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Portrait: Christiane Benner von der IG Metall ist spezialisiert auf die Digitalisierung

Christiane Benner ist in Bensheim aufgewachsen, hat sich bereits als junge Betriebsrätin mit ihren Vorgesetzten angelegt – und ist heute die zweite Vorsitzende der IG Metall. Wer ist diese Frau, die es als erste Frau in die Chefetage der Gewerkschaft geschafft hat? Ein Porträt.
Foto: Stephen Petrat Christiane Benner ruft dazu auf, den durch die Digitalisierung zu erwartenden gesellschaftlichen Umbruch gemeinsam mit der IG Metall zu gestalten.
Frankfurt. 

Irgendwann hat es ihr gereicht. Die Sturheit ihrer Vorgesetzten, das fehlende Entgegenkommen. Bald hatte sie einfach genug von den ewigen Sitzungen am runden Tisch. Es müssen andere Mittel her, beschließt sie und bespricht sich mit ihren Kollegen. Sie sammelt die Belegschaft hinter sich. Mit dieser Rückendeckung weiß die Betriebsrätin Christiane Benner: Sie kann es schaffen.

20 oder 21 Jahre alt ist Benner zu diesem Zeitpunkt, genau weiß sie es nicht mehr. Worum es damals ging, weiß sie aber noch genau: Die große Darmstädter Maschinenbaufirma, bei der sie damals Mitte der 80er arbeitet, weigerte sich, ihre Mitarbeiter für Reisezeiten zu bezahlen. Nachdem keine der vielen Verhandlungen zu einem Erfolg führt, holt sich Benner bei ihren Kollegen Beispielrechnungen. Das Ergebnis – den Mitarbeitern entgingen pro Jahr zum Teil vierstellige Beträge – präsentiert sie auf der Betriebsversammlung. „Wenn es im Guten nicht klappt, muss man auch mal härtere Bandagen auffahren“, sagt sie. „Schließlich wusste ich: Wir sind im Recht.“ Benners Mut wird belohnt. Nachdem sie auf der Betriebsversammlung gesprochen hat, lenkt der Vorstand ein. Mit ihrem Chef hat sie es sich verscherzt. Doch die Reisezeit wird von da an bezahlt.

Dass sie das Verhältnis zu ihrem Vorgesetzten aufs Spiel gesetzt hat, sieht Benner auch heute noch gelassen. Manchmal muss das eben sein. Die gute Sache, der Einsatz für die Allgemeinheit, kommt bei ihr vor der eigenen Karriere. „Fairness und Gerechtigkeit, das war schon immer so eine Triebfeder von mir.“ Erst die anderen, dann sie. Vielleicht ist gerade diese Einstellung ein Grund dafür, dass Christiane Benner, die unerschrockene Betriebsrätin von damals, Karriere in der Gewerkschaft gemacht hat. Das Unerschrockene hat sie sich behalten. Man glaubt ihr sofort, dass sie es ohne zu zögern mit jedem Reisezeit-Zahlverweigerer und Mindestlohnleugner aufnimmt. Durchsetzungsfähig und entschlossen wirkt sie. Als „Optimistisch, gestaltungswütig und ziemlich energiegeladen“ beschreibt sie sich selbst und lacht. Es klingt, als wäre ihre Selbstbeschreibung zutreffend.

Frausein großes Thema

Als erste Frau überhaupt ist Benner im Oktober 2015 zur Zweiten Vorsitzenden der IG Metall gewählt worden. Gerade rund um ihre Wahl ins Führungsgremium war das Frausein oft ein größeres Thema als ihre Positionen. Nervt das nicht, ständig darauf angesprochen zu werden? „Ne, eigentlich nicht. Wobei, manchmal schon ein kleines bisschen.“ Warum schon wieder? denkt sie sich dann. „Man ist so exponiert über das Geschlecht. Ich rede viel lieber über Digitalisierung als über meine Rolle als Frau“, sagt sie.

Und dann legt sie direkt los: Das Arbeitsleben wird sich mit der neuen Technik rasant verändern, ja, es hat sich zu einem großen Teil bereits verändert, das steht für Benner fest. Industrie 4.0 nennt sie die Fabriken der Zukunft, die gesamte Digitalisierung eine „Mega-Herausforderung“. Die digitale Arbeitswelt ist Benners Steckenpferd.

Wie für jeden Menschen jenseits der 30 gibt es jedoch auch für Christiane Benner ein Leben vor der künstlichen Intelligenz und Digitalarbeit. Das ihre beginnt 1968 in Aachen, bald darauf folgt der Umzug nach Bensheim. Einmal pro Jahr steigt das große Winzerfest, Benner hilft mit ihrer Handballmannschaft ehrenamtlich beim Ausschank. Nach dem Abitur zieht es Benner nach Darmstadt zu eben jenem Maschinenbauunternehmen, das sie zwei, drei Jahre später als Betriebsrätin aufmischt.

Ihrer Heimat Bensheim kehrt Benner den Rücken. Kann sie als Gewerkschafterin und SPD-Mitglied eigentlich etwas mit diesem Begriff anfangen? Ist dieses ständige Gerede von Heimat nicht klar aus dem CSU- und AfD-Wortschatz? „Ich verwende das Wort nicht oft. Ich bin einfach dort zuhause, wo ich mich zugehörig fühle.Im lebendigen und vielfältigen Frankfurt ist das ganz eindeutig der Fall“, sagt sie.

Seit 1997 bei der IG Metall

Mit Mitte zwanzig beginnt Christiane Benner ein Soziologiestudium. Erst in Marburg, dann in Frankfurt. Für ein Auslandsjahr geht sie in die USA. 1997 beginnt sie bei der IG Metall in der  örtlichen Geschäftsstelle, in Frankfurt. Dann arbeitet sie in der Bezirksleitung in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. 2008 kehrt sie als Bereichsleiterin des Gewerkschaftsvorstands nach Frankfurt zurück. Seit ihrem Einstieg in die IG Metall kümmert sich Benner um die Betreuung der Beschäftigten in Technik- und Kommunikationsbetrieben. Klar, dass jemand mit diesem Hintergrund dafür verantwortlich ist, seine Gewerkschaft auf die Digitalisierung vorzubereiten.

Für Christiane Benner, die erste Frau in der Führungsriege der IG Metall, gibt es aber auch ein Leben außerhalb der Gewerkschaft. „Ich bin ein Genussmensch“, sagt sie. Sie geht in die Berge, joggt und schwimmt gerne. Sie mag es, sich zu bewegen. Irgendwo muss diese geballte Ladung Energie in Benner ja hin.

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