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Missbrauchsvorwürfe: Bundesverband Schauspiel: "Jeder Fall ist einer zu viel"

Von Während die ARD um die Aufarbeitung des Falls Dieter Wedel bemüht ist, fordert der Bundesverband Schauspiel eine überbetriebliche Beschwerdestelle für die Medien- und Kulturlandschaft.
Dieter Wedel Foto: Swen Pförtner (dpa) Die ARD sucht in den Archiven ihres Senders und von Produktionsfirmen nach Belegen für die Vorwürfe gegen Dieter Wedel.
Frankfurt. 

Die ARD bemüht sich um die Aufarbeitung des Falls Dieter Wedel. Die Intendantentagung der ARD hat sich in dieser Woche deshalb noch einmal mit dem Thema beschäftigt. Anschließend erklärt der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm, der Senderverbund wolle als Reaktion auf die Vorwürfe gegen den deutschen Regisseur den Kampf gegen sexuelle Übergriffe vorantreiben.

Zunächst geht es aber um die Klärung des Falls. Mehrere Frauen werfen Wedel vor, sie während der gemeinsamen Arbeit sexuell belästigt oder sogar vergewaltigt zu haben. Wedel wies die Anschuldigungen zurück. „Die ARD sucht in den Archiven ihres Senders und Produktionsfirmen nach Belegen für die Missbrauchsvorwürfe“, sagt Wilhelm. Die Suche soll in einigen Wochen abgeschlossen sein.

Laut Wilhelm gibt es in allen Landesrundfunkanstalten bereits eine Fülle von Anlaufstellen, an die sich Betroffene im Problemfall wenden können: „Wir haben Gleichstellungsbeauftragte, Ombudsleute, Schwerbehindertenbeauftragte und unabhängige Mitglieder der Personalräte.“

Neue Beschwerdestelle

Dem Bundesverband Schauspiel geht das nicht weit genug. Er fordert gemeinsam mit anderen Verbänden der Schauspielbranche eine überbetriebliche Beschwerdestelle für die Medien- und Kulturlandschaft. „Meist werden Schauspieler nur für die Dauer der Produktion bei einer Produktionsfirma angestellt. Diese wiederum wird von den Sendeanstalten engagiert“, sagt Heinrich Schafmeister, Vorstandsmitglied der Schauspielgewerkschaft. Aufgrund dieses Konstrukts wüssten viele Schauspieler nicht, an wen sie sich im Ernstfall wenden könnten. „Wir haben deshalb Sender, Produktionsfirmen und Agenturen eingeladen, gemeinsam eine überbetriebliche Beschwerdestelle zu gründen“, sagt Schafmeister.

Schafmeister hofft, dass die Stelle bald an den Start gehen kann: „Die Branchenverbände arbeiten derzeit an einem Eckpunktepapier. Anschließend wollen sie einen Trägerverein gründen.“ Es habe ihn erfreut, dass auch die Sender mit an der Idee der Beschwerdestelle arbeiten wollen: „Die Sender haben großen Einfluss in unserer Branche. Sie mit im Boot zu haben, stärkt uns den Rücken“, sagt Schafmeister. Nun hoffen die Branchenverbände laut Schafmeister auf Finanzierungshilfen von Bund und den Verwertungsgesellschaften.

Der Bedarf an einer solchen Stelle steht für Hofmeister außer Frage. Zwar könne er keine genauen Zahlen nennen, wie viele Mitarbeiter der Medien- und Kulturlandschaft jährlich von Belästigung betroffen sind, „aber Zahlen tun für mich auch nichts zur Sache“. Denn schon ein Fall ist laut Schafmeister bei Belästigung ein Fall zu viel.

Transparentes Verfahren

Im Hessischen Rundfunk ist Sinaida Thiel als Gleichstellungsbeauftragte eine wichtige Anlaufstelle, wenn es Probleme gibt. Sie hat im vergangenen Jahr ein Format entwickelt, mit dessen Hilfe sie die Mitarbeiter schult: „Vor rund einem Jahr habe ich den sogenannten Infotalk entwickelt. Mit diesem Format gehe ich auf Anfrage der Teamchefs in die Teams“, sagt Thiel. In ihrem Infotalk beantwortet Thiel die Fragen, was sexuelle Belästigung überhaupt ist, wer betroffen ist – „jeder, der sich bedrängt fühlt“ –, warum es zu Übergriffen kommt, was die Konsequenzen sind, und wie das Verfahren im Hessischen Rundfunk abläuft. Zusätzlich beschäftigten sich Führungskräfte in ihrer Ausbildung mit der Unternehmenskultur und dem Thema Belästigung.

Kommt es zu einer Belästigung, steht Thiel zur Verfügung: „Zunächst führe ich mit den Mitarbeitern ein vertrauliches Gespräch und erkläre ihnen, welche weiteren Schritte möglich sind.“ Dazu gehöre auch, die Betroffenen auf mögliche Konsequenzen aufmerksam zu machen. „Trotz aller Bemühungen, ein solches Verfahren vertraulich zu behandeln, kann das nicht immer gelingen. Sei es, weil Zeugen befragt werden müssen oder sich die beschuldigte Person rechtfertigen möchte und anderen Menschen davon erzählt“, erklärt Thiel.

Entscheidet sich ein Betroffener oder eine Betroffene für den offiziellen Weg, wird ein internes Verfahren eingeleitet, in das die juristische Direktion und das Personalmanagement einbezogen wird. „Die Aussagen beider Seiten werden zu Protokoll genommen“, sagt Thiel. Anschließend setze sich ein Gremium zusammen, das aus jeweils einem Vertreter des Personalrats, der juristischen Direktion, des Personalmanagements, Thiel und gegebenenfalls aus der Schwerbehindertenvertretung und der Jugend- und Auszubildendenvertretung besteht.

Das Gremium berate dann über die Konsequenzen. Diese bewegen sich in der kompletten Bandbreite des Arbeitsrechts: „Das geht von einer mündlichen oder schriftlichen Ermahnung bis hin zur Kündigung“, sagt Thiel.

In einigen Fällen geben die Beschuldigten recht schnell den Sachverhalt zu. In anderen Fällen müssten Tatorte, Zeugen und Beweismaterialien – wie SMS, Mails oder ähnliches – hinzugezogen werden, um die Aussagen der Beteiligten zu untermauern. Wie viele Fälle Thiel im vergangenen Jahr bearbeitet hat, wollte sie nicht sagen. „Die Gespräche sind streng vertraulich und wir wollen nicht, dass davon etwas an die Öffentlichkeit dringt.“

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