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Prozess in Gießen: Der Fall Johanna: „Ein grausames Verbrechen“

Ein 42-Jähriger soll vor fast 19 Jahren die kleine Johanna missbraucht und ermordet haben. Vor Gericht will er Rede und Antwort stehen, kündigt er an.
Der Angeklagte (Mitte) will laut Verteidigung am nächsten Verhandlungstag Anfang Mai aussagen.
Gießen. 

Die Türen zum Gießener Landgericht öffnen sich kurz vor 9 Uhr. Rund 70 Menschen steigen langsam die Treppenstufen nach oben – in Gerichtssaal 200. Ganz hinten am Ende der Menschentraube wartet ein älterer Herr. „Ich bin aus Friedrichsdorf“, sagt der 79-Jährige – aus der Heimatgemeinde des Mannes also, der die achtjährige Johanna Bohnacker vor 20 Jahren gefesselt, sexuell missbraucht und getötet haben soll und sich nun vor Gericht verantworten muss. „Ich will wissen, wie der Angeklagte aussieht, ob ich ihn erkenne“, sagt der 79-Jährige. Die Tat habe auch ihn betroffen gemacht. „Wer weiß, Friedrichsdorf ist klein“, sagt er. „Vielleicht hat er auch mal versucht, meine Enkelkinder zu belästigen.“

Zahlreiche Bürger

Neben Reportern und Kameraleuten nehmen zahlreiche interessierte Bürger aus Gießen und dem Umland im Saal Platz – und ein Zwillingspaar. Bernd und Wolfgang Böhm, gekleidet in Jeans und T- Shirts, sind Prozessjunkies. „Hoeneß, Kachelmann oder der Fall Weimar: Bei großen Verhandlungen sind wir immer dabei“, sagt Bernd Böhm. Mehr als 1000 Verhandlungen hätten die Rentner aus der Nähe von Weinheim in der Bergstraße schon miterlebt. Der Mordfall Johanna derweil sei „ein grausames Verbrechen. Unmenschlich.“ Wenige Meter entfernt sitzt Jenny Bürger aus Buseck. „Das ist kein Tatort, kein Fernsehen“, erklärt sie. „Das ist die kalte Realität.“ Ganze zwölf Minuten dauert der erste Verhandlungstag. Die Reporter unterdessen warten vorher stundenlang, wuseln durch den Saal.

Auftakt Mordprozess Johanna Bohnacker Bild-Zoom Foto: Boris Roessler (dpa)
Hofft auf einen schnellen Prozess: Gabriele Bohnacker.

Ein Fotograf entdeckt auf der Richterbank fünf dicke Aktenordner, auf denen ein orangefarbener Aufkleber befestigt ist: „Haft“. Außerdem steht darauf geschrieben: „Delikt: Paragraf 211 des Strafgesetzbuchs. Mord“. Es sind die Akten des Verfahrens. Der Fotograf schießt ein Bild – und plötzlich machen es ihm alle Kameraleute gleich, sofort bildet sich eine riesige Menschentraube um die Richterbank.

Das Grab von Johanna Bohnacker auf dem Friedhof in Bobenhausen.
Prozessauftakt Fall Johanna: Angeklagter will reden

Ein Mann aus dem Taunus trifft 1999 in der Wetterau auf ein acht Jahre altes Mädchen. Kurz darauf ist das Mädchen tot. Ein Unfall, sagt der Mann heute. Mord, sagt die Staatsanwaltschaft. Am ersten Prozesstag macht die Verteidigung eine Ankündigung.

clearing

Danach postieren sich die Fotografen vor einer dicken Tür aus dunklem Holz ganz hinten im Saal. Durch diese hohle Gasse muss er kommen, der Angeklagte. Einmal öffnet sich ganz langsam die Tür, gespannt zücken die Fotografen ihre Geräte – und senken sie kurz darauf leise seufzend, als nur ein Justizbeamter erscheint. Mit einem Mal aber ist das Stimmengewirr zu Ende, es wird mucksmäuschenstill. Nur das Rattern und Klicken von Kameras ist zu hören, während Rick J. mit gesenktem Blick und mit Handschellen gefesselt in den Saal schreitet. Nur einmal am ersten Verhandlungstag wird es hektisch und emotional. Nachdem die Anklage verlesen ist, stellt sich draußen vor dem Saal Gabriele Bohnacker in eine Ecke und kündigt eine kurze Erklärung an.

Statement der Mutter

Sofort bildet sich ein Pulk um die Mutter des 1999 ermordeten Mädchens Johanna. Journalisten rennen in die Ecke, ein Dutzend Kameras bauen sich vor ihr auf, Mikrofone ragen ihr bis ans Gesicht. Ihre Mundwinkel zittern leicht, doch sie wirkt gefasst. „Das ist kein guter Tag“, sagt sie mit fester Stimme: „Ich hoffe auf einen schnellen und revisionssicheren Prozess.“ Ein Reporter fragt, ob sie erleichtert sei, dass es endlich zum Verfahren um den Tod ihrer Tochter komme. Sie entgegnet: „Für mich wird es nie einen Abschluss, nie ein Ende geben.“ Der Angeklagte ist bereits wieder auf dem Weg in seine Zelle der U-Haft in der JVA Gießen, da räumt Staatsanwalt Thomas Hauburger ein: Auch für ihn sei es ein besonderer, außergewöhnlicher Prozess. „Vor allem ist der Fall besonders grausam. Das ist sehr belastend.“ Der Saal leert sich in Sekundenschnelle. Der Angeklagte will sich zu der Tat äußern. Vielleicht tut er damit auch mal etwas Positives in seinem vermiesten Leben“, sagt Prozessbeobachter Wolfgang Böhm.

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