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Verdi: Angelika Kappe: „Vielleicht waren wir lange zu leise “

Von Sie ist stellvertretende Verdi-Chefin in Hessen, und sie arbeitete selbst einst als Näherin am Band: Wenn Angelika Kappe am Internationalen Frauentag am 8. März Rosen verteilt, hat das für sie eine besondere Bedeutung.
Rosa trifft Rose: Die stellvertretende Verdi-Chefin Hessens, Angelika Kappe, hat in ihrem Büro ein Poster mit einem Foto von Rosa Luxemburg hängen – und außerdem eine Rose auf einem Lesezeichen.
Frankfurt. 

Das Lesezeichen mit der roten Rose wird Angelika Kappe am Donnerstag statt echter Rosen verteilen. „Brot und Rosen sind ja eines der Wahrzeichen unserer Frauenbewegung“, sagt die Gewerkschafterin, und lacht: Ausgerechnet das Lesezeichen hat ein Mann erfunden, erzählt sie, 2011, weil im März echte Rosen meist schwer zu beschaffen sind. Am 8. März ist Internationaler Frauentag, und in diesem Jahr begehen die Frauen in Deutschland dabei ein ganz besonderes Jubiläum: 100 Jahre Frauenwahlrecht.

Am 12. November 1918 wurde das Wahlrecht für Frauen eingeführt. „Viele Frauen haben das unter hohem persönlichen Einsatz für uns erstritten“, sagt Kappe. Frauen wie die Sozialistin Marie Juchacz, Gründerin der Arbeiterwohlfahrt, die als erste Frau in der Weimarer Nationalversammlung das Wort ergriff. Und gerade Arbeiterinnen seien es gewesen, die die gleichen Rechte von Frauen über Jahrzehnte hinweg erstritten, sagt Kappe.

Erster Sohn mit 16

Frauen wie jene 20 000 Arbeiterinnen der Textilindustrie in Lawrence, Massachusetts, die 1912 auf die Straße gingen, um für bessere Arbeitsbedingungen zu streiten – und dabei das Lied von „Brot und Rosen“ sangen. „Das Lied haben wir in der Frauenbewegung lange gesungen“, sagt Kappe, die 57-Jährige weiß, wovon sie spricht: Schon als Jugendliche arbeitete sie selbst in der Textilbranche, als Zuschneiderin für die Konfektionswerkstätten in Peine, die Mäntel für C&A herstellten. „Die Frauen in der Näherei haben im Akkord gearbeitet, die Männer saßen in den Führungspositionen“, erzählt Kappe.

Sie war 16 und kurz vor dem Realschulabschluss, als sie ihren ersten Sohn bekam, „also musste ich arbeiten gehen“, sagt sie, „das war im ländlichen Raum so.“ In Niedersachsen, im Landkreis Peine wuchs Kappe auf, es war eine konservative Welt. „Mein Vater hat meiner Mutter ihr Leben lang erzählt, was sie zu wählen hat“, sagt Kappe. Bildung für die Tochter hielt er für überflüssig: „Du heiratest ja eh’.“

In der Textilfabrik kandidierte sie für den Betriebsrat, „weil ich immer dachte, so geht das nicht“, sagt Kappe: „Für mich war wichtig zu sehen, wenn wir uns einig sind, können wir auch was erreichen.“ Sie führte Hausverhandlungen mit, wurde stellvertretende Betriebsratsvorsitzende. Für den Vater war das ein rotes Tuch, „es gab Phasen, da redete er nicht mehr mit mir“, sagt Kappe. Sie nahm es gelassen.

Dann ging die Fabrik in die Insolvenz, Kappe wurde arbeitslos. Auf der Sozialakademie in Dortmund holte sie ihren Hochschulabschluss nach, machte mit 27 eine Ausbildung beim zur Organisationssekretärin, eine Art Referentenjob. „Ich wollte in der Gewerkschaftsschiene bleiben“, sagt sie, „es bestand die Chance, mein Hobby zum Beruf zu machen.“ Menschen unterstützen, für Frauen zu kämpfen, Ortsvereine beraten, Aktionen organisieren. Kappe kämpfte für bessere Kita-Öffnungszeiten und mehr Kinderbetreuung.

Nach der Gründung der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi 2001 wurde Kappe Geschäftsführerin der Bezirke Osthessen und Main-Kinzig-Kreis, seit Juni 2016 ist sie stellvertretende Landesbezirksleiterin von Verdi Hessen. „Es gibt immer noch nicht das Selbstverständnis, dass Frauen Leitungsfunktionen genauso können“, sagt sie und fügt hinzu: „Vielleicht sind wir lange Zeit zu leise gewesen.“

Anerkennung ist wichtig

Vieles bleibe zu tun: Gleiche Bezahlung für Frauen etwa oder die Aufwertung von Frauenberufen. Brot und Rosen, sagt Kappe, das gelte heute noch: „Unsere Grundbedürfnisse erfüllt haben, aber auch mit den Rosen die Anerkennung – wir wollen beides.“

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