Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Titelbild Mainova Marathon Laufsport - alles rund um den Mainova IRONMAN Frankfurt 2017 Frankfurt am Main 23°C

Zentren für Flüchtlinge mit schweren seelischen Verletzungen: Der Schatten des Traumas

Viele Flüchtlinge haben unermessliches Leid hinter sich, mussten Gräueltaten mit ansehen, erlitten Todesangst. Um das Trauma zu bewältigen, benötigen sie professionelle Unterstützung. Die Fürsorge zahlt sich laut Experten auch für künftige Generationen aus.
Illustration - Traumatisierte Flüchtlinge und Folteropfer Foto: Nicolas Armer (dpa) Viele Flüchtlinge mussten in ihren Herkunftsländern Schreckliches ansehen – ihnen soll geholfen werden.
Wiesbaden. 

Traumatisierten Flüchtlingen soll künftig an hessenweit vier psychosozialen Beratungsstellen professionelle Hilfe angeboten werden. Die Einrichtung der neuen Zentren fuße auf Erfahrungen aus dem Darmstädter Pilotprojekt „Step-by-Step“, erklärte der Staatssekretär für Integration und Antidiskriminierung, Jo Dreiseitel (Grüne), am Dienstag in Wiesbaden.

Die geplanten Beratungszentren könnten voraussichtlich noch dieses Jahr in Kassel, Gießen, Frankfurt und Darmstadt an den Start gehen. Sie stehen nicht nur Flüchtlingen aus den Erstaufnahmeeinrichtungen offen, sondern auch Hilfesuchenden, die bereits den Kommunen zugewiesen wurden. Für die Finanzierung sei jährlich ein „hoher siebenstelliger Betrag“ vorgesehen, sagte Dreiseitel.

Das Land Hessen hatte im Verlauf des großen Flüchtlingszustroms 2015 ein Pilotprojekt in der Darmstädter Erstaufnahmeeinrichtung „Michaelisdorf“ zur Betreuung traumatisierter Flüchtlinge begonnen. Das Forschungsprojekt stand unter der Leitung Leuzinger-Bohlebers, der geschäftsführenden Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts, das auf die Behandlung solcher Traumata spezialisiert ist. Die Professorin hatte das Projekt gemeinsam mit der Familienforscherin Sabine Andresen von der Goethe-Universität wissenschaftlich begleitet. Das Angebot in „Michaelisdorf“ war Ende April offiziell ausgelaufen. Allerdings engagierten sich viele Helfer dort weiter ehrenamtlich, wie Leuzinger-Bohleber erklärte.

Es bestehe die Gefahr, dass „Schatten des Traumas“ auch die zweite und dritte Generation der Zuwanderer erfassten, sagte Leuzinger-Bohleber. Bei rund einem Drittel der Kinder traumatisierter Eltern zeigten sich beispielsweise Bindungsschwierigkeiten.

Für die Geflüchteten seien unter anderem persönliche und verlässliche Ansprechpartner wichtig, aber auch ein geregelter Tagesablauf. Hilfreich sei außerdem, wenn sich die Flüchtlinge aktiv am Gemeinschaftsleben in einer Unterkunft beteiligen, erläuterte Leuzinger-Bohleber.

Besonderes Augenmerk wird auf traumatisierte Frauen und Kinder unter den Flüchtlingen gelegt. Als Trauma werd eine schwere seelische Verletzung bezeichnet, wie sie Flüchtlinge oft vor allem in ihrer Heimat durch extrem belastende Vorkommnisse erlitten haben. In dem Bericht wird zum Beispiel das Schicksal einer nach Hessen geflüchteten etwa 40 Jahre alten Frau aus Afghanistan geschildert, deren Tochter von den Taliban aus der Schule herausgezerrt und ermordet wurde. Wie die heftig weinende Frau von ihrem schlimmen Schicksal berichtet und im Lauf der Gespräche mit den Traumaexperten ganz langsam wieder Fassung gewinnt, geht aus dem Bericht ebenso hervor wie bei einer ganzen Reihe ähnlicher Fälle.

„Besonders für die schwer Traumatisierten ist eine möglichst zeitnahe professionelle medizinische, psychotherapeutische und sozialarbeiterische Notfallhilfe unbedingt notwendig, um schon in der Einrichtung – zusammen mit den Teams vor Ort – erste Schritte zur Traumabearbeitung anzubieten und gleichzeitig zweite Schritte nach dem Transfer in Festunterkünfte einzuleiten“, sagte die Psychoanalytikerin.

Ihre Professoren-Kollegin Andresen betonte die Wichtigkeit kinderfreundlicher Räume in jeder Einrichtung für Geflüchtete. Den Hilfsangeboten lag die Haltung zugrunde, Menschen nicht auf ihr Fluchtschicksal zu reduzieren, sondern ihre Ressourcen und Stärken zu sehen.

Integrations-Staatssekretär Dreiseitel versprach, dass die Ergebnisse des Projekts auch Eingang in die Praxis aller anderen Standorte der hessischen Erstaufnahme finden sollten. Das „Step by Step“ genannte hessische Projekt ist nach seinen Worten bundesweit einmalig. Die Beratungszentren dienten als erste Anlaufstelle zu Krisenintervention und Stabilisierung und sollten Ansprechpartner in Fragen der psychosozialen Betreuung für Kommunen sowie für freiberufliche Therapeuten und Dolmetscher sein.

(lhe,epd)
Zur Startseite Mehr aus Rhein-Main & Hessen

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse