Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 10°C

Susanne Schröter ist Expertin für den radikalen Islam: Den Alltag der Muslime im Blick

Von Sie warnte als Erste vor der Abhängigkeit des islamischen Verbandes Ditib vom türkischen Staat: Susanne Schröter, Professorin an der Frankfurter Goethe-Universität. Dabei ist die 59-Jährige eigentlich Ethnologin und untersuchte auf einer kleinen Insel die Angst der Männer vor den Frauen.
Evakuierung in Frankfurt: 600 Sanitäter wurden in Kalbach versorgt Foto: Anne-Rose Dostalek Susanne Schröters Wand zieren viele Erinnerungsstücke aus der orientalischen Welt.
Wiesbaden. 

Die Überraschung sind die Muschelkette aus Polynesien, der orientalische Dolch an der Wand, die grimmige Maske. „Das ist ein guter Dämon“, sagt Susanne Schröter, „mein neuestes Stück.“ Ja, ist denn Susanne Schröter, Expertin für radikalen Islam, gar keine Islamwissenschaftlerin? „Nein“, sagt sie lachend, „und das ist auch gut so. Ich beschäftige mich mit dem gelebten Islam.“ Die Frau, die 2014 das Forschungszentrum für Globalen Islam an der Universität Frankfurt gründete und damit Aufmerksamkeit erregte, ist eigentlich Ethnologin.

„Die Ethnologie hat die Menschen im Blick“, sagt Schröter, wäre sie Islamwissenschaftlerin, „würde ich ständig in Texten „den wahren“ Islam suchen.“ Sie aber interessiere das, was sich im Alltag auswirke. „Wenn ich mit Muslimen in einer Moschee beim Frauenfrühstück sitze, interessiert mich: Was denken die? Wie verhalten die sich untereinander“, erklärt Schröter.

Viele Gruppen besucht

Drei Jahre lang untersuchte sie muslimische Gruppen und Moscheen in Wiesbaden, traf sich mit Frauen, besuchte Feste, lud Menschen ein. „Auf dieser empirischen Forschung beruhen viele Erkenntnisse“, sagt sie. Ihr Buch „Gott näher als der eigenen Halsschlagader“ – ein Koranzitat – war das Ergebnis, es zeigte erstmals fundiert auf, wie strenggläubige Muslime in Deutschland leben und denken.

Dabei ging es Schröter ursprünglich gar nicht um den Islam: Geschlechterverhältnisse interessierten die junge Frau, ihre Magisterarbeit schrieb sie über Matriarchatstheorien. Schröter stammt aus Nienburg in Niedersachsen, wuchs in Worms auf und studierte an der Universität Mainz Kulturanthropologie, Ethnologie, Soziologie und Volkskunde – „aus Interesse und äußerst gern“, sagt sie. Sie lernte ein Jahre lang Birmanisch. „Als Teenager war ich mal der Meinung, der Kommunismus sei die Erlösung“, erzählt sie lachend.

Konsequenterweise arbeitete Schröter nach dem Abitur ein Jahr lang bei der BASF in Ludwigshafen, um die Arbeiterwelt kennen zu lernen. Während ihres Studiums fuhr sie Taxi, kellnerte, kochte, renovierte Wohnungen – und bekam drei Kinder. Im Frauenmuseum in Wiesbaden fand sie ihren ersten Job nach der Uni, „das passte gut zu meiner Genderorientierung“, sagt sie. In die Wissenschaft wollte sie nicht – zu langweilig, dachte sie.

Doch dann motivierte sie ihr alter Professor, Schröter promovierte über das Geschlechterverhältnis in polynesischen Mythen und Ritualen, spürte „der Angst der Männer vor den Frauen nach.“ In Indonesien fand sie ihr Gebiet für die Feldforschung, eine kleine Insel mit einer als matriarchalisch geltenden Gesellschaft. 14 Monate lebte sie dort mit ihren Kindern, „meine Jungs haben sich dort sauwohl gewühlt“, erzählt sie. Sie konnten klettern, rennen, Feuer machen.

„Da ist mir bewusst geworden, dass wir hier in Deutschland ein echtes Problem haben mit aggressiven jungen Männern“, sagt Schröter – eine Ursache, warum junge Muslime radikale Strömungen und den IS attraktiv finden. Nebenher stellte sie fest, „dass es mit dem Matriarchat gar nicht so glorios ist“, erzählt sie, „das war sehr heilsam.“

In Indonesien kam sie auch mit dem Islam in engen Kontakt, „sehr spannend“ sei der, sagt sie, „ich finde da viele Sachen sehr attraktiv.“ Ein „Zuhause“ in einer Religion habe sie aber nie gefunden. „Bei mir ist es eher so, dass ich alle in Teilen für richtig halte“, sagt sie. Nach dem verheerenden Tsunami von 2004 half Schröter in Banda Aceh beim Wiederaufbau und lernte dort den radikalen Islam kennen.

„Es gibt Abschottung“

2004 trat sie ihre erste Professur an, für Südostasienkunde, in Passau. Sie organisierte eine internationale Konferenz zu islamischem Feminismus, aus ihrer Genderforschung heraus. 2008 kam sie als Ethnologieprofessorin an den Exzellenzcluster „Normative Ordnungen“ in Frankfurt, wieder lotete sie Neues aus: Aus der Erforschung von Extremismus in der islamischen Welt heraus begann sie, den Blick auf Deutschland zu richten. Ethnologie richte eigentlich den Blick in die Welt, „das Eigene zu untersuchen, war nicht gebräuchlich“, sagt sie.

Schröter aber fand die Realität vor der Haustür spannend – und deckte auf, wie sehr konservative und radikale Thesen auch bei Muslimen in Deutschland Anklang finden. „Der Befund ist eindeutig“, sagte sie: „Es gibt Abschottung, die Religion nimmt immer stärkeren Einfluss auf die Jugendlichen – und sie spaltet.“ 2014 gründete sie das Forschungszentrum für Globalen Islam in Frankfurt, das Thema werde ihr wohl „noch eine Weile erhalten bleiben“, sagt sie trocken.

Doch sie wolle sich nicht nur mit Extremismus beschäftigen, betont Schröter: Die liberalen Muslime interessieren sie. Das Zentrum sei auch dafür da, säkularen Ideen zum Islam eine Plattform zu bieten, sagt sie, „ich möchte diese Leute stärker unterstützen.“ Denn eine Islamische Renaissance, ein Aufbruch in eine moderne Interpretation dieser Religion, „das muss eigentlich kommen.“ Und sie fände es „sehr schön, dazu einen kleinen Beitrag leisten zu können.“

Zur Startseite Mehr aus Rhein-Main & Hessen

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse