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Prozess: Bankräuber kam mit Rollator

Als Bauarbeiter, Rentner oder mit falschem Bart soll ein Familienvater aus Kassel jahrelang Sparkassen überfallen haben. Wegen seines ungewöhnlichen Fluchtfahrzeugs bekam er den Spitznamen „Fahrrad-Räuber“. Vor Gericht bricht er in Tränen aus.
Prozess gegen mutmaßlichen Serienbankräuber Foto: Swen Pförtner (dpa) Eine Gerichtszeichnerin porträtiert am ersten Verhandlungstag den Verdächtigen im Kasseler Landgericht.
Kassel. 

Wegen Banküberfällen in verschiedensten Verkleidungen muss sich seit Donnerstag ein 45-Jähriger vor dem Landgericht in Kassel verantworten. Er soll jahrelang Sparkassen im Raum Kassel ausgeraubt und dabei über 1,3 Millionen Euro erbeutet haben. Dabei ging der arbeitslose Familienvater laut Anklage sehr kaltblütig vor und nutzte zur Flucht Fahrräder.

Sechs Fälle zwischen 2012 bis 2016 legen ihm die Ermittler zur Last. Das Vorgehen sei stets ähnlich gewesen. Mit einer Pistolenattrappe bedrohte er Angestellte und zwang sie, Tresore und Geldautomaten zu öffnen. Dabei habe er auf wechselnde Verkleidung gesetzt: Falsche Augenbrauen, falscher Bart, Pflaster im Gesicht und Mützen, oft war die Kleiderauswahl auch sehr auffällig: Ein kariertes Sakko, eine bunte Strickmütze, einen gelben Pulli oder eine bunte Krawatte gehörten dazu. Eine Sparkasse wurde von einem Täter in Bauarbeiterkleidung bestehend aus orangefarbener Warnweste und einem Bauhelm überfallen – vor dem Geldinstitut fanden wirklich Bauarbeiten statt.

Schwächeanfall simuliert

Selbst ein Rentner mit Rollator entpuppte sich laut Staatsanwalt als Bankräuber: Als die Sparkassen-Angestellten bei einem vermeintlichen Schwächeanfall helfen wollten, habe der Mann plötzlich eine Waffe gezogen. Die Mitarbeiter wurden bei den Überfällen oft gefesselt oder eingesperrt. Auch Drohungen gegen ihre Familien soll der Räuber ausgesprochen haben. Eine Filiale überfiel er insgesamt dreimal. Als Fluchtfahrzeuge dienten Fahrräder, die er zuvor an den Sparkassen positioniert hatte. Die Fahndung blieb lange erfolglos. Dabei war der „Fahrrad-Räuber“ sogar in der ZDF-Reihe „Aktenzeichen XY. . . ungelöst“ im April 2014 erwähnt worden und noch einmal im Kriminalreport des Hessischen Rundfunks im Februar 2015. Doch auch diese Sendungen haben nichts gebracht. Der Angeklagte wurde schließlich nach einem Überfall im Jahr 2016 in Tatortnähe festgenommen. Selbst für die Polizei war sein dreistes Vorgehen ein Novum: „In dieser Kombination hatten wir das noch nie“, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Nordhessen vor Beginn des Prozesses wegen schwerer räuberischer Erpressung.

Unscheinbarer Eindruck

Vor Gericht machte der Angeklagte einen unscheinbaren Eindruck: mittelgroß, gepflegt, mit Bart und Brille. Es habe nie „eine objektive Gefahr für Leib und Leben“ der Sparkassen-Mitarbeiter bestanden, sagte einer seiner Rechtsanwälte: „Er hat geblufft.“ Die Pistole sei nicht echt gewesen.

Die Verteidigung fordert für den Fall eines Geständnisses eine milde Strafe. Die bereits ins Gespräch gebrachten sieben bis acht Jahre Haft seien sehr viel, sagte der Rechtsanwalt des Angeklagten. Er verwies darauf, dass der Mann drei Kinder hat und vorher unbescholten war. Zudem sei er kroatischer Staatsbürger, ihm drohe die Ausweisung. Der Angeklagte selbst weinte manchmal, sagte aber kaum etwas. Sollte es keine Verständigung mit Gericht und Staatsanwaltschaft geben, werde es eine „schwierige und langwierige Beweisaufnahme“, kündigte die Verteidigung an. Dem Angeklagten alle Überfälle nachzuweisen, werde „kein leichtes Unterfangen“. Der Prozess wird im November fortgesetzt. Es sind 13 Verhandlungstage bis Januar geplant. 28 Zeugen und zwei Sachverständige wurden geladen.

(dpa,red)
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