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Zeugenbefragung: Bewegender Auftritt der Yozgats vor dem NSU-Landtagsausschuss in Wiesbaden

Von Seit Jahren geht es im NSU-Ausschuss um den Mord an Halit Yozgat. Doch erst jetzt wird die Tat präsent – wenn der Vater erzählt, wie er seinen sterbenden Sohn findet.
NSU-Ausschuss des Hessischen Landtages Foto: Frank Rumpenhorst (dpa) Mit einem Bild seines ermordeten Sohnes Halit erschienen gestern Vater Ismail Yozgat und Mutter Ayse zu einer Sitzung des NSU-Ausschusses des Landtages in Wiesbaden.
Wiesbaden. 

Ismail Yozgat schiebt Tische und Stühle hin und her, wirft sich auf den Boden, schreit „Halit, Halit“ und zeigt, wo und wie er am 6. April 2006 in einem Kasseler Internetcafe seinen toten Sohn gefunden hat: Der heute 62-jährige Vater des NSU-Mordopfers durchlebt am Montagmittag vor dem zu der Mordserie eingesetzten Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtags noch einmal den schlimmsten Augenblick seines Lebens. Er ist der letzte von mehr als 100 Zeugen, die der 2013 eingesetzte Ausschuss hört. Und es ist der mit großem Abstand bewegendste Auftritt. Der Vater vom neunten Opfer des mörderischen Trios mit dem selbstgewählten Namen „Nationalsozialistischer Untergrund“ gibt dem noch immer nicht in allen Details aufgeklärten Verbrechen ein Gesicht und einen Namen.

Halit Yozgat war 21 Jahre alt, als er vor gut elf Jahren in dem Internetcafe erschossen wurde, das er zusammen mit dem Vater betrieb. Letzterer hat zu dem Auftritt im Wiesbadener Landtag seine Frau Ayse mitgebracht, die auch nach elf Jahren kaum weniger aufgewühlt ist als ihr Mann. „Für mich war das Ende der Welt gekommen“, sagt sie über den Tod ihres Sohnes. Vater Ismail Yozgat war es, der seinerzeit den Toten hinter dem Tresen des Internetcafes fand. Kurz davor hat der damalige Verfassungsschützer Andreas Temme, der dort Stammgast war, das Lokal verlassen und dabei noch 50 Cent für die Internetnutzung auf den Tresen gelegt. Von dem Mord will er nichts mitbekommen haben.

Yozgat: „Temme lügt“

Der Name Temme bringt Halit Yozgats Vater in Rage. Schon in seinem Eingangsstatement vor dem Ausschuss verlangt er eine neue Tatortbegehung, um zu beweisen, dass Temme gelogen haben müsse. Doch der Ausschussvorsitzende Hartmut Honka (CDU) macht ihm klar, dass das nicht Sache der Parlamentarier, sondern der Justiz ist. Er lässt Ismail Yozgat aber gewähren, als dieser bittet, in die Mitte des Saales gehen zu dürfen, um zu demonstrieren, warum Temmes Schilderung nicht stimmen kann. Er stellt einen Stuhl hin, um zu zeigen, wo der Verfassungsschützer seinerzeit am PC saß. Er berichtet, wie er in das Internetcafe kam, seinen Sohn nicht sah, aber rote Blutflecken am Boden entdeckte. Er zeigt, wo Halit gelegen hat, und dass der über 1,90 Meter große Temme ihn unmöglich übersehen haben kann.

„Halit, was ist passiert, mein Sohn?“, wiederholt der Vater seinen Entsetzensschrei von damals. Doch der konnte nicht mehr antworten. „Ich wollte telefonieren, aber schaffte es nicht“, erzählt Ismail Yozgat auf Türkisch, und die Dolmetscherin übersetzt jedes Wort. Dann lief er heraus und alarmierte Freunde aus einem benachbarten türkischen Café. Seinen Sohn könne ihm niemand wiedergeben, und er habe nur zwei Wünsche: die neue Tatortbegehung, um Temme der Lüge zu überführen, und die Holländische Straße in Kassel, wo sein Sohn geboren und ermordet wurde, in Halit-Straße umzubenennen. Dafür bittet er den Ausschuss um Hilfe. Die an diesem Tag sehr einfühlsamen Mitglieder können ihm die Bitte nicht erfüllen. Es fällt nicht in ihre Zuständigkeit.

Der Vater weint mehrfach

Trotz allem ist Vater Yozgat in den zwei Stunden als Zeuge eher gefasst. Er hegt auch keinen Groll gegen die Polizei, obwohl die ihn in den Jahren zwischen dem Mord 2006 und der Aufklärung der NSU-Serie 2011 immer wieder observiert und abgehört habe. Die Fraktionen drücken Yozgat und seiner Frau immer wieder ihre Anteilnahme aus. Nur zwei, drei Mal gerät der vom Schicksal schwer gezeichnete Familienvater doch ins Weinen. Er fragt noch, warum Temme an diesem Tag nur 15 Minuten und nicht wie sonst immer zwei Stunden in dem Internetcafe blieb und berichtet, Temmes Rolle raube ihm den Schlaf. Artig bedankt sich Ismail Yozgat, dass ihm als Rentner die Parteien so viel Zeit gewidmet haben. Das angebotene Spesenformular für die Auslagen bei der Fahrt von Nordhessen nach Wiesbaden, lehnt er ab. Nein, er wolle kein Geld, verabschiedet er sich und hängt sich vorm Rausgehen erneut das Schild mit dem Bild des Sohnes im Alter von zwei Jahren um. „Holländische Straße = Halit-Straße oder ich will meinen Sohn zurück“, steht darauf geschrieben.

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