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Auch Behinderte wollen Sexualität erfahren

Heilpädagoge Stan Albers
Wiesbaden. 

Es war alles so gut geplant. Bei „Kuschelpartys“ wollte die IFB-Stiftung behinderten Menschen Berührungen ermöglichen, ohne dass für die Teilnehmer Grenzen überschritten werden – schließlich versucht die Organisation, die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderungen zu verbessern. Doch es kam anders.

„Es haben sich sechs Männer und eine Frau angemeldet“, berichtet Monika Fischer, Geschäftsführerin der Gemeinnützige Zuhause Mobil GmbH, die zur in Wiesbaden ansässigen Stiftung IFB (Inklusion durch Förderung und Betreuung) gehört. „Da konnten wir die Sicherheit der Frau nicht gewährleisten.“ Weil auch sonst immer ein erheblicher Männerüberhang war, hätten noch nie „Kuschelpartys“ stattgefunden.

Damit ist das Problem jedoch nicht gelöst. „Viele behinderte Menschen haben einen Wunsch nach Nähe und nach Sexualität“, ist die Erfahrung von Stan Albers, Referent des geschäftsführenden Vorsitzenden und zuständig für „Sensis“ – den Bereich, der sich auf die sexuelle Betreuung von Menschen mit Behinderungen spezialisiert hat.

„Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, aber es muss es geben“, betont der Heilpädagoge Albers. Es sei keinesfalls so, dass Sensis die Behinderten erst auf sexuelle Gedanken bringe. „Das Problem entspringt aus der Praxis, und wir müssen damit umgehen.“ Es seien vor allem die Männer, die starke sexuelle Bedürfnisse hätten. Pro Monat gebe es etwa zehn Anfragen. Frauen, die sich an Sensis wenden, seien die absolute Ausnahme.

Da die Eltern von behinderten Erwachsenen und das Pflegepersonal mit dieser Situation oft überfordert seien, werde eine externe Sexualassistentin eingeschaltet. Sie berät zum Beispiel den Betroffenen, begleitet ihn unter Umständen zu einer Prostituierten oder verhilft ihm zum Höhepunkt, ohne dass Geschlechtsverkehr stattfindet.

Albers berichtet auch vom Beispiel eines Mannes, der nach einem Unfall körperlich behindert war. „Hätte er Sensis nicht kennengelernt, hätte er sich umgebracht“, so der Heilpädagoge. „Er war so erzogen, dass er sich nie getraut hätte, zu einer Prostituierten zu gehen.“ Es sei wichtig, solchen Menschen den Zugang zu ihrer Sexualität zu erleichtern. Glücklicherweise gehe die Gesellschaft aber inzwischen offener mit diesem Thema um als früher.

 

Wunsch nach Partnerschaft

 

Oft stellt sich heraus, dass hinter dem sexuellen Bedürfnis eigentlich der Wunsch nach einer Partnerschaft steckt. „Die Behinderten haben aber ein so schwaches Selbstwertgefühl, dass sie nicht glauben, dass das für sie möglich ist“, berichtet Albers. „Wir müssen ihnen sagen: Was glaubst du, warum du das nicht schaffst?“

Für die Zukunft wünscht sich Fischer, dass die Bedürfnisse der behinderten Menschen genauso respektiert werden wie die der nicht behinderten. Die Kuschelpartys sind bei der IFB-Stiftung weiterhin auf Eis gelegt. „Wir haben aber nicht das Gefühl, dass etwas gescheitert ist“, betonen Fischer und Albers, „sondern wir haben neue Erkenntnisse gewonnen.“

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