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Einzige Walnussbaumplantage in Hessen: Christine Straub und Frank Flasche sind die Nussmacher

Von Rosen und Wein veredeln, das kennt man. Aber Walnüsse? In Deutschland gibt es nur vier Walnussveredler, einen davon in Hessen. Und für den beginnt jetzt die heiße Phase seiner Arbeit.
Bilder > Christine Straub und Frank Flasche zeigen auf dem Gelände ihrer Walnussplantage in Biebesheim Körbe voller Walnüsse, die an ihren eigenen Bäumen gewachsen sind. Seit 2009 veredeln sie im Nebenerwerb Walnüsse. Sie sind die einzigen Walnussveredler in Hessen.
Biebesheim. 

Walnussbäume, das sind die Dinger, die einfach irgendwo aus dem Boden wachsen und die in den meisten deutschen Gärten keine guten Überlebenschancen haben – nicht nur, weil man gut und gerne zehn Jahre auf die ersten Nüsse warten muss, sondern auch, weil diese Bäume angeblich anderen Pflanzen den Raum zum Leben nehmen. Was der Freund des englischen Rasens gerne aus dem Boden reißt, das wird bei Christine Straub und Frank Flasche gehegt und gepflegt und zu einer Güte getrieben, dass es fast jeder haben möchte – selbst der deutsche Zierrasenfreund. Denn erstens: Die Bäume von Straub und Flasche bringen schon nach drei Jahren Walnüsse hervor. Und zweitens: Diese Nüsse sind mit dem, was man landläufig als Walnuss kennt, gar nicht zu vergleichen.

Wunder von Monrepos

Frank Flasche lässt die Schale einer Walnuss krachen, klappt sie auf und nimmt einen beeindruckend großen Nusskern heraus. Die Nuss gleicht einem gemalten Kunstwerk, ihr Name mutet an wie eine literarische Dichtung: „Wunder von Monrepos“ – eine Kreuzung aus den Sorten Weinsberger Walnuss und Geisenheimer Walnuss, die 1983 an der Hochschule Geisenheim entstanden ist. Der Name hält, was er verspricht: ein sinnliches Geschmackserlebnis, das mit dem Gedanken „Bitte mehr davon!“ endet.

„Das ist doch was ganz anderes“, grinst Flasche, der vor rund sechs Jahren die Walnüsse aus dem Supermarkt satt hatte: „Die schmecken oft ranzig und bitter und sind häufig schimmelig – sehr enttäuschend.“

30 000 Tonnen Walnüsse werden jedes Jahr aus Kaliforniern, Chile und Frankreich nach Deutschland importiert. Flasche und Straub ärgerten sich nicht nur über die schlechte Qualität der Ware, sondern auch darüber, dass etwas tausende Kilometer weit transportiert wird, das in Deutschland durchaus seine Daseinsberechtigung hat: „Das ist genauso unsinnig, wie wenn Sie australischen Wein hierher transportieren. Und hier kommt noch dazu: Die Nuss ist eigentlich ein Frischeprodukt.“

„Früher stand in jedem zweiten Hof in Biebesheim ein Walnussbaum“, so Flasche. Es hat sich nur niemand richtig um die Walnussbäume gekümmert. Sie wurden sich selbst und dem Zufall überlassen. Dabei ist Deutschland ein Walnussland: „Der Walnussbaum gehört zu Mitteleuropa, besonders in Weinanbaugebieten.“ Vor dem Hintergrund all dieser Überlegungen gründeten Flasche und Straub 2009 die Riednuss GbR, wurden Walnussbaum-Veredler im Nebenerwerb. Beide sind Diplomforstwissenschaftler, arbeiten für die Entwicklungshilfe und waren auch im Ausland tätig.

Vom Aussterben bedroht

Flasche und Straub züchten nun selbst mehr als 20 alte deutsche Walnusssorten – manch eine davon ist vom Aussterben bedroht, wächst nur noch in einem einzigen hessischen Garten und – eben jetzt – bei Frank Flasche.

Mit der Zucht kann man die Qualitätsmerkmale weitergeben, die man erhalten möchte. „Es gibt mehr als 200 Walnussarten, das weiß nur kaum jemand“, schildert Christine Straub und legt eine Reihe unterschiedlicher Nüsse nebeneinander auf die Tischplatte: kleine und große, gräulich, gelblich, bräunlich, mit rauer Oberfläche oder glatt, manche runder, manche eiförmiger. Auch der Blick ins Innere der Nüsse offenbart deutliche Unterschiede, von der Größe des essbaren Nusskerns bis hin zu dessen Farbe, die sogar feurig rot sein kann. Geschmacklich bieten die Nüsse riesige Unterschiede, manche sind süßer, andere herber– auch die Inhaltsstoffe unterscheiden sich deutlich. Bei der Sorte „Lara“ fehlen beispielsweise die Bitterstoffe, damit ist sie auch für Allergiker geeignet.

Zu den Qualitätskriterien eines Walnussbaumes zählen auch die Robustheit des Baumes, die Dichtigkeit der Nussschale, die leichte Herauslösbarkeit des Nusskerns und die Standortgerechtigkeit des Baumes. „Pflegeleicht sind sie alle“, betont Flasche. Ein kleiner Pflegeschnitt und der Baum fühlt sich wohl. Mit wechselhafter Wasserverfügbarkeit kommen die Bäume gut klar.

Einzig das Veredeln macht einige Tage ordentlich viel Arbeit. Jetzt, Ende Januar, veredelt Frank Flasche gemeinsam mit Christine Straub täglich 600 Bäume. Die Technologie entstammt der Weinveredelung. Unterlage und Edelreißer werden per Hand mit einem Omegaschnitt versehen. Dann können beide Pflanzenteile wie Puzzlestücke zusammengefügt werden. Nach einigen Wochen in Wärmeraum bei einer konstanten Temperatur sind sie zusammengewachsen und können in die Erde gesetzt werden. Mehr verrät Flasche nicht, das sei schon ein bisschen ein Betriebsgeheimnis, lächelt er.

Noch einen Vorzug stellt Flasche heraus: Auf Walnussplantagen gehe es Natur, Insekten und Tierwelt besser als in der herkömmlichen Landwirtschaft. „Als wir den Rübenacker hier übernommen haben und die ersten 600 Löcher für unsere Bäume gegraben haben, haben wir nicht einen Regenwurm gesehen“, schildert Flasche. Mittlerweile fühlen sich alle möglichen Tiere wie Fasane, Feldhühner, Igel, Kröten und Amphibien, etliche Dutzend Kräuterarten und Insekten wie auch seltene Schmetterlinge auf der Walnussbaumplantage wohl. Zehn Prozent ihres Umsatzes geben die Walnussexperten in Biodiversitäts-Schutzmaßnahmen. Dafür wurden sie vom hessischen Umweltministerium und von Alnatura ausgezeichnet.

Das Lager ist leer

Walnüsse seien ein recht dankbares Anbauprodukt: verhältnismäßig wenig Aufwand, aber ein ganz guter Ertrag. Der Preis für ein Kilogramm Nüsse kann bis zu 13 Euro betragen. Die Nüsse lassen sich zudem verarbeiten, zum Beispiel zu Walnuss-Öl. Straub und Flasche wollen das jetzt ausprobieren. Sie könnten sich vorstellen, mit anderen Walnussbauern eine Kooperative aufzubauen und beispielsweise eine gemeinsame Verarbeitungsstraße zu betreiben. Wenn die Riednuss-Bäume älter und robuster sind, käme für die Ernte auch eine Rüttelmaschine in Frage. Im Moment pflücken Flasche und Straub noch per Hand.

Dass es einen Markt gibt, belegt ihr leeres Lager: „Wir haben keine Nüsse mehr.“ Nüsse und Bäume verkaufen die Biebesheimer inzwischen bundesweit und sogar bis in die Schweiz.

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