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Auch in Hessen fehlen auf dem Land Apotheken: Apothekern fehlt der Nachwuchs

Für viele ist der Gang zur Apotheke um die Ecke eine Selbstverständlichkeit – noch. Die Zahl der Läden sinkt seit Jahren. Es mangelt an Nachwuchs – und dort, wo Landärzte fehlen, leidet das Geschäft.
Apothekern fehlt Nachwuchs Foto: Uwe Zucchi (dpa) Das „A“ als Hinweis auf eine Apotheke könnte künftig seltener zu sehen sein.
Haina/Offenbach. 

Peter Niemeyer ist ratlos. „Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll“, sagt der Apotheker aus dem nordhessischen Haina. Seit November sucht er händeringend einen Leiter für eine Filiale seiner Apotheke im Nachbarort Frankenau. Ohne Erfolg. Es gebe zu wenig Apotheker, und es lasse sich nur wenig Nachwuchs aufs Land locken. So wie Niemeyer geht es so manchem in der Branche. Die Zahl der Apotheken zwischen Kassel und Hirschhorn sinkt, das verlängert die Wege für Patienten. Die Gründe sind vielfältig.

Niemeyer hatte einen Bewerber aus dem thüringischen Gotha. Der habe sich auf insgesamt 18 Stellen beworben, hätte fast überall anfangen können. Nach Frankenau sei er nicht gekommen, weil seine Freundin nicht auf dem Land leben wollte. „Hier ist es aber sehr ländlich“, sagt Niemeyer. Es seien 40 Kilometer bis zum nächsten Kino, für den Einkauf brauche man ein Auto. Zudem müsse man auf dem Land mehr Notdienste machen, er selbst sei jede sechste Nacht dran. Dafür gebe es andere Vorteile: Die Arbeitszeiten seien entspannter mit längeren Mittagspausen und kürzeren Öffnungszeiten an Samstagen.

Nach Angaben des Hessischen Apothekerverbandes (HAV) in Offenbach ist die Zahl der Apotheken im Land von 1642 im Jahr 2007 auf 1503 Ende vergangenen Jahres geschrumpft. Das Durchschnittsalter der hessischen Apotheker lag 2014 bei 52,8 Jahren, in manchen Regionen darüber – im Vogelsbergkreis waren Apotheker im Schnitt 56,0 Jahre alt.

Immer weniger Apotheken

Ähnlich das Bild bundesweit: Laut der ABDA – der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände – waren es Ende vergangenen Jahres 20 032 Apotheken – 217 weniger als ein Jahr vorher. Damit liege die Zahl auf dem Niveau von 1990. Und 2017, so befürchtet die ABDA, wird die Apothekenzahl voraussichtlich unter 20 000 sinken.

Auf dem Land gebe es ein echtes Nachwuchsproblem, sagt auch Katja Förster, eine Sprecherin des HAV. Abseits der Ballungszentren fänden Apotheken seltener Personal oder Nachfolger. Es gebe immer weniger Landärzte, und das Geschäft mit von ihnen verschriebenen Medikamenten sei sehr wichtig. Verschreibungspflichtige Arzneimittel – zulasten der gesetzlichen oder privaten Krankenversicherungen – machten rund 85 Prozent des Umsatzes einer öffentlichen Apotheke aus. „Wo es keine Arztpraxis mehr gibt, ist das für Apotheken ein Problem“, sagt sie.

