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Rollhacke statt Glyphosat: Agrar Winzer testen schonenden Pflanzenschutz durch mechanische Mittel

Wie kann der Einsatz von chemischen Keulen gegen Schädlinge und Unkraut im Weinberg verringert werden? – Das testen Rheingauer Winzer. Sie setzen dabei auf die Hilfe von Mulcher, Krümelkopf und Stockbürste.
Winzer testen schonenden Pflanzenschutz Foto: Andrea Löbbecke (dpa) Ein Kombigerät aus Fingerhacke und Rollhacke wird im Kampf gegen Unkraut mit einem Traktor durch einen Weinberg bei Geisenheim gefahren.
Geisenheim. 

Mit einer großen Staubwolke im Schlepptau kämpft sich der Weinbergtraktor durch eine Rebzeile im Rheingau. An seinem Heck beackern gleich mehrere mechanische Rollen und Hacken den Boden, sie sparen dabei die empfindlichen Weinstöcke aus. Hinter dem Trecker gleicht der Weinberg einem frisch gejäteten Beet. Kein Unkraut mehr zu sehen – ganz ohne Gift.

Der Traktor ist im Auftrag der Wissenschaft unterwegs. Denn im Rheingau testen Winzer, wie sie mit neuen mechanischen Arbeitsschritten den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verringern können – möglichst ohne Abstriche beim Ertrag und bei der Qualität.

Sie montieren dafür teils abenteuerlich anmutende Gerätschaften an ihre Traktoren, darunter den Krümelkopf, ein eher flaches Gerät, das auch den Boden auflockert. Oder aber die Überzeilen-Stockbürste, die dem ungeliebten Kraut von oben zu Leibe rückt und daher gut in steilen Hängen eingesetzt werden kann. Der Unterstockmulcher zerkleinert die ausgerupften Pflanzen – sie bleiben als natürlicher Dünger liegen.

Die drei Rheingauer Weingüter Paul Laquai (Lorch), Josef Schönleber (Oestrich-Winkel) und Prinz von Hessen (Geisenheim) beteiligen sich an einem bundesweiten Modellprojekt, das seit 2011 läuft und in diesem Jahr abgeschlossen wird. Knapp 70 Betriebe machen mit, darunter auch Acker-, Gemüse- und Hopfenbauern.

Hinter dem Projekt steckt ein „Nationaler Aktionsplan“, laut dem die EU-Mitgliedsländer die Risiken durch Pflanzenschutzmittel reduzieren wollen. Insbesondere soll der Einsatz chemischer Stoffe auf das notwendige Maß begrenzt werden. Wissenschaftlich begleitet wird das Ganze in Deutschland vom Julius Kühn Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen.

Größtes Einsparungspotenzial gebe es bei der Reduzierung von Unkrautvernichtern, resümiert der Projektleiter beim Regierungspräsidium Darmstadt, Bernd Neckerauer. Und gerade im Kampf gegen Unkraut werden Alternativen zur Chemie dringend gesucht. Das Pflanzenschutzmittel „Basta“ sei bereits passé, eine weitere langfristige Zulassung für „Glyphosat“ fraglich, sagt Neckerauer. „Bislang gibt es keine geeigneten Nachfolger für diese Substanzen.“

Auch wenn es teils gute Erfolge beim mechanischen Jäten gebe: „Das Projekt hat auch klar gezeigt, dass wir mit der heutigen Technik noch nicht ganz auf Herbizide verzichten können“, sagt Neckerauer. Als Beispiel nennt er das Jahr 2017. Erst habe es mit dem Jäten gut geklappt, nach einer Regenperiode und starkem Wachstum kamen die Geräte an ihre Grenzen. Und Handarbeit im Weinberg ist nicht nur teuer, sondern würde auch oft zu lange dauern.

Ein Baustein

Aber das mechanische Jäten sei „ein Baustein für die Gesunderhaltung der Reben“, sagt Winzer Michael Schönleber. „Es ersetzt die Herbizide nicht.“ Zwar spare der Betrieb bei den Spritzmitteln, allerdings entständen Mehrarbeit und zusätzliche Treibstoff-Kosten für den Traktor. Für einen Winzer steht viel auf dem Spiel, vor allem was einen drohenden Befall seiner Pflanzen mit Pilzen oder schädlichen Insekten angeht. Wer zu spät etwas gegen echten oder falschen Mehltau unternimmt, dem drohe wegen des Pilzes ein Totalausfall, sagt Schönleber.

Daher müssen die Winzer den Einsatz von Insektiziden oder Anti-Pilz-Mitteln oft weit im Voraus planen. „Hier ist vor allem eine regelmäßige Kontrolle im Weinberg wichtig – und die Wetterprognose“, sagt Weinbauberater Neckerauer. Dies gelte etwa für den Traubenwickler. Die Larven des Schmetterlings haben es auf Blüten und Trauben abgesehen.

Um einem Befall mit Schädlingen vorzubeugen kann der Winzer auch die Zone der Rebzeilen von Blättern befreien, in der die Trauben heranreifen. Diese Methode habe sich bereits etabliert, es gibt spezielle Maschinen, sagt Neckerauer. Das Entblättern könne auch gegen die Kirschessigfliege helfen, ein vergleichsweise neuer Schädling. „Die Fliege mag Schatten.“ In einer entblätterten Traubenzone werde dem Insekt die Fläche genommen, in der es seine Eier ablegt.

Das Regierungspräsidium Darmstadt ist für die Beratung der gut 1000 hessischen Weinbaubetriebe zuständig. Im Rheingau und an der Hessischen Bergstraße wachsen auf rund 3650 Hektar Reben. Nach den Worten von Neckerauer soll – nach einem Jahr Pause – auch künftig bei einem Nachfolgeprojekt geforscht werden, wie Winzer mit weniger Pflanzenschutzmitteln auskommen können.

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