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Apfelwein erobert die Welt

Von Es ist ein ungewöhnlicher Ortstermin im Friedberger Stadtteil Ockstadt. Und einer, der selbst eingefleischte Freunde des Apfelweins noch in Erstaunen versetzen mag. Hessen ist beileibe nicht die einzige Region der Welt, in der Stöffche getrunken wird. Im Gegenteil erlebt das hessische Nationalgetränk gerade einen globalen Siegeszug.
Internationale Experten und ihre Leidenschaft (von links): Nick Morris (England), Coady Buckley (Australien), Norman Groh (Friedberg), Eduardo Vázquez (Spanien) und Song Shen (England) verkosten die Apfelweine aus der Neuen Welt. Das kleine Foto zeigt eine aus den USA mitgebrachte Flasche von der Kelterei Prima.	Foto: Thomas Kopp Internationale Experten und ihre Leidenschaft (von links): Nick Morris (England), Coady Buckley (Australien), Norman Groh (Friedberg), Eduardo Vázquez (Spanien) und Song Shen (England) verkosten die Apfelweine aus der Neuen Welt. Das kleine Foto zeigt eine aus den USA mitgebrachte Flasche von der Kelterei Prima. Foto: Thomas Kopp
Friedberg. 

„Die Amerikaner sind geradezu verrückt auf Apfelwein“, weiß Norman Groh, der gemeinsam mit seinem Schwiegervater Reiner Weidmann im Friedberger Stadtteil Ockstadt Apfelwein keltert und auch Spirituosen aus den Früchten herstellt. Beweis: Aus den USA tourte er durch zahlreiche Keltereien und brachte ein gutes Dutzend Flaschen mit. Zum Verkosten hat er sich Spezialisten eingeladen, die eigene Internet-Blogs rund um das Thema Apfelwein betreiben.

Mit ihm in den USA unterwegs war Eduardo Vázquez aus Spanien, der seit einigen Jahren in Frankfurt lebt. Ebenfalls dort lebt Coady Buckley aus Australien. Eigens angereist hingegen sind Nick Morris und Song Shen aus Bristol in England. Alle verbindet die Liebe zum Stöffche. Und damit ist nicht etwa der hierzulande wohl eher bekannte Cider aus England oder Cidre aus Frankreich gemeint, sondern eben eher die saure Variante, wie es sie in Hessen auch gibt. In Amerika firmiert er unter dem Titel „Hard Cider“, bestellt man dort Cider, bekommt man Apfelsaft.

 

Der USA-Boom

 

Bei Eduardo Vázquez ist „Cidra“ ebenso Kult wie das Pendant bei uns in Hessen. „Bei uns in Asturien trinkt man das wie Wasser. England trinkt als Land am meisten Apfelwein pro Kopf, Asturien als Region und Frankfurt als Stadt“, weiß Vazquez zu berichten. 40 bis 45 Liter sind es pro Kopf pro Jahr in allen drei genannten.

Vázquez ist vor einigen Jahren aus beruflichen Gründen nach Frankfurt gekommen - und entdeckte hier seine zweite Heimat. Die Apfelweinkultur sei ähnlich wie bei ihm, wo man dem Getränk jährlich ein großes Fest mit Tausenden von Besuchern widmet.“ Vázquez besuchte die Messe „Apfelwein International“, die jährlich im Frankfurter Römer stattfindet. Dort lernte er Kelterer kennen, verabredete Austauschfahrten zwischen Asturien und Hessen. An einer dieser Fahrten nahm Norman Groh teil und freundete sich mit Vázquez an. Beide wollten sich noch intensiver mit dem Getränk befassen. Das endete jüngst mit der gemeinsamen Fahrt nach Michigan/USA. Sie ließen sich dort eine Tour zu Keltereien von einem Experten vor Ort maßschneidern, besuchten große, kleine neue und extravagante Keltereien.

Und stellten fest: Apfelwein erlebt in den USA einen Riesenboom. „Die Keltereien kommen kaum noch hinterher, jedes Jahr schießen neue aus dem Boden. Der Absatz verdoppelt sich jedes Jahr“, sagt Groh. Grund: Die Amerikaner entdecken ihre Liebe zum Handgemachten wieder. Sie suchen nach den kleineren Brauereien, aber auch vergessenen Produkten. Denn Apfelwein ist keineswegs neu in den USA (siehe Info-Box).

„Dem Bier sind viele überdrüssig, Wein ist zu hart, der süßere Cider vielen eben zu süß. Da stößt der Apfelwein als Erfrischungsgetränk mit nicht zu viel Prozenten in die richtige Nische“, gibt Groh die Meinung der Leute, mit denen er in den USA sprach, wider. In Australien ist ein ähnliches Phänomen zu beobachten. „Wir sind ein klassisches Weinland mit riesigen Anbauflächen.

Doch jetzt werden hier und dort schon Weinflächen aufgegeben und mit Apfelbäumen neu besetzt“, berichtet Coady Buckley. Ihn verschlug die Liebe nach Frankfurt. Er fühlte sich in der Mainmetropole aber zunächst nicht wohl - bis er den Apfelwein entdeckte. Buckley tauchte immer mehr in die Welt von Bembel und Gerippte ein und machte das Getränk dann auch zu einem Teilbereich seines Berufes.

 

Erfolg bei Wettbewerb

 

Buckley beliefert seinen Bruder in Melbourne mit Getränken aus Europa, der verkauft sie weiter an den Großhandel und die Gastronomie. Erst vor wenigen Monaten hat er drei Container mit 120 000 Flaschen, darunter auch Grohs Apfelwein aus Ockstadt, nach Down Under exportiert. „Und es können noch mehr werden“, sagt Buckley. Groh jedenfalls steht für weitere Exporte auch in die USA bereit, er hat dort bereits eine Lizenz beantragt. Sein Ansehen dort dürfte nicht schlecht sein. Bei einem großen Apfelwein-Wettbewerb in Grand Rapids/Michigan ist er mit eigenen Produkten angetreten und hat bei der Blindverkostung einen zweiten und einen dritten Platz belegt.

Mit seinem Reisepartner Song Shen extra für die US-Verkostung aus England angereist ist Nick Miller aus Bristol. „Ich komme aus der Hauptgegend in England, in der Apfelwein getrunken wird“, sagt er. Irgendwann fing er an, seine Geschmackserlebnisse bei diversen Apfelweinproben im Internet zu veröffentlichen. „Auch ich selbst habe mich manchmal nicht mehr erinnern können, wie diese Sorte jetzt noch einmal genau schmeckt“, gibt er zu.

Die drei Blogger versorgen jetzt über drei verschiedene Portale eine treue und stetig wachsende Fangemeinde mit Informationen über Apfelwein aus aller Welt. Sie verstehen sich zum Teil als Missionare, wollen ihr Lieblingsgetränk auch in anderen Regionen bekannter machen. Auch beim Apfelwein gibt es - ähnlich dem Wein - verschiedene Qualitätskriterien. Es ist von Tanninen (eher Frankreich und England) und Säure (eher Spanien und Deutschland) die Rede, von Geschmacksnoten und dem Finish, also dem Abgang.

 

Schmecken etwas flach

 

Die ersten amerikanischen Apfelweine, die auf deutschem Boden probiert werden - so jedenfalls denkt Norman Groh - schmecken auch mit der typisch amerikanischen Perlage (mit Kohlensäure versetzt) etwas flach, befinden die Experten.

„Viele amerikanische Apfelweine haben kein Finish, ihnen fehlen die alten Apfelsorten“, erklärt Buckley. Doch sie stoßen auch auf Kelterer mit deutschen Wurzeln, die sich an die Rezepte ihrer Vorväter erinnern.

Und auch an Keltereien junger Amerikaner, die aus einer spontanen Idee ein Unternehmen gemacht haben. Die Apfelweine werden besser, die Stimmung auch. Bei einem sind sich die Blogger sicher: „Es wird bald deutlich mehr Berichte über Apfelwein geben. Wenn die Amerikaner etwas für sich entdecken, bekommt das auch der Rest der Welt mit.“ Auch wenn Apfelwein hierzulande ja keine Neuheit ist. „Er ist aber nur in verschiedenen Regionen beliebt und könnte dadurch national bekannt werden.“

Die Blogs der drei Experten: theciderblog.wordpress.com (Nick Morris), apfelwein-blog.de (Coady Buckley und andere), sidraglocal.blogspot.de (Eduardo Vázquez und andere).

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