Hessens Gesundheitsminister Stefan Grüttner (CDU) betont ebenfalls, der Rückgang der Apothekenzahl hänge in vielen Teilen mit dem Rückgang der Arztpraxen zusammen. Aber: „Wir haben noch keinen Versorgungsengpass in Hessen.“ Der Minister verweist auf den hessischen Pakt zur ärztlichen Versorgung im ländlichen Raum. Es gebe einen permanenten Austausch, mit Verbänden, Kammern oder auch Kassenärztlicher Vereinigung und den Apothekern, um die der Pakt erweitert worden sei. „Natürlich gibt es da auch mal einen kontroversen Austausch, aber zu 95 Prozent gibt es Konsens.“

Als Land könne man neben Regelungen zu Entgelten auch in der Ausbildung etwas tun. Die sei extrem wichtig. Er habe mit Studenten der Uni Marburg gesprochen. „Das Spannende ist, dass zum Studienbeginn ungefähr zehn bis 15 Prozent sagen, sie könnten sich vorstellen, die elterliche Apotheke zu übernehmen.“ Am Ende des Studiums seien es 85 Prozent. „Das müssen wir unterstützen, da haben wir einen unmittelbaren Einfluss drauf, denn Ausbildung soll zu Niederlassung führen.“

Niemeyer steht indes immer noch ohne Filialleiter da. Dabei bietet er im Haus der Apotheke für den Filialleiter noch eine Wohnung mit 100 Quadratmetern für 300 Euro Warmmiete und weitere Annehmlichkeiten. „Alles Dinge, die nicht genügen, um jemanden zu finden“, sagt er. An eine Auswahl unter mehreren Bewerbern wie in anderen Teilen der Wirtschaft sei nicht zu denken. Viele Junge gingen in die Pharmaindustrie oder scheuten die mit einer Apotheke verbundenen bürokratischen Lasten.

Pflicht zum Minusgeschäft

Es gibt für den Apotheker aus Haina genau wie für den HAV also zum einen landesspezifische und zum anderen grundlegende Probleme aller Apotheken. So rechne sich beispielsweise die Herstellung individueller Medikamentenrezepturen wegen der niedrigen Entgelte nicht. Seine Frau gieße gerade für einen am Darm erkrankten Kunden 100 Zäpfchen. „Da geht ein ganzer Arbeitstag drauf, und wir bekommen dafür von der Kasse 38 Euro.“ Eine Apotheke dürfe aber keinen Kunden ablehnen, müsse also ein solches Minusgeschäft eingehen.

Der Versandhandel hat es da leichter. „Er ist eine große Konkurrenz“, sagt Niemeyer. Per Mausklick seien diese Anbieter für machen leichter zu erreichen als die Kilometer entfernte niedergelassene Apotheke. Weil der Europäische Gerichtshof 2016 ausländischen Versendern Wettbewerbsvorteile eingeräumt hat, die hiesigen Apothekern verwehrt sind, fordern HAV und ABDA ein Verbot für den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Förster vom HAV betont, bei etwa 22 Prozent aller Apotheken liege der Gewinn bei oder unter vier Prozent der Umsätze. Erlösrückgänge seien kaum zu verkraften.

Und Minister Grüttner sagt: „Für mich als Gesundheitsminister ist es ausgesprochen wichtig, dass die Menschen eine gute Beratung in erreichbarer Entfernung haben.“ Ein Notdienst sei notwendig. „Den schaffe ich nicht mit einem Versandhandel, den schaffe ich nur mit niedergelassenen Apotheken.“

Niemeyer berichtet von Sorgen vieler Kollegen aus seiner Region. Ein Apotheker in Adorf im Kreis Waldeck-Frankenberg suche beispielsweise seit mehr als zwei Jahren jemanden, der seine Apotheke kauft. Er selbst überbrückt den Engpass in seiner Filiale zunächst mit Hilfe seiner über 70-jährigen Schwiegermutter. Sie ist auch Apothekerin und hilft ein paar Monate aus. Auf Dauer gehe das nicht, dauerhaft ohne einen Apotheker müsse er schlimmstenfalls ein Geschäft dicht machen. Ob das die Hauptapotheke in Haina oder die Filiale in Frankenau sei, müsse dann noch entschieden werden. „Anfang Mai werden wir entscheiden, welchen Laden wir nicht mehr aufschließen.“

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