Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Medikamentenskandal in Kinderheimen: Arzneimittelversuche an hessischen Heimkindern: „Institutionen mauern“

Von In den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts sollen an Heimkindern in Hessen Arzneimittelversuche durchgeführt worden sein. Bei einer Anhörung im Landtag haben sich dazu am Donnerstag erstmals Vertreter von ehemaligen Heimkindern, Ärzten, Jugendämtern, Trägern und Unternehmen geäußert. Die Betroffenen fordern mehr Anstrengung bei der Aufklärung und Entschädigungen.
Helfried Gareis, Vertreter der ehemaligen Heimkinder Frankfurt, bei einer öffentlichen Anhörung des Sozialausschusses im Landtag.
Wiesbaden. 

Als Helfried Gareis den Saal 501 A im Landtagsgebäude nach der dreistündigen Anhörung verlässt, zieht er nüchtern Bilanz: „Meine Erwartungen waren nicht groß. Die Institutionen mauern.“ Der 65-Jährige war als einer der Vertreter des Vereins ehemaliger Heimkinder Frankfurt eingeladen, vor den Mitgliedern des Sozialausschusses über den Einsatz von Medikamenten im Alltag der Einrichtungen zu erzählen. Gareis: „Es ist nach dieser Anhörung keineswegs sicher, dass es Konsequenzen geben wird.“

Den Skandal um die Menschenversuche in Heimen in ganz Deutschland brachte eine Studie der Krefelder Pharmakologin Sylvia Wagner ins Rollen. Im November vergangenen Jahres veröffentlichte sie erste Ergebnisse, nach denen im Zeitraum von 1950 bis 1975 bei mindestens 50 medizinischen Studien Kinder und Jugendliche als Probanden benutzt wurden. Die Teilnahme sei meist ohne Aufklärung und Einwilligung der Eltern oder der Erziehungsberechtigten erfolgt.

Säuglinge von Interesse

Bei ihren Recherchen stieß Wagner auch auf Dokumente, in denen es um Beteiligungen der Behringwerke an Studien zur Schluckimpfung gegen Kinderlähmung in zwei Marburger Kinderheimen ging. Vor den Landtagsabgeordneten schilderte die Expertin, warum gerade Säuglinge in Heimen für die Pharmaunternehmen von Interesse waren: „Die Kinder hatten keine Antikörper, weil sie ja nicht gestillt wurden. Das war für die Prüfung der Impfstoffe vorteilhaft und wurde gezielt ausgenutzt.“

Weil die Kinder zudem meist in einem schlechten körperlichen Zustand waren, sei das Risiko einer sogenannten Impf-Polio besonders hoch gewesen. Zudem habe man die Kinder häufig in eine sechswöchige Quarantäne gesteckt, was die ohnehin systembedingte fehlende Zuwendung (Fachbegriff: Deprivation) vermutlich verstärkt habe. Wagner: „Diese Folgen der Deprivation halten ein Leben lang an. Das kann sich zum Beispiel in einer gestörten Bindungsfähigkeit zeigen.“

Das besondere Interesse der Abgeordneten galt im weiteren Verlauf der Anhörung von Versuchsreihen, bei denen die Wirkungen und Nebenwirkungen von Psychopharmaka im Heimalltag getestet wurden. In ihrer Arbeit hatte Wagner beschrieben, wie diese Mittel auch mit Billigung von Behörden, eingesetzt wurden, um bei unruhigen Kindern und Jugendlichen die „pädagogische Angriffsfläche“ zu verbreitern. Anders ausgedrückt: Statt physischer Gewalt erfolgte die Ruhigstellung mit Chemie. Mit schlimmen Folgen: Bei Studien in einer Einrichtung in Nordrhein-Westfalen hatte die falsche Dosierung von Decentan zu Schreikrämpfen, Benommenheit, Nackensteifheit und Apathie geführt.

Brief über Lieferung

Wagner hat in den Archiven des Darmstädter Pharmaunternehmens Merck KGaA einen Brief aus dem Jahr 1957 gefunden, der die Lieferung von 20 Fläschchen Decentan an das Hephata-Heim im nordhessischen Treysa ankündigte. In dieser Form, zur Verabreichung in Tropfen, gab es das Mittel zu der Zeit noch nicht auf dem Markt.

Um die Hintergründe der Zusammenarbeit zwischen dem Träger und Merck zu klären, waren Vertreter von beiden Seiten als Anzuhörende geladen. Allerdings, wie Helfried Gareis als Vertreter der Betroffenen am Ende feststellte, ohne wirklichen Erkenntnisgewinn. Ob und in welchem Umfang Decentan in Treysa eingesetzt wurde, kann nicht festgestellt werden, weil es dazu keine Hinweise in den Krankenakten des Heimes gebe, sagte Hephata-Direktor Maik Dietrich-Gibhardt. Und Sabine Bernschneider-Reif, Historikerin bei Merck, stellte sich auf den Standpunkt, dass die Verantwortlichkeiten bei den Ärzten gelegen haben: „Die Mittel wurden geliefert. Aber in welcher Weise dort gehandelt wurde, das entzieht sich natürlich unserer Kenntnis.“

Für Helfried Gareis und die anderen ehemaligen Heimkinder, die sich für die Anhörung auf den Weg nach Wiesbaden gemacht haben, passen die Aussagen von Hephata und Merck in die ihnen bekannten Manöver, um möglichst wenig Verantwortung für das Geschehene zu übernehmen.

An die Träger und Unternehmen sowie an die Adresse der Landtagsabgeordneten formuliert er deshalb zum Schluss seine Forderung nach der Einrichtung eines neuen runden Tisches zur Heimerziehung. Nach den Debatten über physische, psychische und sexuelle Gewalt in den Kinderheimen müsse nun unbedingt der Medikamentenmissbrauch thematisiert werden – und die Frage nach einer Entschädigung der Opfer.

Zur Startseite Mehr aus Rhein-Main & Hessen

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse