessischen Verhältnisse“ an, Koch machte wie einst Börner mit einer geschäftsführenden Regierung weiter.

SPD Parteitag Hessen - Ypsilanti Bild-Zoom Foto: Boris Roessler (dpa)
Die Gescheiterte: Vier SPD-"Rebellen" machten 2008 den Traum der damaligen SPD-Chefin Andrea Ypsilanti zunichte, Ministerpräsidentin zu werden.
Ypsilanti knickte schließlich doch ein und unternahm zwei Anläufe zur Bildung einer rot-grünen Koalition mit Duldung der Linken. Sie scheiterte beide Male, im Oktober 2008 besonders dramatisch, als vier SPD-Abweichler ihr einen Tag vor der geplanten Wahl zur Ministerpräsidenten in einer legendären Pressekonferenz die Gefolgschaft verweigerten.

Folgerichtig löste sich der Landtag im November 2008 auf, die Neuwahl im Januar 2009 entschieden CDU und FDP für sich. Doch damit war nach einer Amtsperiode wieder Schluss. Bei der Landtagswahl im September 2013 brach die FDP gewaltig ein, auch die Grünen verzeichneten hohe Verluste, die Linken schafften erneut den Einzug in den Landtag – wieder keine Mehrheit für die Blöcke Schwarz-Gelb oder Rot-Grün. Doch dieses Mal folgten keine „hessischen Verhältnisse“, keine geschäftsführende Regierung, nein, das Unglaubliche geschah: Die sich zuvor in inniger Feindschaft verbundenen CDU und Grüne schmiedeten die erste schwarz-grüne Koalition in einem Flächenland. Natürlich in ganz Deutschland aufmerksam beobachtet, häufig als Blaupause für eine ebensolche Koalition im Bund empfohlen. Hessen – im Produzieren politischer Schlagzeilen weiterhin ganz groß.

Zur Startseite Mehr aus Rhein-Main & Hessen

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse